Alles richtig und wahr…

Philip Pettit: Gerechte Freiheit. Ein moralischer Kompass für eine komplexe Welt. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann. Suhrkamp, € 29,95.

 

Um zu verdeutlichen, worum es ihm geht, unternimmt Philip Pettit zu Beginn seines Buchs einen Ausflug in die Literatur, zum Schauspiel Nora oder Ein Puppenheim des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Die Titelfigur Nora erfreut sich in ihrer Ehe mit Torvald außergewöhnlicher Freiräume, höchst untypisch für eine Frau des 19. Jahrhunderts. Die damaligen Konventionen des Ehelebens hätten Torvald auch ein ganz anderes, repressives Gebaren erlaubt. Doch er liebt seine Frau über alles. Das ist Glück für Nora. Die Frage lautet: Genießt sie, nur weil sie nach eigenem Gusto leben darf, auch echte Freiheit? Philip Pettit antwortet mit einem klaren Nein. Denn wenn es Torvald plötzlich einfiele, seine Frau nicht an der langen, sondern an der kurzen Leine zu halten, hätte sie dagegen keine Handhabe. Sie müsste sich fügen.

Wie im privaten Leben, so auch in der Politik. Freiheit, sagt Pettit, muss strukturell verankert sein, sie kann nicht dem zufälligen Wohlwollen eines anderen überlassen werden.

„Jemandes Freiheit als Person verlangt mehr als nur unbehelligt zu bleiben oder lediglich von Nichteinmischung zu profitieren […]. Um eine freie Person zu sein, muss man über die Fähigkeit verfügen, bestimmte wesentliche Entscheidungen zu treffen, ohne die Erlaubnis eines anderen einholen zu müssen […]. Freiheit in diesem Sinne erfordert nicht nur das Fehlen von Einmischung, sondern von Unterordnung unter einen anderen […]. Um Freiheit zu haben, muss man eine Einmischung verhindern können, selbst wenn andere dies vorhaben […].“

„Freiheit als Nichtbeherrschung“ nennt Pettit dieses Konzept. Es ist nicht zu verwechseln mit völliger Herrschaftsfreiheit im anarchistischen Sinn. Der Autor steht in einer republikanischen Denktradition. Er glaubt zum Beispiel, dass Menschen notwendigerweise in Staaten zusammenleben müssen. Worauf es ankommt, ist, dass sie sich aus freien Stücken Regeln des Zusammenlebens geben, denen alle zustimmen können und die ausnahmslos für alle gelten. Wer die Regeln verletzt, kann dann die Zwangsgewalt des Staates zu spüren bekommen, ohne im eigentlichen Sinn „beherrscht“ zu werden. Selbst politische Entscheidungen oder administrative Maßnahmen, die für Einzelne oder Gruppen nachteilig sind, können Legitimität beanspruchen – vorausgesetzt, die Betroffenen haben das Gefühl, dass unparteiisch und nach Recht und Gesetz verfahren wurde.

Aber was ist mit der sozialen Dimension von Freiheit? Müssen wir nicht erst ein hohes Maß an materieller Gleichheit und sozialer Sicherheit erreicht haben, damit die „Freiheit als Nichtbeherrschung“ überhaupt eine Chance erhält? Nein, entgegnet Pettit, genau umgekehrt wird ein Schuh daraus:

„Wenn wir uns im Kontext der nationalen Gesetzgebung und Regierung um Freiheit als Nichtbeherrschung kümmern, um die Abhängigkeit der Menschen von anderen in Bereichen einer wirklich persönlichen Wahl zu verhindern, werden wir uns auch um solche Güter wie die soziale, medizinische und justizielle Sicherheit, Respektierung im häuslichen Bereich und am Arbeitsplatz und, allgemeiner betrachtet, um eine funktionierende Rechts- und Wirtschaftsordnung kümmern müssen. Sofern wir den Eintrittspreis für Freiheit zahlen, werden wir genug gezahlt haben, um uns damit den Zugang zu diesen anderen spezielleren Werten ebenfalls zu sichern.“

Damit nicht genug: Die Idee der „Nichtbeherrschung“ lasse sich, so Pettit, auch auf die internationale Ebene, auf das Zusammenleben von Staaten übertragen; es wird von ihm ähnlich gedacht und konzipiert wie das Zusammenleben von Individuen innerhalb der Staaten…

Und was heißt das alles konkret, in der politischen und gesellschaftlichen Praxis? Pettit will sein Freiheitskonzept als einen „moralischen Kompass“ verstanden wissen, als ein „regulatives Ideal“. Wir sollten eine Gesellschaft anstreben, die sozial ausgeglichener ist als die gegenwärtige, die mehr Partizipation gewährt, mehr Machtkontrolle ermöglicht. Wir dürfen uns nicht mit sporadischer Einflussnahme begnügen, sondern müssen eine umfassende, permanente Kontrolle des Regierungshandelns oder der Aktivitäten mächtiger Wirtschaftsunternehmen organisieren. Das könne zwar, sagt Pettit, nicht von heute auf morgen gelingen, erfordere Zeit und Geduld. Aber die Geschichte westlicher Demokratien lehre, dass Fortschritte in Richtung „Nichtbeherrschung“ möglich seien.

Alles richtig und wahr – aber den wirklich kniffligen Fragen weicht Pettit leider aus. Kann man vergangene Erfolge ohne weiteres in die Zukunft projizieren? Verläuft der demokratische und soziale Fortschritt ungebrochen? Hat er nicht sogar – man denke an die vergangenen zwei, drei Jahrzehnte – beträchtliche Rückschläge erlitten? Pettit selbst räumt ein, dass westliche Demokratien dem Ideal einer „Freiheit als Nichtbeherrschung“ bislang allenfalls fragmentarisch gerecht werden. Was er zum Beispiel über den aktuellen Zustand der USA sagt, ist alles andere als schmeichelhaft. Gemessen am Ideal der Nichtbeherrschung offenbare dieses Land – wörtlich – „Defizite und Verstöße von ungeheuerlichen Ausmaßen“. Jedoch: Kein Wort verliert er zur Frage, warum das so ist, wie es so weit kommen konnte, wo der Ansatzpunkt zur Veränderung wäre.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“, sagt Mephisto. Das stimmt zwar so generell nicht, aber in diesem Fall trifft es zu. Wieder ein Buch, das es sich zu einfach macht: indem es einen mangelhaften Ist-Zustand A mit einem erstrebenwerten Zustand B kontrastiert, sich aber darüber ausschweigt, wo genau der Weg von A nach B verläuft. Anders und zugespitzt: Wozu brauchen wir einen Kompass, der uns Richtung und Ziel weist, wenn wir die Wege dahin versperrt finden?

(Beitrag für WDR 3, „Gutenbergs Welt“, 31.01.2016)

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