Die Geschichte der Anderen

Vielen scheint der israelisch-palästinensische Konflikt unlösbar. Doch statt zu resignieren, haben sich im Jahr 2000 auf Initiative des „Peace Research Institute in the Middle East“ – abgekürzt PRIME – palästinensische und israelische Lehrer zu Diskussionsrunden zusammengefunden. Daraus ist ein kontrovers angelegtes Schulbuch entstanden, das die einzelnen Etappen des inzwischen hundertjährigen Konflikts aus der ganz unterschiedlichen Sicht beider Konfliktparteien erzählt. Der Titel des Buches formuliert das Ziel:

Die Geschichte des Anderen kennenlernen. Israel und Palästina im 20. Jahrhundert. Herausgegeben vom Peace Research Institute in the Middle East. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien und aus dem Hebräischen von Avner Ofrath. Campus Verlag, 279 Seiten, € 29,90.

Einige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde der französische Politiker Georges Clemenceau gefragt, was künftige Historiker wohl über die damals viel diskutierte Kriegsschuldfrage denken werden. „Das weiß ich nicht“, soll Clemenceau geantwortet haben, „aber eine Sache ist sicher, sie werden nicht sagen: Belgien fiel in Deutschland ein.“

Das soll heißen: Es gibt historische Tatsachen, deren Anerkennung absolut zwingend ist. Doch ganz so einfach, wie Clemenceau suggeriert, verhält es sich nicht. Denn jede Tatsache hängt mit einem Bündel anderer Tatsachen zusammen, ist Teil komplizierter Kausalketten, kann unterschiedlich gewichtet werden. Der Band „Die Geschichte des Anderen kennen lernen“ bietet dafür zahllose Beispiele. Nehmen wir die erste Intifada, die im Dezember 1987 ausbrach. Selbstverständlich kann man den Aufstand der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten ganz unterschiedlich bewerten. Aber, so die Vermutung, wenigstens über die schieren Fakten sollte man sich doch verständigen können – etwa über die Ereignisse, die den Aufruhr auslösten. Doch dem ist nicht so. Die Sache stellt sich – je nach Perspektive – anders dar. Zunächst die israelische Sicht:

„Am 8. Dezember 1987 kollidierte ein israelischer Lastwagen mit einem palästinensischen Auto im Gazastreifen und vier Palästinenser kamen ums Leben. Die Palästinenser behaupteten, dies sei eine absichtliche Aktion gewesen und betrachteten sie als Mord. Während der Begräbnisse der vier Toten stürmten die Massen einen Posten von Tzahal in Gaza und bewarfen ihn mit Steinen. Solche Ausschreitungen wiederholten sich in den darauffolgenden Tagen. Diese Reihe von Ereignissen gilt als der Anfang des palästinensischen Kriegs – der Intifada.“

Deutlich anders sieht es die palästinensische Seite.

„Am 8. Dezember […] raste ein israelischer Lastwagenfahrer absichtlich in ein arabisches Auto. Mehrere Palästinenser fanden den Märtyrertod, andere wurden schwer verletzt.

Am nächsten Tag versammelten sich mehr als 6.000 Menschen im Flüchtlingslager Dschabaliya, aus dem drei der getöteten Insassen stammten, um ihnen das letzte Geleit zu geben. Das Leichenbegräbnis wurde zu einer gewaltigen Demonstration. Wie üblich setzten die israelischen Streitkräfte scharfe Munition sowie Tränengasbomben und Wasserwerfer ein, um die Protestierenden auseinanderzutreiben. Die Demonstranten wurden verprügelt und verhaftet; zahlreiche wurden dabei verletzt, einer getötet.“

Selbst professionelle Historiker, die eine abgeschlossene historische Epoche betrachten, können sich oft nicht darüber einigen „wie es wirklich gewesen ist“. Um wieviel ausgeprägter müssen die Divergenzen sein, wenn ein Konflikt – wie im Nahen Osten – noch virulent ist, und wenn nicht Historiker, sondern Politiker, Medien, Propagandaapparate das Feld beherrschen. Ihnen geht es nicht um die Annäherung an die Wahrheit, sondern um Selbstbestätigung. Sie konstruieren interessengeleitete Narrative: Wir sind im Recht – ihr seid im Unrecht; wir sind die Guten, ihr seid die Bösen. Wenn Tatsachen auftauchen, die dem eigenen Narrativ widersprechen, werden sie unterschlagen oder so zurechtgebogen, dass sie passen. Vor diesem Hintergrund kann man die Initiative, Lehrer von beiden Seiten zusammenzubringen und ein kontroverses Schulbuch zu verfassen, nicht genug rühmen. Entstanden ist eines der instruktivsten Bücher, die sich derzeit zum israelisch-palästinensischen Konflikt finden lassen. Und man kann nur wünschen, dass auch Menschen, die ihre Schulzeit schon hinter sich haben, die Texte lesen.

Auch die formale Gestaltung ist ungewöhnlich: Das Buch ist im Querformat gedruckt, geht also in die Breite; die Beiträge israelischer Autoren stehen jeweils auf den linken Buchseiten, die der palästinensischen auf den rechten. Man kann also gleichsam „parallel lesen“ oder problemlos von der einen zur anderen Perspektive springen. Zudem ist reichlich Platz vorgesehen für eigene Anmerkungen oder Notizen.

So scharf die Auffassungen der Autoren auch zuweilen kontrastieren, ihr übergreifendes Credo ist jederzeit präsent. Es lautet: Wir brauchen gleichermaßen mehr Israel-Versteher und mehr Palästinenser-Versteher. Wir müssen die Argumentation der jeweils anderen Seite zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, wenn es gelingen soll, verhärtete Fronten aufzubrechen, dominante Narrative zu hinterfragen, vielleicht zu korrigieren, und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Doch schon dieser bescheidene Ansatz geht vielen zu weit. Als die für das Projekt Verantwortlichen das Buch in die Schulen bringen wollten, gab es auf beiden Konfliktseiten erhebliche Widerstände. Das israelische Bildungsministerium etwa verweigerte ihm die Zulassung. Doch die Lehrer haben, wie Sami Adwan, Kodirektor von PRIME, berichtet, solche Hindernisse auf listige Weise unterlaufen.

„Entweder nehmen sie nicht das ganze Buch mit in die Klasse, sondern nur Kopien der Seiten, die sie gerade brauchen, oder sie benutzen das Buch als Modell: Wenn sie beispielsweise den Krieg von 1948 behandeln, bitten sie die Schüler, nach anderen Informationsquellen über diesen Krieg zu suchen, oder zu fragen, was denn wohl die Geschichte der anderen Seite zu diesem Thema sein könnte.“

Inzwischen sind die Texte in zahlreiche Sprachen übersetzt. In ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe betonen Daniel Becker und Gabriele Rosenthal, dass gerade hierzulande die Debatten zum Israel-Palästina-Konflikt aufgrund des historisch schwer belasteten deutsch-jüdischen Verhältnisses allzu oft hochgradig emotional und moralisierend verlaufen. Auch bei uns könnte, so ihre Hoffnung, etwas mehr Sachkenntnis eine heilsame Wirkung entfalten.

(Beitrag für SWR 2, „Forum Buch“, 16.08.2015)

2 Kommentare zu „Die Geschichte der Anderen

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