Zur Nachrichtenlage

Früher galt die Religion den Menschen als wesentliche Quelle der Orientierung und als Prüfstein der Autorität. In der Moderne hat sich das grundlegend geändert. Was einst die Religion war, das sind jetzt die „Nachrichten“. Keine neue Erkenntnis – sie stammt aus dem 19. Jahrhundert, von dem Philosophen Hegel. Seither hat sich die Lage, um im Nachrichten-Jargon zu sprechen, „dramatisch zugespitzt“. Wir sehen uns einer ungeheuren Informationsflut ausgesetzt, die uns überwältigt, überfordert. Der in London lebende Philosoph und Essayist Alain de Botton hat nun ein Buch vorgelegt, das zum Innehalten, zur Reflexion aufruft – und praktische Hilfe verspricht.

Alain de Botton: Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung. Aus dem Englischen von Barbara von Bechtolsheim. Fischer Taschenbuch, 255 S., € 10,99.

Ist es nicht faszinierend? In der europäischen Zentrale einer weltweit tätigen Nachrichtenorganisation laufen an einem einzigen Tag mehr Daten ein, als die ganze Menschheit in den dreiundzwanzig Jahrhunderten zwischen dem Tod von Sokrates und der Erfindung des Telefons hervorgebracht hat. Wenn es irgendwo eine „Qual der Wahl“ gibt, dann im Nachrichtenjournalismus. Aber auch die Rezipienten – die Leser, Zuschauer und Hörer – sind in keiner beneidenswerten Lage, findet Alain de Botton.

„Wir sind uns heute darüber bewusst, dass die Nachrichtenreserven fast unerschöpflich sind; dass jeder neue Tag ein weiteres Exabyte an Bildern und Worten bringt und dass die Zeitungen und Fernsehsendungen eigentlich nur ein Fingerhut voll Informationen aus einem grenzenlosen Datenmeer sind […].“

Noch wundersamer wird die Angelegenheit, wenn man sich vergegenwärtigt, wie und von wem dieser „Fingerhut“ gefüllt wird.

„Auch wenn sie eine todsichere unpersönliche Wichtigkeit auszustrahlen scheinen, wurde über die Berichte, die wir lesen, nicht per übernatürlichem Dekret nach einem Konklave von Engeln entschieden, sondern sie wurden von ein paar meist eher abgekämpften, gehetzten Redakteuren in eiligen Meetings bei Muffins und Kaffee zusammengestellt.“

Sollte es uns Bewunderung abnötigen oder vielmehr skeptisch stimmen, wenn eine Informationssendung wie die ARD-„Tagesschau“ es Tag für Tag schafft, diesen Nachrichten-Tsunami zu bändigen und alles vermeintlich Wissenswerte in knapp bemessenen 15 Minuten unterzubringen? Und muss es uns nicht erstaunen, dass die „heute“-Redaktion des ZDF sich in schöner Regelmäßigkeit für die fast gleiche Nachrichtenauswahl entscheidet? Und das alles unter enormem Zeitdruck!

„Das Tempo der Nachrichtenzyklen ist gnadenlos. Gleich wie horrende die gestrigen Nachrichten waren – Erdrutsche, das Auffinden des verschwundenen Leichnams eines jungen Mädchens, die Demütigung eines Politikers –, jeden Morgen beginnt die ganze Kakophonie von Neuem. Die Nachrichtenbörse hat eine institutionelle Amnesie wie die Notfallaufnahme eines Krankenhauses: Jede Nacht werden Blutströme weggewischt und die Erinnerungen an die Toten ausgelöscht.“

Die Frage lautet: Wie kann, wie soll man sich gegen die Nachrichtenflut schützen? Alain de Botton ist ein Philosoph des gesunden Menschenverstandes. Nicht alles Neue, sagt er, ist auch wichtig. Es gibt keinen Grund, ständig „auf dem Laufenden“ zu sein, die Ereignisse im „Live-Ticker“ zu verfolgen, sich noch vor dem Zu-Bett-Gehen über den „neuesten Stand der Dinge“ zu unterrichten. Seine Botschaft, sein Rat, salopp formuliert: Hört auf, Nachrichten-Junkies zu sein, kommt wieder runter, macht mal halblang.

„Wir brauchen eine Entlastung von dem mediengetriebenen Eindruck, dass wir in einem Zeitalter von beispielloser Wichtigkeit leben […].

Gelegentlich sollten wir auf unsere eigenen Nachrichten verzichten, um auf die viel fremderen, großartigeren Schlagzeilen jener weniger eloquenten Arten um uns herum einzugehen: Geschöpfe wie Falken und Schneegänse, Diebskäfer und schwarze Zwergzikaden, Lemuren und kleine Kinder. Lebewesen, die gänzlich uninteressiert an unseren Melodramen sind – und somit nützliche Gegenkräfte gegen unsere Angst und Selbstbezogenheit darstellen.“

Das ist gewiss ein guter, beherzigenswerter Rat – auch wenn er nicht übermäßig originell ist. Aber was hat de Botton darüber hinaus zu bieten?

Nicht viel, bedauerlicherweise. Sein Essay orientiert sich unverkennbar am Aufbau einer Tagezeitung, handelt gleichsam die einzelnen Ressorts ab. In dem mit Fotos und aussagekräftigen Medienzitaten garnierten Text stößt man zwar immer wieder auf Beobachtungen, die interessant, manchmal verblüffend sind. Aber aufs Ganze gesehen wirkt Vieles einfach nur schlicht und belanglos. Sein Versprechen, eine „Gebrauchsanweisung“ für den Umgang mit Nachrichtenmedien zu liefern, löst de Botton nicht ein. Seine gut gemeinten, allzu oft naiven Vorschläge zur Verbesserung des Ist-Zustandes richten sich fast ausschließlich an die Macher, also die Journalisten und Medienunternehmen.

Nehmen wir die Auslandsberichterstattung: Da beginnt de Botton mit der analytisch sicher zutreffenden Feststellung, dass wir trotz des immensen Informationsflusses von der Alltagsrealität der meisten Länder dieser Welt keine Ahnung haben.

„Wir wissen nicht, ob irgendwer im Kongo je einen normalen Tag erlebt hat, weil dergleichen niemals von einem westlichen Nachrichtenunternehmen aufgezeichnet wurde. Wir haben keine Vorstellung davon, wie es ist, in Bolivien zur Schule oder zum Friseur zu gehen. Es ist uns völlig rätselhaft, ob so etwas wie eine gute Ehe in Somalia möglich ist. Und wir bleiben ebenso im Ungewissen über das Büroleben in Turkmenistan wie darüber, was die Menschen in Algerien am Wochenende tun.“

All das, sagt de Botton, müssten wir aber eigentlich wissen, um klassische Nachrichten aus den betreffenden Ländern, etwa über grundstürzende politische Veränderungen, sinnvoll einordnen und interessant finden zu können. Also sein Aufruf an die Medien, dieses Hintergrundwissen zu liefern. Man muss nicht lange nachdenken, um zu erkennen, dass die Umsetzung eines solchen Programms eine geradezu groteske Überforderung der Macher wie auch ihrer Kunden wäre.

Zum Abwegigen kommen klaffende Leerstellen. Obwohl er anerkennt, dass Medien über eine ungeheure Macht verfügen, dass sie Realität nicht nur abbilden, sondern auch erschaffen, stellt de Botton nie die Frage, wer eigentlich hinter dieser Macht steckt. Sollte es einem Rupert Murdoch etwa egal sein, was das von ihm kontrollierte Medienimperium druckt und sendet? Und: Warum findet manch relevante Information nie den Weg in die breite Öffentlichkeit? Warum kommen aus einigen Ländern vor allem negative Nachrichten? Warum stand ein Land wie Ägypten zeitweise unangefochten im medialen Fokus, um dann wieder zur Randexistenz zu werden, obwohl die „Nachrichtenlage“ nach wie vor etwas ganz anderes hergäbe?

Mit solch beunruhigenden Fragen und Phänomenen beschäftigt sich de Botton nicht. Er gefällt sich in der Rolle des Flaneurs, der das bunte Medientreiben aus sicherer Distanz, mit milder Ironie und heiterer Gelassenheit betrachtet. Ein Buch, das am Ende niemandem wirklich weh tut – und darum auch niemandem hilft.

(Beitrag für SWR 2, „Forum Buch“, 21.06.2015)

 

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