Separatisten!

Ob in Schottland, Katalonien oder der Ostukraine – separatistische Bewegungen sorgen für Unruhe und setzen scheinbar gefestigte Nationalstaaten unter Druck. Und sie tun es nicht nur in Europa, sondern global. Das zeigt der Band „Unabhängigkeit! Separatisten verändern die Welt“, der zahlreiche Fallstudien bietet und der Vielgestaltigkeit des Phänomens gerecht zu werden versucht. Die Autoren sind Mitglieder von „Weltreporter.net“, dem größten Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten.

Marc Engelhardt (Hrsg.): Unabhängigkeit! Separatisten verändern die Welt. Ch. Links Verlag, 270 Seiten, 18 Euro.

Das Ergebnis war zwar knapp, aber eindeutig: In einer Volksabstimmung im September 2014 entschieden 55 Prozent der Schotten, Teil des „United Kingdom“ bleiben zu wollen. Doch ist damit das letzte Wort schon gesprochen? In ihrem Beitrag über die Hintergründe und Folgen des Referendums macht Nicola de Paoli darauf aufmerksam, dass schon bald eine noch wichtigere Abstimmung ins Haus steht: über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union. Sollten die Briten gegen die EU votieren, würden die traditionell europafreundlichen Schotten vermutlich auf einer Neuauflage ihres Referendums bestehen.

Dass viele Schotten nach Unabhängigkeit streben, lässt sich erstaunlicherweise nicht mit einem wachsenden Nationalgefühl erklären. Die Überzeugung, man sei schottisch und nicht britisch, ist in den letzten Jahren sogar schwächer geworden; nur knapp ein Viertel der Befragten glaubt das. Wenn dennoch fast die Hälfte der Bevölkerung die Unabhängigkeit befürwortet, hat das eher politisch-pragmatische Gründe.

„Together we can make Scotland better“, so lautet der Wahlspruch der schottischen Nationalisten. Doch wer entscheidet eigentlich, was gut für Schottland ist? Es gibt in Schottland viele Menschen, die ein Problem mit diesem Slogan haben. […] [Er] hat für sie etwas Ausgrenzendes, um nicht zu sagen: Bedrohliches. Viele von ihnen spielen mit dem Gedanken, aus Schottland wegzuziehen, sollte das Land eines Tages doch unabhängig werden.“

Ähnliche Beobachtungen lassen sich in Katalonien anstellen oder in der kanadischen Provinz Québec, deren Unabhängigkeit vor 20 Jahren beinahe schon erreicht war, inzwischen aber wieder in weiter Ferne liegt.

Schottland, Katalonien, Québec – da handelt es sich um entwickelte Demokratien und zivile Nationalismen. Der Kampf um Unabhängigkeit verläuft in vergleichsweise geordneten Bahnen. Andernorts wurde oder wird er gewaltsam ausgetragen. Somaliland hat im Laufe eines blutigen Bürgerkriegs seine Eigenständigkeit erreicht und befindet sich auf gutem Weg, wenngleich die internationale Anerkennung noch fehlt. Ganz anders ist die Lage im Südsudan, wo weiterhin der Krieg tobt. Die Kurden wiederum sind von ihren Zielen noch weit entfernt.

Die „Weltreporter“ haben einen insgesamt informativen Sammelband vorgelegt, der allerdings ein wenig darunter leidet, dass die einzelnen Beiträge von unterschiedlicher Qualität sind. Überzeugend sind sie vor allem dann, wenn sich die Autoren der Reportageform bedienen. Dann lernen wir konkrete Menschen kennen, ihre Motive und Hoffnungen, ihr Leben und ihre Kämpfe. Geradezu vorbildlich geschieht das in dem klugen und genau beobachtenden Text von Danja Antonovic über das Kosovo. Was Stefan Scholl über die Ostukraine schreibt, gerät hingegen zu einer Art Abrechnung mit den dortigen Separatisten, lässt jedenfalls keinerlei Empathie oder gar Sympathie erkennen.

Am Anfang und am Ende des Bandes versucht Herausgeber Marc Engelhardt in zusammenfassenden Beiträgen Bilanz zu ziehen und eine gewisse Orientierung zu vermitteln.

„Die einst geordnete Welt scheint immer mehr in Unordnung zu geraten. Fest steht heute: Separatisten werden dazu beitragen, sie zu verändern.“ „Globen und Landkarten werden sich unweigerlich ändern, Grenzen neu gezogen werden. […] Regierungen dürfen sich der Territorialität ihres Staates nicht mehr sicher sein. Letztendlich entscheidet das Volk über seine Unabhängigkeit.“

Ungeachtet solch weitreichender Thesen bleiben viele Fragen offen: Sind alle im Sammelband verhandelten Fälle wirklich Ausdruck von Separatismus? Man denke an die Trennung von Tschechen und Slowaken oder an die jahrzehntelangen Kämpfe der Palästinenser. Und: Sind die separatistischen Trends so grundstürzend neu? Auch nach dem Ersten Weltkrieg oder im Prozess der Entkolonialisierung hat sich das Gesicht vieler Weltteile verändert. Schließlich: Ist der Drang nach nationaler Homogenisierung unter den heutigen globalisierten Lebensbedingungen wirklich hilfreich und zukunftsweisend? Läge nicht im Aushalten von Unterschieden und Widersprüchen, also in dem, was Ralf Dahrendorf als „heterogenen Nationalstaat“ bezeichnet hat, eine sinnvollere Perspektive?

Beitrag für SWR 2, „Die Buchkritik“, 18.02.2016

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