Nach dem Terror – vor dem Terror

Die mediale Bearbeitung der gestrigen Terroranschläge in Brüssel lief ab, wie man sie erwarten musste. Während der Terror längst Grenzen überschreitet, hielten sich die Sondersendungen von ARD und ZDF in einem eng gesteckten Rahmen.

Im Vordergrund standen Entsetzen, Schock, Trauer. Dann die Fragen: Wie wurden die Attacken ausgeführt? Wer sind die Täter? Gab und gibt es „Sicherheitslücken“? Und: Stehen uns weitere Anschläge bevor? Wie groß ist die aktuelle Gefahr? Was könnte man dagegen tun? Nicht fehlen durften selbstverständlich pathetische Worte von Merkel, Gauck, de Maizière: tiefe Betroffenheit, der Verweis auf die europäischen Werte, die Entschlossenheit im Kampf gegen den Terror. Und so weiter.

Ist es der Respekt vor den Opfern, der eine tiefergehende Ursachenanalyse so unmittelbar nach dem Geschehen verhindert? Das mag eine Rolle spielen. Aber es steht zu befürchten, dass über Ursachen dieser Art des Terrors auch in den kommenden Tagen wenig zu erfahren sein wird. Vielleicht sollte man, um der Sache auf den Grund zu gehen, sich nicht so sehr mit dem beschäftigen, was kurz nach den Anschlägen gesagt wird, sondern mit dem, was davor gesagt wurde.

Ich habe in einem früheren Beitrag („Guter und schlechter Journalismus“, auf dieser Seite weiter unten) meiner Bewunderung für den Journalisten Patrick Cockburn Ausdruck verliehen. Der Mittelost-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Independent“ hat drei Tage vor den Massakern von Brüssel einen Artikel veröffentlicht, dessen Lektüre gerade in der jetzigen Situation mehr denn je lohnt. Äußerer Anlass von Cockburns Beitrag vom 19. März war die gerade erfolgte Verhaftung von Salah Abdeslam, ebenfalls in Brüssel, und das entsprechende Medien-Echo.

„The reporting of the events in Brussels is in keeping with that after the January (Charlie Hebdo) and November Paris attacks and the Tunisian beach killings by Isis last year. For several days there is blanket coverage by the media as it allocates time and space far beyond what is needed to relate developments. But then the focus shifts abruptly elsewhere and Isis becomes yesterday’s story, treated as if the movement has ceased to exist or at least lost its capacity to affect our lives.“

Cockburn erinnert daran, dass es auch nach Paris Isis-Anschläge gegeben hat, nur eben nicht in Europa. Erst Ende Februar fanden zum Beispiel im Irak mehrere von Isis zu verantwortende Massaker statt, die Zahl der Toten war in etwa so hoch wie die der Pariser Attentate im November 2015. Sie wurden allerdings bei uns, in Europa, kaum zur Kenntnis genommen.

Dann kommt Cockburn zu seinem Punkt: Wir weigern uns, sagt er, einen Zusammenhang zwischen den Kriegen im Irak, in Syrien und andernorts und den terroristischen Angriffen auf Europa herzustellen. Wir sehen nicht, dass diese Kriege unsere eigene Sicherheit bedrohen. Das wiederum liege ganz im Interesse der führenden westlichen Politiker,

„because it means that the public does not see that their disastrous policies in Iraq, Afghanistan, Libya and beyond created the conditions for the rise of Isis and for terrorist gangs such as that to which Salah Abdeslam belonged.”

Die öffentlich zelebrierte Politiker-Trauer nach jedem Anschlag verneble, dass eben diese Politiker eine Mitverantwortung für die Geschehnisse tragen. Der sorgfältig inszenierte Marsch von Staatslenkern durch Pariser Straßen nach dem Charlie Hebdo-Attentat, so Cockburn, served as a publicity stunt to divert attention from these leaders’ inability to act effectively and stop the wars in the Middle East which they had done much to provoke.”

Weil der Westen, unter tatkräftiger Mithilfe der Europäer Nicolas Sarkozy und David Cameron, Libyen zerstört hat, gibt es dort heute eine wachsende Isis-Gefahr. Weil  der Westen seinen saudischen „Partnern“ freie Hand bei der Zerstörung Jemens lässt, expandiert dort al-Qaeda. Nach den Pariser Massakern, so Cockburn weiter, gab es viel Mitgefühl für Frankreich, aber wenig Kritik an der französischen Syrien- und Libyen-Politik, die seit 2011 zum Vorteil von Isis und anderer dschihadistischer Bewegungen ausgeschlagen ist. Und noch deutlicher:

„By taking up the cause of the Syrian and Libyan opposition and destroying the Syrian and Libyan states, France and Britain opened the door to Isis and should share in the blame for the rise of Isis and terrorism in Europe.”

Doch Europa ist offenbar nicht lernbereit. Dass im Syrien-Krieg inzwischen ein kleines Licht am Ende des Tunnels erscheint, ist Cockburn zufolge nicht den Europäern, sondern Russen und Amerikanern zu verdanken.

Neben den verantwortlichen Politikern ist es vor allem der Medien-Mainstream, der Zusammenhänge nach Kräften verschleiert und sich damit in den Dienst der Politik stellt.

Nach der Festnahme von Salah Abdeslam haben sich die Medien vornehmlich mit der Frage beschäftigt, ob es da ein Versagen der Sicherheitskräfte gegeben habe, warum sich der Gesuchte dem Zugriff so lange hat entziehen können. Doch solche Debatten, sagt Cockburn, seien weitgehend irrelevant. Solange Isis eine Macht ist, wird der Terror weitergehen. Auch im Fall Abdeslam haben es die Medien versäumt, die entscheidenden Fragen zu stellen.

„Once again, the wall-to-wall media coverage is allowing Western governments to escape responsibility for a far worse security failure, which is their own disastrous policies.”

 

Ergänzendes und Vertiefendes zum Thema findet man hier und hier.

 

 

 

 

Ein Kommentar zu „Nach dem Terror – vor dem Terror

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