Herbert Marcuse in geheimen Diensten

Kalter Krieg – aber intelligent

„Es gab und gibt in diesem Lande ziemlich strenge Restriktionen gegen Refugees, die noch kein Bürgerrecht in diesem Land erworben haben. Sie dürfen nicht direkt politisch tätig sein. Das war damals, bevor wir amerikanische Bürger wurden, unsere Situation, also politische Wirklichkeit war von Anfang an nur denkbar als theoretisch-intellektuelle Wirkungsmöglichkeit.“

(Herbert Marcuse)

Das war einer der Gründe, warum Herbert Marcuse, nachdem er sich vor den Nazis in die Vereinigten Staaten gerettet hatte, zunächst im exilierten Frankfurter Institut für Sozialforschung tätig war. Doch er bemühte sich erfolgreich um die amerikanische Staatsbürgerschaft. Und er wurde, wenn man so will, auch politisch aktiv. Allerdings nicht öffentlich, sondern – im Geheimdienstapparat der USA. Ein ganzes Jahrzehnt verbrachte er dort. Später hat er darüber nicht so gerne gesprochen und diese Zeit in ihrer Bedeutung für seinen beruflichen und intellektuellen Werdegang heruntergespielt. Doch neuere Untersuchungen, allen voran die große Studie des Historikers Tim Müller, zeigen das genaue Gegenteil. Marcuses Geheimdienstjahre sind vielleicht die interessanteste Phase seines Lebens.

Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, 736 S.

Im Jahr 1942 trat Herbert Marcuse in die Dienste des OSS, des Office of Strategic Services. Das war der Kriegsgeheimdienst der USA. Er gehörte dort zur Abteilung „Forschung und Analyse“, leistete also als Wissenschaftler seinen Beitrag zum Kampf gegen Nazideutschland. Das war nichts Ungewöhnliches. Im OSS fanden sich damals zahlreiche bedeutende Geisteswissenschaftler zusammen, unter ihnen deutsch-jüdische Emigranten wie Franz L. Neumann, Otto Kirchheimer, Felix Gilbert oder Hans Meyerhoff, aber natürlich auch renommierte amerikanische Kollegen: Stuart Hughes zum Beispiel, Leonard Krieger oder der Soziologe Barrington Moore. Diese Männer arbeiteten nicht nur zusammen, sie schlossen Freundschaften, bildeten im Laufe der Zeit ein regelrechtes Netzwerk, das auch der wechselseitigen Karriereförderung diente. Nach dem Ende des Krieges kehrten Marcuse und andere Mitglieder dieses Kreises dem Regierungsapparat nicht etwa den Rücken, sondern blieben dort noch jahrelang aktiv. Jetzt war Marcuse im Geheimdienst des US-Außenministeriums tätig und lieferte – der Kalte Krieg hatte eingesetzt – Analysen der Sowjetunion und des Kommunismus.

Die Bereitschaft dieser Gruppe, der US-Regierung auch im Zeichen des Ost-West-Konflikts zuzuarbeiten, ist erstaunlich. Und ebenso erstaunlich ist die Bereitschaft der Regierung, sich auf die Expertisen dieser Gruppe zu stützen. Denn Marcuse und seine Freunde waren durchweg Linksintellektuelle, teilweise Marxisten. Mit der Sowjetunion wollten sie zwar nichts zu tun haben, aber mit den Klischees und holzschnittartigen Denkmustern des Kalten Krieges konnten sie auch nicht viel anfangen. Dennoch waren sie bei den politisch Verantwortlichen gefragt. Denn diese waren – ungeachtet ihrer öffentlichen Rhetorik – intern an fundiertem Wissen jeder Art interessiert, auch wenn es den eigenen Urteilen oder Vorurteilen widersprach. Die Geheimdienstwissenschaftler standen zwar am äußersten linken Rand, dennoch wurden sie als Teil einer liberalen politischen Kultur akzeptiert. Auch wenn sie bei den Regierenden nicht immer mit ihren Vorstellungen durchgedrungen sind, haben sie unterm Strich einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten Sicht auf die Ost-West-Konfrontation geleistet. Kaum dass der Kalte Krieg begonnen hatte, unternahmen sie schon erste Schritte auf dem Weg zur Entspannungspolitik. Das kann Tim Müller an vielen Beispielen belegen. Eines der interessantesten bezieht sich auf die damals gleichsam offiziöse Totalitarismustheorie:

„Noch bevor die Totalitarismustheorie ihre beherrschende Stellung in der akademischen und intellektuellen Diskussion errungen hatte, war sie in den Geheimdiensten für obsolet erklärt worden. Das Wissen der strategischen Staatsapparate war der akademischen Wissenschaft um mehr als ein Jahrzehnt voraus.“

Auch nachdem er 1952 endgültig aus dem Geheimdienst ausgeschieden war, setzte Marcuse seine Kommunismusanalysen fort. Er stand jetzt in enger Verbindung mit der einflussreichen Rockefeller-Stiftung, die eine Art Scharnier zwischen politischer und universitärer Welt bildete. Sie gab ihm eine maßgebliche Rolle in ihrem großen, international angelegten Projekt zur Erforschung des Marxismus-Leninismus. Selbstverständlich verstand sich die Stiftung im Kalten Krieg als Partei, und selbstverständlich war das Marxismus-Leninismus-Projekt Teil der psychologischen Kriegführung gegen den Osten. Doch auch hier herrschte eine bemerkenswerte intellektuelle Offenheit. Das Projekt ging nämlich von der Prämisse aus, dass die Ideen von Marx und Engels in der Sowjetunion pervertiert worden seien. Und um das zu beweisen, wollte man „zurück zu den Quellen“.

„Ein fundamentales Ziel des Marxismus-Leninismus-Projekts […] war es, Moskau das Deutungsmonopol über den Marxismus zu entreißen. Die sozialistische, antistalinistische Linke sollte das Erbe von Marx für sich reklamieren und damit die ideologische Anziehungskraft Moskaus brechen. […] Marx galt als Korrektur, nicht als Schuldiger einer monströsen historischen Entgleisung. […] Zurück zu den Quellen hieß auch, ein humanistisches Ideal aus totalitären Trümmern zu retten. So wurde es denen entrissen, die es gewaltsam usurpiert hatten. Der Plan bestand darin, im Ideenkampf den Gegner mit seinen eigenen ideologischen Waffen zu schlagen.“

Heute wollen viele von den damals erarbeiteten Differenzierungen nichts mehr wissen – oder wissen bereits tatsächlich nichts mehr davon…

Was Marcuse während der zwei Jahrzehnte in Geheimdienst und Rockefeller-Stiftung schrieb und zum Teil publizierte, ist für das Verständnis seines Denkens fundamental. Selbst sein wohl bekanntestes Werk, „Der eindimensionale Mensch“, ein Kultbuch der 68er und der Neuen Linken, hat hier seine formative Phase erlebt. Die von Müller untersuchte Zeitspanne markiert in Marcuses Werdegang also keinen Bruch, sondern ist Teil eines Kontinuums. Wenn überhaupt von einem Bruch gesprochen werden kann, dann hat er sich in den 60er Jahren ereignet. Damals verließen Marcuse und einige seiner linken Freunde den liberalen Grundkonsens – oder wurden aus ihm herausgedrängt. Die Ursache lag vor allem in der Eskalation des Vietnam-Kriegs, die von den liberalen Regierungen Kennedy und Johnson zu verantworten war. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der studentischen Protestbewegung radikalisierte sich Marcuse – und wurde seinerseits zum Stichwortgeber des Protests.

Es geht in Tim Müllers Buch – anders als der Untertitel nahelegt – keineswegs nur um Marcuse, sondern fast ebenso sehr um die anderen Mitglieder einer außergewöhnlichen Intellektuellengruppe zu Zeiten des Kalten Krieges. Der Autor rekonstruiert deren Geschichte – enorm kenntnisreich, einfühlsam, engagiert, inhaltlich überzeugend. Hier und da hätte man sich zwar etwas mehr kritische Distanz zu seinen Protagonisten gewünscht, an etlichen Stellen auch eine straffere Textfassung – doch das sind Schönheitsfehler. Der imponierenden Gesamtleistung tun sie keinen Abbruch.

Siehe zum Themenkomplex jetzt auch die Edition:

Franz Neumann, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949. Herausgegeben von Raffaele Laudani. Aus dem Englischen von Christine Pries. Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 812 S.

 

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