Ulrich Wickert nimmt Witterung auf

Die Wahrheit über die Lügenpresse

Ulrich Wickert, einst „Mr. Tagesthemen“, hat kürzlich der „Wirtschaftswoche“ ein Interview gegeben, in dem er einen außergewöhnlich interessanten Gedanken äußerte. Er vermutete, der berüchtigte Begriff „Lügenpresse“ könnte vom russischen Geheimdienst KGB in Umlauf gebracht worden sein. Nun existiert das KGB zwar schon seit etlichen Jahren nicht mehr – aber egal. Das ist ein verzeihlicher Irrtum, immerhin ist Wickert schon länger nicht mehr im tagesaktuellen Nachrichtengeschäft. Jedenfalls ist unbestreitbar, dass es Nachfolgeorganisationen des KGB gibt, wie die auch immer heißen mögen. Die hat Wickert wohl gemeint. Und die haben womöglich, so seine anregende Spekulation, den unsäglichen Begriff lanciert. Auf die Frage, ob er für seine These irgendwelche Belege vorbringen könne, musste Wickert freilich passen: „Nein. Keineswegs. Ich sage nicht, dass es so ist. Aber wir müssen darüber nachdenken!“

Von interessierten Kreisen wurden Wickerts Ausführungen vorschnell als „1a-Verschwörungstheorie“ abgetan.

Doch so einfach sollten wir es uns nicht machen. Wickerts Spürnase hat zweifelsohne eine echte Witterung aufgenommen. Der Mann, bislang nicht bekannt für allzu investigativen Journalismus, hat eine Spur entdeckt, die zu verfolgen sich lohnt. Mehr noch: Wer sich ernstlich auf die Suche begibt, vor dem tun sich Abgründe auf. Ob es auch Abgründe von Landesverrat sind, mögen andere entscheiden. Ich begnüge mich an dieser Stelle mit ein paar Hinweisen:

Zunächst gilt es festzuhalten, dass russische Geheimdienste, so sie denn hinter dem Begriff „Lügenpresse“ stecken, diesen nicht aus eigenem Antrieb in die deutsche Debatte eingeführt haben können, sondern nur auf Weisung von oben, also auf Geheiß Putins. Die spannende Frage lautet: Warum ist diese (vermeintliche oder tatsächliche) Aktion Putins in Deutschland auf solch positive Resonanz gestoßen? Warum finden so erstaunlich viele Menschen, dass „Lügenpresse“ die Sache trifft?

Wie wir wissen, überlässt Putin nichts dem Zufall. Wenn er also einen Kampfbegriff wie „Lügenpresse“ in die Welt setzt, dann nur, weil er sich absolut sicher ist, dass dieser auch auf fruchtbaren Boden fallen wird. Das wiederum heißt: Der günstige Boden musste entweder schon vorhanden sein, oder er selbst musste ihn bereiten.

Russland-Bashing

Der günstige Boden, von dem hier die Rede ist, ist selbstverständlich das notorische Russland-Bashing des deutschen Medien-Mainstreams. Ob einem dieses Bashing gefällt oder nicht – seine Existenz lässt sich schwerlich bestreiten und wird auch von kaum einem ernstzunehmenden Beobachter in Abrede gestellt. Seit Monaten, eigentlich seit Jahren befinden sich die Medien in einem Kalte-Kriegs-Modus. Russland, sagen sie, besteht aus Pussy Riot, Homophobie und einem abgrundtief bösen, nach innen und außen gleichermaßen aggressiven Kreml-Chef, der sich mehr oder weniger autistisch auf den Weg zurück ins Jahr 1937, zum Genickschuss-Sozialismus Josef Stalins, gemacht hat. Man kann durchaus verstehen, dass vielen Menschen dieses von den Medien geschaffene Bild etwas holzschnittartig vorkommt. Manch einer hat vielleicht erst kürzlich eine Urlaubsreise nach Russland unternommen, sich ganz unbefangen umgesehen und dabei Dinge entdeckt, von denen in Deutschlands Medien nie die Rede ist. Wen kann es da wundern, dass das Misstrauen wächst und sich nun im Schlagwort „Lügenpresse“ verdichtet?

Wer halbwegs bei Verstand ist, erkennt ohne Mühe, dass sich die Medien mit ihrer Russland-feindlichen Stimmungsmache ins eigene Knie schießen. Man glaubt ihnen immer weniger. Die Kunden laufen weg. Und man fragt sich entgeistert: Warum in Gottes Namen gebietet dem niemand Einhalt? Wo soll das am Ende noch hinführen? Was nützt es einem Medium, wenn es irgendwann kein Publikum mehr hat?

Therapievorschläge

Mein therapeutisch gemeinter Vorschlag: Die Medien sollten – in wohlverstandenem Eigeninteresse – ein wenig einlenken. Wenn man schon anti-russische Propaganda macht, wogegen ja im Prinzip nichts einzuwenden ist, sollte man sie etwas intelligenter, etwas subtiler betreiben. Statt zu 100 Prozent negativ zu berichten, könnte man doch einfach die Gewichtung ein klein wenig verschieben. Sagen wir: 90 Prozent negativ, 10 Prozent positiv, oder 80 Prozent negativ, 20 Prozent positiv. Also nicht gleich das Ruder radikal herumreißen und ins andere Extrem fallen. Man kann im Grundsatz ruhig dabei bleiben, dass Putin ein schlimmer Finger ist und fast alles falsch macht. Aber man könnte doch hin und wieder großzügig einräumen, dass er auch mal etwas richtig gemacht hat. Oder man kann prinzipiell darauf beharren, dass Lawrow ein blindes Huhn ist, aber bei Gelegenheit ganz sachlich mitteilen, dass er ein Korn gefunden hat. Das muss ja nicht gleich in ein „Bravo, Putin!“ oder „Bravo, Lawrow!“ ausarten. Aber es würde für ein bisschen Abwechslung sorgen, es würde die Medien wieder interessanter machen und vielleicht dazu führen, dass manch verlorenes Schaf am Kiosk wieder zugreift.

Und Medienleute, denen mein Vorschlag zu weit geht, könnten ja mit leichteren Übungen beginnen: also zum Beispiel ganz normale russische Alltagsszenen zeigen. Gerade jetzt zur Winterzeit böte sich das an – russische Kinder, die beim Schlittschuhlaufen auf die Nase fallen oder einen lustigen Schneemann bauen. Das ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Ein leichter Schwenk nur, der dem Publikum den Eindruck vermittelt, dass unseren Medien die Fähigkeit zu einer differenzierten Betrachtung nicht völlig abhandengekommen ist. Viele Menschen, die sich zurzeit entnervt abwenden, würden vielleicht neues Zutrauen gewinnen. Und sie würden – schöner Nebeneffekt – die negativen Dinge, über die berichtet wird, eher glauben.

Doch leider sind überhaupt keine Anzeichen für ein mediales Umdenken zu erkennen. Im Gegenteil, es wird immer noch draufgesattelt. Wenn man glaubt, jetzt sei der Höhepunkt erreicht, jetzt lasse sich das Ganze nicht weiter steigern, kreuzt garantiert einer auf, der uns eines Schlechteren belehrt. Es ist wie bei einem Erdbeben, wo es immer heißt „auf der nach oben offenen Richterskala…“.

Erklärungsversuche

Wie um alles in der Welt soll man das erklären? Warum tun die das? Warum lassen sich unsere Journalisten von nichts und niemanden beirren? Warum schalten sie lieber die Kommentarfunktion ab als ein wenig nachzudenken? Liegt es etwa an ihrer mangelnden Intelligenz? Diese Vermutung kann man getrost ausschließen. Die meisten von ihnen haben Abitur, sogar studiert, zeigen bei vielen anderen Themen ein gewisses Urteilsvermögen. Nur wenn’s um Russland geht, ist alles anders.

Eine weitere Vermutung, über die in jüngerer Zeit viel Aufhebens gemacht wurde, besagt, dass unsere Medien unter westlichem Kuratel stünden. Weil der Westen sich in einem neuen Kalten Krieg wähne, sorge er dafür, dass seine (also die westlichen) Medien die entsprechende Propaganda verbreiten. Auch das ist fragwürdig. Es gibt viele westliche Politiker, auch viele Leute aus der Wirtschaft, die sich nichts dringlicher wünschen als ein intaktes Verhältnis zu Russland. Ungeduldig sehnen sie den Tag herbei, an dem das Sanktions-Regime endlich aufgehoben wird. Noch unübersehbarer war und ist das Stirnrunzeln bei jenen Politikern, die nicht mehr in Amt und Würden sind. Solche „elder statesmen“, die auch bei Journalisten für gewöhnlich in hohem Ansehen stehen, haben immer wieder gemahnt und gewarnt. Die westliche Russophobie, sagen sie, mache bereits Erreichtes zunichte und könne nur in eine Sackgasse münden. Man denke an Kohl, Genscher, Schröder, Schmidt, aber auch an Henry Kissinger, Romano Prodi, Nicolas Sarkozy, Dominique de Villepin, Wolfgang Schüssel, Václav Klaus, viele andere. Auf solch unverdächtige Leute könnten sich differenzierungswillige Journalisten doch ohne weiteres berufen. Warum tun sie es nicht?

Vielleicht kommen wir einer Antwort näher, wenn wir die „cui bono“-Frage stellen. Also: Wem nützt das penetrante Russland-Bashing? Dem Westen etwa? Oder den westlichen Medien? Weder – noch, lautet die Antwort. Insbesondere die Medien sind aufgrund ihrer dämonisierenden Berichterstattung in eine ernste Glaubwürdigkeitskrise geraten. Man kann also schwerlich behaupten, dass sie von ihrem Gebaren profitieren. Im Gegenteil, sie graben sich das eigene Wasser ab. Also nochmal: Wem nützt das Ganze?

Das ist des Putins Kern!

Die Antwort liegt für jeden klar Denkenden auf der Hand: Es nützt Putin! Je russophober sich die veröffentlichte Meinung hierzulande aufspielt, desto besser für ihn. Denn es führt – inzwischen deutlich erkennbar – genau zu dem, was Putin beabsichtigt: Das westliche Publikum kehrt seinen einst vertrauenswürdigen Medien den Rücken und läuft in schierer Verzweiflung zu alternativen Angeboten über, am Ende gar zu RT. Es kann gar nicht anders sein: Putin selbst steckt nicht nur hinter dem Begriff „Lügenpresse“, sondern auch hinter dem nervigen und stupiden Russland-Bashing, das die Verbreitung dieses Begriffs überhaupt erst möglich gemacht hat. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, entpuppt sich als teuflischer Schachzug. Putin ist bekanntlich Schachspieler und kann um die Ecke denken. Indem er unsere Medien zu schrillem Russland-Bashing anhält, delegitimiert er sie nachhaltig und leitet Wasser auf die eigenen Mühlen. Merke: Schlechte Presse für Russland ist in Wahrheit gute Presse für Russland.

Ich weiß, das klingt jetzt alles verdächtig nach Verschwörungstheorie. Aber es ist die bei weiten plausibelste Erklärung. Bedient man sich des Ausschlussverfahrens, geht also alle möglichen Erklärungen der Reihe nach durch, ist das die einzige, die am Ende übrig bleibt, so abwegig sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die Frage ist natürlich, wie Putin und seine Leute das alles bewerkstelligt haben. Wie haben sie es geschafft, den deutschen Medien-Mainstream zu einer anti-russischen Phalanx zu formen? Stehen etwa sämtliche relevanten politischen Journalisten Deutschlands auf Gehaltslisten russischer Geheimdienste? Mitnichten. Einer solch breitgefächerten Initiative bedurfte es nicht, um das vom Kreml-Herrn gewünschte Ergebnis zu erzielen. In Deutschland ist man seit jeher autoritäts- und hierarchiegläubig. Also genügt es völlig, wenn man sich die maßgeblichen Leute vornimmt, eine überschaubare Reihe aus Chefs, Redaktionsleitern, wichtigen Korrespondenten. Die leiten dann die jeweiligen Tagesparolen an die Subalternen weiter. Zudem verfügt Deutschland über beachtliche russophobe Traditionen, denen sich einige Journalisten eng verbunden fühlen. Bei ihnen musste der Kreml gar nicht nachhelfen, die machen ihre Arbeit vollkommen freiwillig und aus tiefster innerer Überzeugung. Auf Leute wie Josef Joffe oder Berthold Kohler kann sich Putin blind verlassen. Sie sind in der Wolle gefärbte Russland-Feinde – wenn man so will: „nützliche Idioten“ des Kreml. Andere hingegen schwanken in ihrem Urteil. Sie müssen entsprechend bearbeitet werden, um sie auf russophobe Linie zu trimmen. Wie das im Einzelnen geschieht – mithilfe materieller Vergünstigungen zum Beispiel oder Karriereversprechen oder Ähnlichem – vermag im Moment niemand zu sagen. Vielleicht findet sich ja irgendwo ein Whistleblower, der offenlegt, wie das System genau funktioniert.

Der Erfolg jedenfalls spricht für sich. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine derart negative Berichterstattung über Russland wie bei uns in Deutschland. Das haben die Russen selbst durch Auswertung westlicher Medien zweifelsfrei herausgefunden. Man darf annehmen, dass sie sich ob dieses schönen Ergebnisses zufrieden die Hände gerieben und – natürlich – landesüblich darauf angestoßen haben. Ihrem großen Ziel, Deutschland aus seiner engen Westbindung herauszulösen, sind sie wieder ein Stück näher gekommen.

Und was würde Ulrich Wickert an dieser Stelle sagen? „Über den letzten Stand der Dinge informiert Sie die Spätausgabe der Tagesschau. Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht.“

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