Guter und schlechter Journalismus

Beginnen wir mit einem Zitat. Es stammt von Johannes Grotzky, langjähriger ARD-Hörfunkkorrespondent und bis 2014 Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks. In einem Interview zur aktuellen Mediendebatte (Mitte 2015) fragte ich ihn, ob unser Journalismus, verglichen etwa mit den 1960er oder 70er Jahren, schlechter geworden sei. Seine Antwort:

„Ich glaube nicht, dass der Journalismus per se schlechter ist, es gibt auch nach wie vor extrem guten Journalismus, er wird nur von vermeintlichem Journalismus in der Masse anderer überlagert, so ist mein Eindruck…“

Grotzkys Aussage bezieht sich auf diejenigen Medien, die man im Allgemeinen als Leit-, Qualitäts- oder Mainstream-Medien bezeichnet, also die großen Tages- und Wochenzeitungen, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Will man Grotzkys These ein wenig zuspitzen, könnte man sagen: Es gibt gleichsam einen Mainstream innerhalb des Mainstreams – und der ist das Problem. Obwohl man in den Printmedien wie auch in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach wie vor viele journalistische Perlen finden kann, werden diese nur unzureichend wahrgenommen. Sie gehen unter, weil ein verflachter, plakativer, tendenziöser, oft staats- oder wirtschaftsnaher Journalismus das Bild dominiert.

Die Folgen sind bekannt: Viele Menschen neigen dazu, sich alternativ zu informieren. Sie nehmen zwar weiterhin (wenn auch mit abnehmender Tendenz) zur Kenntnis, was im Mainstream gesagt und geschrieben wird, aber sie nutzen zugleich (mit zunehmender Tendenz) die zahlreichen internet-basierten, oft englischsprachigen Informationsquellen, recherchieren auf eigene Faust, betreiben einen permanenten Fakten-Check, holen dissidente Meinungen ein. Das ist mühsam und zeitraubend, aber lohnend. Alternative Medien sind ohne Zweifel eine willkommene Bereicherung des Informationsangebots.

Wenn sich der Mainstream, wie gegenwärtig der Fall, Leerstellen leistet oder auf bestimmte „Narrative“ einlässt und dann nur noch Informationen die Schleuse passieren lässt, die das jeweilige Narrativ stützen, ist Gefahr im Verzug. In solchen Situationen sind Alternativmedien ein enorm wichtiges Korrektiv. Vollends ersetzen können sie den Mainstream allerdings (bislang) nicht.

Über die Frage, warum Mainstream-Medien gerade in den vergangenen Jahren in ihrem Informationsangebot unverkennbare Schwächen gezeigt, offene Flanken geboten und damit alternativen Angeboten einen Teil des Marktes überlassen haben, ist viel gerätselt worden. Im Zuge dieser Ursachenforschung ist ein Aspekt allerdings unterbelichtet geblieben.

Interessante Zeiten! Interessanter Journalismus?

„Wir sind dazu verurteilt, in interessanten Zeiten zu leben“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Interessante Zeiten sind in der Regel unruhige, gefährliche Zeiten. So auch gegenwärtig. Von der Finanzkrise bis zu den diversen Umweltproblemen, vom „neuen kalten Krieg“ bis zur Flüchtlingskrise, von der wachsenden Terrorgefahr bis zum Überwachungsstaat, von der Ukraine bis nach Syrien – die Welt scheint aus den Fugen zu geraten.

Könnten „interessante Zeiten“ nicht auch „große Zeiten“ für den Journalismus sein? Man sollte es annehmen. Doch es ist nicht so. Ich lese dieser Tage (wieder) in dem längst zum „Klassiker“ avancierten Buch des britischen Investigativ-Journalisten Phillip Knightley The First Casualty, erstmals 1975 erschienen, seither mehrfach erweitert und revidiert. Darin erzählt Knightley höchst anschaulich die Geschichte der Kriegsberichterstattung vom Krim-Krieg (1853-56) bis in die Gegenwart.

Knightleys Ergebnis, ein wenig vereinfacht: Gerade zu Kriegszeiten, wenn es darauf angekommen wäre, den auf Hochtouren laufenden staatlichen Propaganda-Apparaten etwas entgegenzusetzen, präsentierte sich die Medienlandschaft seltsam formiert, machte sich mit der vermeintlich guten (also der jeweils eigenen) Sache gemein, dämonisierte den oder die Gegner, geriet in patriotische Wallung und verbog nach Kräften die Wirklichkeit. Das war nicht allein die Folge von politischem Druck und Zensur. Es war auch der Bereitschaft vieler Journalisten zur Selbstzensur, zur Willfährigkeit, zur Anpassung geschuldet. Und schon damals ging dieses Verhalten auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit. Aus dem Ersten Weltkrieg erzählt Knightley zum Beispiel, dass das Vertrauen vieler Soldaten in die Medien zutiefst und nachhaltig erschüttert wurde, weil sie die klaffende Diskrepanz zwischen den Schrecken des Krieges insbesondere an der Westfront und der medialen Beschönigung des Horrors aus eigenem Erleben beurteilen konnten.

Ist das heute so grundlegend anders? Kann man ernstlich behaupten, die Mainstream-Medien nutzen ihre „große Chance“? Stellen sie tatsächlich die gegenwärtigen Krisen und Kriege in ihrer (oft schwindelerregenden) Komplexität dar? Kann man behaupten, dass sie auf ganzer Breite informieren und kommentieren? Dass sie offizielle oder offiziöse Darstellungen beharrlich gegen den Strich bürsten? Dass sie rückhaltlos aufklären? Dass sie schlafende Hunde wecken? Dass sie es mit Freuden riskieren, sich bei den politisch Verantwortlichen unbeliebt zu machen? Und dass sie bei alledem ihre eigene Rolle stets kritisch reflektieren?

Die Antworten liegen – scheinbar – auf der Hand. Angesichts eines unverkennbar homogenisierten und formierten Mainstreams ist man als Rezipient für Alternativen (fast) jeder Art dankbar.

Aber was heißt „Alternative“? Sind Alternativen grundsätzlich besser – oder nur anders? Bieten sie besseren Journalismus – oder nur anderen Journalismus?

Getrennte Welten?

Es gibt Zeiten, da greift man nach jedem Strohhalm: Die BBC-Programme während des Zweiten Weltkriegs waren für viele Deutsche eine ebenso wichtige wie gefährliche Informationsquelle. Und das, obwohl die BBC weniger einen journalistischen als einen propagandistischen Ansatz verfolgte. Während des Kalten Krieges waren die ebenfalls propagandistischen Programme von „Radio Free Europe“ oder „Radio Liberty“ für viele Menschen im kommunistischen Machtbereich eine willkommene Alternative zu den gleichgeschalteten Medien ihrer Länder.

Und heute? Wenn von Alternativ- und Mainstream-Medien die Rede ist, gewinnt man oft den Eindruck, es handele sich um „getrennte Welten“. Tatsächlich verhält es sich ein wenig komplizierter. Denkt man in klassischen Links-Rechts-Kategorien, wird man sagen können, dass der Mainstream sich in der politischen Mitte tummelt, mit leichten Ausschlägen ins linke oder rechte Feld. Alternativmedien verorten sich entweder links oder rechts vom Mainstream. Oder sie erklären die Unterscheidung zwischen links und rechts generell für obsolet – und legen sich quer.

So gesehen, wären auch Websites wie „Kopp online“ alternativ. Zudem existieren inhaltliche Schnittmengen zwischen alternativen und Mainstream-Medien. „Telepolis“ zum Beispiel, eher links angesiedelt, kommt bei manchen Themen ziemlich mainstreamig daher und publiziert immer wieder Beiträge, die man sich ebenso gut (zum Beispiel) in der „Süddeutschen“ vorstellen könnte. Nichts anderes gilt umgekehrt: In den etablierten Tages- oder Wochenzeitungen, erst recht in den zahlreichen Hörfunk- und Fernsehprogrammen der Öffentlich-Rechtlichen, ist immer noch – wenn auch graduell unterschiedlich – Platz für „Ausreißer“, die jedem Alternativmedium zur Zierde gereichen würden.

Obwohl es zweifellos hochkarätige alternativ-journalistische Angebote gibt, wäre es falsch, Alternativ- und Mainstream-Medien gegeneinander auszuspielen, indem man unterstellt, jene böten stets solide Information, diese seien per se propaganda-getränkt. Auch alternative Plattformen pflegen mitunter ihre Vorurteile, haben ihre Schlagseite, verschweigen wichtige Informationen, wollen die Wahrheit nicht immer so genau wissen.

Ähnliches gilt für Teile ihres Publikums. So lange Menschen nach umfassender, verlässlicher Information suchen, die vielen Angebote kritisch vergleichen und gegeneinander abwägen, um zu einem fundierten Urteil zu gelangen, ist alles wunderbar und begrüßenswert. Leider gibt es auch andere Herangehensweisen: Weil eine bestimmte Information nicht ins eigene Weltbild passt, fahndet man nach einer Quelle, die den Sachverhalt anders darstellt – und fühlt sich bestätigt, wenn man sie gefunden hat. Nicht „die Wahrheit“ ist das Ziel, sondern das Vermeiden „kognitiver Dissonanzen“.

Das hat wenig mit ernsthafter Recherche zu tun, aber viel mit ideologischer Verbiesterung. Wenn daraus ein Massenphänomen wird, kann es am Ende dazu führen, dass die Öffentlichkeit in kleine parzellierte Schrebergärten zerfällt, in denen Gleichgesinnte am Zaun ihre Selbstgespräche führen.

Was heißt hier „Wahrheit“?

Ich habe soeben mehrmals den Begriff „Wahrheit“ verwendet. Wenn man Journalisten mit diesem Begriff konfrontiert, winken sie gerne gelangweilt ab. „Die Wahrheit“, sagen sie, gebe es doch gar nicht, allenfalls könne man von „Wahrheit im Plural“ sprechen – also von verschiedenen, konkurrierenden Wahrheiten. Mehr noch, journalistische Objektivität sei eine Chimäre, und wer behaupte, er könne objektiv berichten, täusche das Publikum.

In einem absoluten, philosophischen Sinn stimmt das natürlich. Wir können „die Wahrheit“ nicht erkennen. Und es existiert auch keine absolute Objektivität. Schon deshalb nicht, weil wir alle eine spezifische Sozialisation durchlaufen haben, in ganz bestimmter Weise geprägt wurden, weil wir unsere Vorurteile, Klischees, ideologischen Verblendungen nicht so einfach abschütteln können, natürlich auch, weil wir – wie es in der Meinungsforschung immer so schön heißt – „unsere längerfristig wirksamen Grundüberzeugungen“ nicht aufgeben wollen.

Was sollte zum Beispiel „die Wahrheit“ über den Ukraine-Konflikt sein? Handelte es sich bei dem Machtwechsel vom Februar 2014 um einen Putsch – oder um einen legitimen Umsturz, gar eine Revolution? War der Anschluss der Krim an Russland eine völkerrechtswidrige Annexion – oder eine legitime Sezession? Und wann begann der Konflikt? Mit dem Umsturz in Kiew (oder noch früher), wie die russische Seite behauptet – oder mit der russischen Einverleibung der Krim, wie der Westen behauptet?

Über solche Fragen wird man kaum Einigkeit erzielen können. Aber um diese Art Wahrheit geht es auch nicht. Es geht um Wahrheiten, die sich journalistisch ermitteln lassen. Nehmen wir die Scharfschützen auf dem Maidan: Wer hat da auf wen – und aus welchen Gründen – geschossen? Oder: Was ist im Gewerkschaftshaus von Odessa genau passiert? Oder: Wer ist für den Abschuss der Passagiermaschine MH 17 verantwortlich? Es ist sicher nicht einfach, das alles herauszufinden, zumal manche Konfliktparteien ein Interesse an der Vernebelung haben. Aber prinzipiell unmöglich ist es nicht. Denn in den genannten Fällen kann es nur eine Wahrheit geben. Journalisten können sie ans Tageslicht bringen.

Hannah Arendt spricht in diesem Zusammenhang von „Tatsachenwahrheiten“. Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben von Journalisten, solche Tatsachen zu ermitteln. Wenn das gelingt, ist die Anerkennung der Tatsachenwahrheit absolut zwingend.

Am ehesten gelingt die Ermittlung von Tatsachenwahrheiten, wenn Journalisten ihrer Arbeit nach „bestem Wissen und Gewissen“, also „wahrhaftig“ nachgehen. Tatsachenwahrheiten sind das Ergebnis von gutem Journalismus. Man findet solchen Journalismus (zum Glück immer häufiger) in Alternativmedien und (leider immer seltener) in Mainstream-Medien.

Die Schnittmengen vergrößern…

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Es gibt Mainstream- und Alternativ-Medien. Aber es gibt keinen Mainstream- oder Alternativ-Journalismus. Es gibt nur guten und schlechten Journalismus.

An Beispielen erläutert: Der US-Amerikaner Robert Parry gehört zu den bekanntesten Investigativ-Journalisten seines Landes. Er hat u.a. maßgeblich zur Aufdeckung der Iran-Contra-Affäre beigetragen. Lange hat er für Mainstream-Medien gearbeitet, für das Magazin „Newsweek“ und die Agentur „Associated Press“. Dann ist er ausgestiegen und betreibt seit 1995 seine Internet-Plattform „consortiumnews.com“, nach wie vor eine der besten Adressen im Alternativsektor. War Parry also früher Mainstream-Journalist und ist er jetzt Alternativ-Journalist? Nein, er tut das, was er immer schon getan hat. An seinem journalistischen Selbstverständnis, an seiner Arbeitsweise, an seinen Prinzipien, an seinem Ethos hat sich nichts geändert. Es mag sein, dass er jetzt freier arbeiten kann, weil es sein eigener Herr ist und auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Aber das ist auch schon alles.

Parry ist nicht der einzige renommierte Journalist, der vom Mainstream- in den Alternativbereich abgewandert ist. Umgekehrt findet man im Mainstream immer wieder Journalisten, die man sich ebenso gut bei einem Alternativmedium vorstellen könnte. Manchmal handelt es sich sogar um einflussreiche, prägende Figuren.

Die liberale (oder linksliberale) britische Tageszeitung „The Independent“ zum Beispiel leistet sich mit Robert Fisk und Patrick Cockburn zwei Nah-/Mittelost-Berichterstatter, deren Arbeit völlig aus dem Rahmen fällt. Die beiden gehören zu den erfahrensten und renommiertesten Auslandskorrespondenten überhaupt und repräsentierten, jeder auf seine Weise, beinahe in Idealform das, was ich unter „gutem Journalismus“ verstehe: absolut integer, mit höchster Sachkenntnis, analytischer Qualität und nuanciertem Urteilsvermögen. Cockburn und Fisk nehmen nicht Partei, sondern versuchen in immer neuen Anläufen, die Wirklichkeit abzubilden und ihr gerecht zu werden. Wer sich über die aktuellen Entwicklungen im Syrien-Krieg fundiert und zuverlässig unterrichten will, tut gut daran, ohne beschwerliche Umwege gleich auf die Website des „Independent“ zuzugreifen.

Die Leser wissen die Leistungen Cockburns und Fisks zu schätzen. Die beiden brauchen keine „shitstorms“ zu befürchten, im Gegenteil. Auffällig auch, dass ihre „Independent“-Artikel nicht nur von westlichen Alternativmedien unterschiedlicher Couleur regelmäßig übernommen werden, sondern auch von der in Moskau produzierten Website „Russia Insider“. Untadeliger Journalismus hat offenbar die Kraft, Grenzen zu überschreiten.

Noch einmal: Es gibt guten Journalismus sowohl im Mainstream- als auch im Alternativbereich. Wo er zum Zuge kommt, überschneiden sich die beiden Sektoren. Wem an der Zukunft des Journalismus gelegen ist, sollte alles dafür tun, dass sich die Schnittmengen vergrößern.

2 Kommentare zu „Guter und schlechter Journalismus

  1. Richtig lausigen, hundsmiserablen ‚Journalismus‘ findet man bei 20min und dort besonders im People-Ressort! Die betreffende Leiterin kannste hochkant rauswerfen, die taugt wahrlich nichts! Am peinlichsten sind jeweils diese Live-Ticker über die Sendungen der Bachelor/Die Bachelorette: Hier muss man sich als Leser wirklich fragen, ob 20min von 3+ gekauft worden ist (Motto: Wir publizieren bei euch Interate und geben Geld, ihr berichtet)?

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