„Wasserkrise“ in Flint

Es war einmal eine amerikanische Großstadt…

Wer in seine Suchmaschine die Wörter „Flint“, „Wasser“, „Michigan“ eingibt, stößt auf einige Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die mehrheitlich im Januar 2016 erschienen sind. In ihnen wird über das mit Blei verseuchte Trinkwasser in der gut 100.000 Einwohner zählenden Stadt Flint in Michigan/USA berichtet. Flint liegt nicht weit von Detroit, der einstigen Auto-Metropole. Auch Flint war einmal eine Autostadt, geprägt von General Motors. Doch das ist vorbei. GM hat die Stadt verlassen, geblieben sind gravierende Umweltbelastungen, verbunden mit finanziellen und sozialen Problemen. 65 Prozent der Einwohner sind Afroamerikaner oder Latinos, 42 Prozent leben in Armut.

In kaum einem deutschen Medium ist eine kontinuierliche Berichterstattung zum Thema zu erkennen. Die Sache wird in der Regel einmal gemeldet. Damit ist der Chronistenpflicht Genüge getan – und gut ist.

Die FAZ vom 17.01.2016 beginnt ihren Bericht zum Thema fast in einem märchenhaften Ton:

„Um zu sparen, hatte eine amerikanische Großstadt begonnen, Trinkwasser aus ihrem Fluss zu gewinnen. Doch ihre Kläranlage ist dafür nicht stark genug. Jetzt ist das Wasser mit Blei verseucht…“

Wenn schon Brüder-Grimm-Journalismus, dann aber richtig – etwa so:

„Es war einmal eine amerikanische Großstadt. Die hieß Flint. Eines Tages hat die Stadt begonnen, Trinkwasser aus ihrem Fluss zu gewinnen…“

Man darf Märchen bekanntlich nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Also auch den FAZ-Artikel nicht. Es war natürlich nicht „die Stadt“, die eine andersgeartete Wasserversorgung beschlossen hat. Eine Schlüsselrolle spielte der im Artikel nicht erwähnte „Notfall-Kommissar“. Er wurde aufgrund der kommunalen Finanzkrise von oben eingesetzt (d.h. nicht gewählt) und verfügt über quasi-diktatorische Vollmachten. Dass die Verantwortlichen die Risiken sehenden Auges in Kauf genommen, dass sie vertuscht und gelogen haben, auch das erfährt man nicht. Gegenüber der Bevölkerung wurde noch abgewiegelt, als man für die Staatsbediensteten längst sauberes Wasser herangekarrt hatte, um sie vor etwaigen Schäden zu bewahren.

Bevor wir in der FAZ etwas Genaueres zur Wasserkrise lesen dürfen, ist erst einmal von Obama, dem Guten, die Rede. Er habe den Notstand im Bundesstaat Michigan ausgerufen und dies und jenes veranlasst, um die örtlichen Behörden zu unterstützen. Worum es bei der ganzen Sache eigentlich geht, enthüllt die FAZ erst im zweiten Teil des Artikels:

„Im Rahmen von Sparmaßnahmen hatte die Stadtverwaltung von Flint im April 2014 damit begonnen, Wasser aus dem Flint-Fluss zur Trinkwassergewinnung zu entnehmen. Laut einer Klage von Bürgerrechtlern genehmigte die Umweltbehörde des Bundesstaates den Schritt, obwohl die Kläranlage der Stadt das Flusswasser nicht entsprechend den Trinkwasservorschriften aufbereiten kann.“

Und die Folgen? Unter der ebenso bestürzenden wie spektakulären Zwischenüberschrift „Blei ist gesundheitsschädigend“ teilt die FAZ mit:

„Die Bewohner der Stadt klagen, das stinkende und trübe Wasser aus dem Fluss löse Hautausschlag, Erbrechen und Haarausfall aus.“

Aber kann man solchen Klagen trauen? Die FAZ neigt dazu, die Dinge ernst zu nehmen, zumal ja auch Obama sie ernst zu nehmen scheint. „Tatsächlich“, fährt sie fort, sei „Blei im Wasser sehr gesundheitsschädigend, vor allem für junge Menschen“. Doch die Recherche der Zeitung gräbt noch tiefer: So warne der Verein des Gas- und Wasserfaches auf seiner Website, „Bleiaufnahme beeinträchtige die Blutbildung und Intelligenzentwicklung bei Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern“.

Am Ende des Artikels ist dann noch kurz von dem Filmregisseur Michael Moore die Rede. Er stammt aus Flint und hat sich in der Sache engagiert – „medienwirksam“, wie die FAZ süffisant hinzugefügt. Soll wohl heißen: Er hat das Thema ein wenig aufgebauscht, wie es so seine Art ist…

Nicht nur beim Thema Wasser lohnt es sich, zu den Quellen zu gehen, also Michael Moores „medienwirksame“ Beiträge im Original zu studieren. Da weist er zum Beispiel – neben vielem Anderen – darauf hin, dass ständig behauptet werde, die Stadt Flint habe ihr Trinkwasser in früheren Zeiten „aus Detroit“ bezogen. In Detroit, korrigiert Moore, sei das Wasser aber nur gefiltert und aufbereitet worden:

“The water itself comes from Lake Huron, the third largest body of fresh water in the world. It is a glacial lake formed over 10,000 years ago during the last Ice Age and it is still fed by pure underground springs. Flint is geographically the last place on Earth where one should be drinking poisoned water.”

Ersetzt man in der Suchmaschine das Wort „Wasser“ durch „water“, stößt man auf ein überwältigendes Ergebnis. Flint ist ein Spitzenthema in den US-Medien, auch im Mainstream. In einem Leitartikel der „New York Times“ schrieb Charles Blow:

„Es ist schwer vorstellbar, dass das in einer Stadt passieren könnte, die nicht ein ähnliches demografisches Profil hat wie Flint: überwiegend schwarz und überdurchschnittlich arm.“

Handelt es sich hier also um eine Form des „Umwelt-Rassismus“? Viele Kommentatoren unterstützen diese Deutung.

Mark Fancher von der “American Civil Liberties Union of Michigan” stellt fest:

“Michigan state government’s arrogant, callous indifference to both the plight of the people of Flint and the weight of outraged public opinion is explained quite simply by the fact that some officials regard black Michigan as their own little Africa. With the mentality of colonizers, they created and wielded the mighty weapon of Michigan’s emergency manager law, and they set out to dominate and exploit predominantly black cities with breathtaking indifference to the rights and the welfare of those who live there.”

Dass die “Wasserkrise” in Flint vielfach als seine Erscheinungsform des Rassismus betrachtet wird, führt Susan J. Douglas auf die Wirkung der Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ zurück. Sie habe den latenten und manifesten Rassismus anhand der grassierenden Polizeigewalt ins öffentliche Bewusstsein gebracht und es damit ermöglicht, auch den Skandal in Flint in diesem Rahmen zu interpretieren.

Andere sehen das Problem nicht primär als Rassen-, sondern als Klassenfrage. Und – damit untrennbar verbunden – als Symptom für den Niedergang der US-amerikanischen Demokratie. Chris Hedges, früher bei der „New York Times“, jetzt für Alternativmedien arbeitend, findet deutliche Worte:

“The crisis in Flint is far more ominous than lead-contaminated water. It is symptomatic of the collapse of our democracy. Corporate power is not held accountable for its crimes. Everything is up for sale, including children. Our regulatory agencies—including the federal Environmental Protection Agency, the Centers for Disease Control and Prevention and Michigan’s Department of Environmental Quality—have been defunded, emasculated and handed over to corporate-friendly stooges. Our corrupt courts are part of a mirage of justice. The role of these government agencies and courts, and of the legislatures, is to sanction abuse rather than halt it.

The primacy of profit throughout the society takes precedence over life itself, including the life of the most vulnerable. This corporate system of power knows no limits. It has no internal restraints. It will sacrifice all of us, including our children, on the altar of corporate greed.”

Aber ist das nicht übertrieben? Ist denn Flint nicht nur ein bedauerlicher Einzelfall? Nein, sagen David Rosner und Gerald Markowitz, zwei ausgewiesene Experten, der eine von der Columbia University, der andere von der New Yorker City University. Auf der Seite TomDispatch.com melden sie viel zu hohe Bleibelastungen auch für Kinder in Baltimore/Maryland, Herculaneum/Missouri, Sebring/Ohio und selbst in der Hauptstadt Washington. Und sie verweisen auf offizielle Berichte der Bundesstaaten Pennsylvania und New Jersey. Dort gibt es 18 bzw. 11 Städte, in denen Kinder mit gefährlich erhöhten Bleibelastungen leben müssen. Mehr noch:

“Today, scientists agree that there is no safe level of lead for children and at least half of American children have some of this neurotoxin in their blood. The CDC [Center for Disease Control] is especially concerned about the more than 500,000 American children who have substantial amounts of lead in their bodies. Over the past century, an untold number have had their IQs reduced, their school performances limited, their behaviors altered, and their neurological development undermined. From coast to coast, from the Sun Belt to the Rust Belt, children have been and continue to be imperiled by a century of industrial production, commercial gluttony, and abandonment by the local, state, and federal governments that should have protected them. Unlike in Flint, the ‘crisis’ seldom comes to public attention.”

Rosner und Markowitz thematisieren nicht nur das Blei im Trinkwasser. Früher wurde auch den Farben, mit denen man die Wände der Häuser gestrichen hat, Blei beigemischt. Vor allem Arme und/oder Farbige leben bis heute in solchen Häusern. Die möglichen Folgen sind erschreckend:

“The amount of lead dust that covers a thumbnail is enough to send a child into a coma or into convulsions leading to death. It takes less than a tenth of that amount to cause IQ loss, hearing loss, or behavioral problems like attention deficit hyperactivity disorder and dyslexia.”

Es geht also nicht nur um Flint und nicht nur um Trinkwasser.

“As with the water flowing into homes from the pipes of Flint’s water system, so the walls of its apartment complexes, not to mention those in poor neighborhoods of Detroit, Baltimore, Washington, and virtually every other older urban center in the country, continue to poison children exposed to lead-polluted dust, chips, soil, and air.

Over the course of the past century, tens of millions of children have been poisoned by lead and millions more remain in danger of it today. Add to this the risks these same children face from industrial toxins like mercury, asbestos, and polychlorinated biphenyls (better known as PCBs) and you have an ongoing recipe for a Flint-like disaster but on a national scale.”

Es handelt sich hier, so die Autoren, um „tickende toxische Zeitbomben”. Wer Flint als Ausnahmefall, als Anomalie, betrachtet, lenke vom eigentlichen Thema ab.

“A series of decisions by state and local officials turned Flint’s chronic post-industrial crisis into a total public health disaster.  If clueless, corrupt, or heartless government officials get all the blame for this (and blame they do deserve), the larger point will unfortunately be missed – that there are many post-industrial Flints, many other hidden tragedies affecting America’s children that await their moments in the news. Treat Flint as an anomaly and you condemn families nationwide to bear the damage to their children alone, abandoned by a society unwilling to invest in cleaning up a century of industrial pollution, or even to acknowledge the injustice involved.”

Gibt es den politischen Willen, daran etwas zu ändern? Rosner und Markowitz bezweifeln das. Eine berechtigte Skepsis. Jetzt wurde gemeldet, dass der Haushaltsentwurf der Regierung Obama für 2017 vorsieht, das Wasserschutzprogramm der Umweltbehörde um rund 300 Millionen Dollar zu kürzen.

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