Ein medialer Seitensprung…

…zum Glück ohne Folgen

Von Zeit zu Zeit gehe ich medial fremd – und konsultiere russische Nachrichten-Websites. Das ist zwar nicht politisch korrekt, aber es macht Spaß. Gestern zum Beispiel erlebte ich wieder einen unvergleichlichen Höhepunkt. Sputniknews meldete: Fast die Hälfte aller leitenden Positionen in russischen Unternehmen ist zurzeit von Frauen besetzt. Weiter hieß es:

„Damit ist Russland nun mit Abstand weltführend nach seinem Chefinnen-Anteil in der freien Wirtschaft. Frauen bekleiden 45 Prozent aller leitenden Stellungen, während insgesamt in der Welt der Anteil der Frauen-Leiterinnen nur 24 Prozent ausmacht. […]

Am seltensten gibt es Chefinnen in Japan (7 Prozent), in Deutschland bekleiden Frauen aktuell 15 Prozent aller leitenden Positionen, in den USA 20 Prozent. In Osteuropa beträgt der Frauen-Faktor unter Chefs durchschnittlich 35 Prozent, in Süd-Ost-Asien 34 Prozent.“

Diese Ergebnisse habe, so sputniknews, die globale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton ermittelt, und zwar auf der Basis von 5.500 Interviews, die in der zweiten Jahreshälfte 2015 durchgeführt worden seien. Erstaunlich, dachte ich. Und das in einem Land, das traditionell patriarchalisch gestrickt ist und zudem von einem weltbekannten Macho regiert wird. Wie kann das sein?

Da ich russischen Medien prinzipiell nichts glaube, habe ich die Meldung natürlich überprüft. Grant Thornton ist im Netz leicht zu finden, die in Rede stehende Untersuchung ziert im Moment die Startseite. Und in der Tat: Da liegt Russland mit deutlichem Abstand auf Platz 1. Es stimmt also.

Man kann sich meine Fassungslosigkeit ausmalen. Erst recht die Fassungslosigkeit deutscher Medien. Schon wieder eines dieser verteufelten Dilemmata, mit denen sich die Russland-Berichterstattung nun schon seit Jahren herumschlagen muss. Denn, fragt sich der Nachrichtenredakteur: Kann man so eine Meldung einfach unkommentiert weitergeben? Würde das nicht Irritationen beim Publikum auslösen? Und muss man die Meldung, wenn man sie schon weiterverbreitet, nicht unbedingt mit einem Spin versehen?

Ja, schon – aber wie? Einfach zu behaupten, dass der hohe Chefinnen-Anteil vermutlich die Ursache der aktuellen russischen Wirtschaftskrise sei, wäre nicht ratsam. Dieser Schuss ginge garantiert nach hinten los. Bleibt eigentlich nur die kommunistische Vergangenheit des Landes: Man könnte zum Beispiel sagen, dass Russland den Egalitarismus von ehedem immer noch nicht überwunden hat, der steigende Frauenanteil sogar darauf hindeute, dass man sich auf dem Weg zurück in rote Zeiten befindet. Zugegeben, auch diese Argumentation wäre nicht ganz ohne Risiko.

Vor allem wäre sie viel zu kompliziert. Vielleicht müsste man es einfach etwas hemdsärmeliger versuchen. Etwa so: Jaaa, die Statistik mag zwar stimmen – aber sie kann nicht davon ablenken, dass Putin ein verdammter Macho ist und zudem im September letzten Jahres ausgerechnet auf der frisch annektierten Krim und ausgerechnet mit seinem alten Busenfreund Silvio Berlusconi eine 200 Jahre alte Weinflasche geköpft hat.

Wow, das ist es!

Aber nein, auch hier bleiben Zweifel. Mit einer Breitseite dieser Art wäre zwar der status quo ante wieder hergestellt, aber man hätte sich einer höchst fragwürdigen Methode bedient – unterste Schublade sozusagen. BILD und Spiegel könnten sich das vielleicht leisten. Aber seriöse Medien?

Man sieht, Journalisten haben es nicht leicht in diesen kalten Zeiten. Da hilft eigentlich nur echte Lebenserfahrung weiter. Als in der „Feuerzangenbowle“ der ob eines dreisten Schülerstreichs in schierer Verzweiflung befindliche Direktor in die Kollegiums-Runde fragte, was man denn jetzt nur tun solle, antwortete der alte Lehrer Bömmel nonchalant: „Nix! Wir machen einfach nix!“

Stimmt. Wer nix macht, macht auch keine Fehler. Also machen wir einfach nix. Wir ignorieren die Sache mit den Führungsfrauen – und hoffen auf bessere Nachrichten.

 

Ein Kommentar zu „Ein medialer Seitensprung…

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