Weiße Barbarei

Im Jahr 2004 erschien im Züricher Rotpunktverlag das Buch „Weiße Barbarei: Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis“ der Kolumbianerin Rosa Amelia Plumelle-Uribe – ein erschütterndes Werk, heute so aktuell wie damals. Ich hatte es im September 2004 für die „Süddeutsche Zeitung“ rezensiert.

„Nazideutschland hat lediglich in kleinem Maßstab in Europa praktiziert, was die Westeuropäer Jahrhunderte lang gegenüber den Rassen praktiziert haben, die so mutig oder so unvorsichtig waren, ihnen über den Weg zu laufen.“

Diesen Satz schrieb der große Kolonialismusforscher Aimé Césaire im Jahr 1948 – und damals wie heute werden viele Césaires These als „Relativierung“ der Verbrechen des NS-Regimes, als schockierenden Tabubruch, ja als Zumutung empfinden. Den Opfern von Kolonialismus und Sklaverei dürften Bedenken dieser Art aber nur schwer begreiflich zu machen sein. Die schwarze kolumbianische Intellektuelle Rosa Amelia Plumelle-Uribe ist eine Nachfahrin der Opfer. Sie hat das Recht, bohrende Fragen zu stellen, vor denen andere – aus welchen Gründen auch immer – zurückschrecken. Sie tut dies ganz im Geiste Césaires – aus einer bedingungslos humanistischen Perspektive.

Wenngleich Plumelle-Uribe nicht mit neuen historischen Tatsachen aufwartet, werden sich viele Leser vermutlich eingestehen müssen, dass sie von alledem unendlich viel weniger wussten, als sie zu wissen glaubten. Im Amerika des Jahres 1500 lebten etwa achtzig Millionen Menschen, von denen zur Mitte des 16. Jahrhunderts noch zehn Millionen übrig waren; allein die Bevölkerungszahl Mexikos betrug vor der Conquista rund fünfundzwanzig Millionen, im Jahr 1600 nur noch eine Million. Das gleiche Bild in Afrika: Im belgischen Kongo sind bis zu zehn Millionen Menschen unter der Regentschaft Leopolds II. mit teilweise unvorstellbarer Bestialität getötet wurden.

Doch Plumelle-Uribe geht es nicht primär um die erschreckende Dimension der Verbrechen. Sie konzentriert sich auf die Motive und Interessen der Täter sowie auf die Techniken der Terrorisierung und Vernichtung. Was sie in diesem Zusammenhang in drastischer Anschaulichkeit ausbreitet, macht die Lektüre über weite Strecken zu einem peinigenden Unterfangen. Ihre vorzüglich belegte These lautet, dass die Mechanismen der Unterwerfung und Auslöschung der indigenen Bevölkerungen wie auch die Rechtfertigungsstrategien der Täter frappierende Ähnlichkeiten mit den Praktiken des NS-Regimes aufweisen.

So ist es denn auch nur konsequent, wenn Plumelle-Uribe in ihrer Analyse der Sklaverei nicht euphemistisch von „Sklavenhandel“ spricht, sondern von massenhafter „Deportation“. Deren unglückliche Opfer endeten, wenn sie nicht schon während der Überfahrt nach Amerika wie Vieh über Bord geworfen wurden, in „amerikanischen Konzentrationslagern“. Dort wurden sie zur verkäuflichen Ware degradiert, ausgebeutet oder durch Arbeit vernichtet, aus nichtigsten Anlässen gequält und getötet. Dies alles ist zwar im Prinzip bekannt, doch es ist, so der zentrale Vorwurf der Autorin, nie zu einem Bestandteil des europäischen Geschichtsbewusstseins geworden. In der durchaus provokativ gemeinten Analogisierung dieser Verbrechen mit denen des NS-Regimes sieht Plumelle-Uribe offenbar die einzige Möglichkeit, europäische Bewusstseinsblockaden aufzubrechen.

Der wesentliche Unterschied zwischen der dreieinhalb Jahrhunderte währenden Form institutionalisierter Barbarei in Afrika und Amerika und der zwölfjährigen des NS-Regimes liegt Plumelle-Uribe zufolge darin, dass für die Nazis nicht länger die angebliche Überlegenheit der Weißen gegenüber den Schwarzen, sondern die rassische „Minderwertigkeit“ der so genannten Nicht-Arier handlungsbestimmend war. Dadurch wurden erstmals weiße Menschen selbst zu Opfern einer weißen Vernichtungspolitik. Weil sich die Nazis nach ihrem verlorenen Krieg auf der Anklagebank wiederfanden, konnte ihren Opfern historische Gerechtigkeit widerfahren, eine Gerechtigkeit, die den Opfern der Kolonialherren und Sklavenhalter angesichts des bis heute weitgehend ungebrochenen westlichen Deutungsmonopols noch immer vorenthalten bleibt.

So überzeugend Plumelle-Uribe die Analogien der Völkermorde herausarbeitet, so fragwürdig ist ihre These, es bestehe auch noch zwischen ihnen eine Kausalität. Wenngleich sich Zusammenhänge kaum leugnen lassen dürften, erscheint die pauschale Feststellung „reichlich kurzschlüssig“, wie der im Juli 2004 verstorbene Publizist Lothar Baier in seinem Vorwort mit Recht moniert. Doch dieser Einwand kann dem im besten Sinne aufklärerischen Buch und seiner zentralen Botschaft nur wenig anhaben. Sie lautet: Überall dort, wo Menschen absolute Macht über andere Menschen reklamieren und tatsächlich erlangen, bricht über kurz oder lang jegliche Werteordnung zusammen und das bis dahin „Unvorstellbare“ wird zur grausamen Realität.

Rosa Amelia Plumelle-Uribe: Weiße Barbarei. Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis. Zürich: Rotpunktverlag 2004, 359 S.; € 22,50

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