Wer rettet die Medien?

Drei neue Bücher zur aktuellen Mediendebatte

Die aktuelle Mediendebatte hat endgültig den Buchmarkt erreicht. Drei neue Titel sind im März 2016 erschienen. Die Pariser Medienökonomin Julia Cagé denkt darüber nach, wie wir die Medien, gerne auch als „vierte Gewalt“ bezeichnet, gegen den Kapitalismus verteidigen könnten. „Rettet die Medien“ heißt ihr bei C.H. Beck verlegtes Buch, in dem sie mit konkreten Vorschlägen aufwartet. Unter dem Titel „Mainstream“ (ebenfalls bei Beck) erklärt der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger, „warum wir den Medien nicht mehr trauen“. Und „Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung“ heißt ein Buch, das Stefan Schulz im Hanser-Verlag veröffentlicht hat. Darin widmet sich der ehemalige Feuilleton-Redakteur der FAZ Themen, die in der gegenwärtigen Diskussion eine eher untergeordnete Rolle spielen und wirft einen Blick in die Medienzukunft.

„Redaktionsschluss“ – man muss diesen Titel wörtlich nehmen. Denn die Kernthesen des Autors Stefan Schulz lauten: Die gedruckte Zeitung, wie wir sie kannten, steht unwiderruflich vor dem Aus. Und: der seriöse, hochwertige Journalismus ebenfalls.

Schulz hat ein analytisch brillantes und fesselnd geschriebenes Buch vorgelegt. Zugleich ein beklemmendes Werk, das eine düstere Medienzukunft heraufbeschwört. Viele, die in den großen Medienhäusern Verantwortung tragen, so sein Vorwurf, haben die bedrohlichen Entwicklungen viel zu spät mitbekommen – oder sie verschließen nach wie vor Augen und Ohren.

Schulz erzählt zwei Episoden, die das schlaglichtartig veranschaulichen: Die eine trug sich bei der FAZ zu, als der legendäre Frank Schirrmacher noch das Zepter im Feuilleton führte. Die Online-Redakteure der Zeitung hatten ein Problem: Sie fragten sich, wie sie mit einem Artikel verfahren sollten, der aus Schirrmachers Ressort stammte und die Website der FAZ zierte, aber immer schlechtere Klickzahlen generierte. Gemessen werden solche Zugriffe mit einer Software namens „Chartbeat“.

„Es war das erste Mal, dass [Schirrmacher] von Chartbeat hörte. Er mahnte deutlich an, dass über die Linie der Zeitung von den fünf Herausgebern entschieden würde und nicht von einer Software. In Zukunft wollte er sofort darüber informiert werden, wenn leitende Online-Redakteure die Empfehlungen der Software zu ihrer journalistischen Entscheidungsgrundlage machten und dies auch von anderen verlangten. Doch das Horrorszenario des einen war längst Alltag der anderen.“

Die zweite Episode spielte sich bei einer Veranstaltung zur Zukunft des „Qualitätsjournalismus“ ab. Da beklagte sich der Chefredakteur der „Hannoverschen Allgemeinen“ über Unternehmen wie Google und Facebook. Diese greifen, sagte er, Presseerzeugnisse im Internet auf, ohne dafür zahlen zu müssen. Das trug ihm eine zornige Replik von Ralf Bremer ein, dem Vertreter von Google Deutschland. Er machte dem Chefredakteur klar, dass viele Menschen die Online-Angebote der Zeitungen doch nur deshalb lesen, weil sie von Google dorthin geleitet werden. Wäre es also nicht angemessener, Google für solche Dienste zu entschädigen? Und dann wollte Bremer noch wissen, was denn die Redaktion der „Hannoverschen Allgemeinen“ eigentlich dafür zahle, dass sie in exzessivem Ausmaß die Google-Suche, Google Maps, Google News, YouTube und Ähnliches nutze?

Was aus diesen und vielen anderen Beispielen des Buches überdeutlich wird: Die Gewichte in der Medienwelt haben sich längst verlagert.

„Der organisierte Journalismus ist nicht nur beim Vertrieb seiner Produkte auf die Dienste der neuen Informationsanbieter angewiesen, sondern schon bei ihrer Herstellung.“ „‘Spiegel online‘ und allen Betroffenen bliebe nur eine Möglichkeit des Widerspruchs, nämlich Google die Nutzung aller Inhalte pauschal zu verbieten und auf mehr als die Hälfte aller Leser zu verzichten, die als Laufpublikum von Google und anderen Informationsvermittlern aus auf die Website gelangen. Die Pluralität der Medienwelt wird heute von Google gestaltet.“

Der Journalismus, so Schulz, wird sich unter diesem Druck grundlegend verändern. Nicht Qualität, sondern Quantität, nicht Glaubwürdigkeit und Vertrauen, sondern messbare Akzeptanz werden im Zentrum stehen. Das müsse man zwar nicht gut finden, meint Schulz, aber man könne auch wenig dagegen ausrichten. Was bleibt, ist Sarkasmus. Ein wenig fühlt man sich da an den Verleger Axel Springer erinnert. Einst auf die dürftige Qualität seiner Bild-Zeitung angesprochen, erwiderte er trocken: Nun, das sei eben die „tägliche Abstimmung am Kiosk“.

Was tun, wenn Google, Facebook und Co. das Ruder übernehmen? Mediengiganten also, die ihre Nutzer nicht wirklich informieren, sondern ihnen letztlich nur das Gefühl geben, informiert zu sein?

Da weiß auch Stefan Schulz keinen überzeugenden Rat. Sein Vorschlag: Wir sollten uns eine „Nachrichtendiät“ verordnen, also: abschalten, weghören, wegsehen. Das mag hilfreich sein für Leute, die sich tagaus, tagein mit journalistischem Fast- oder Junkfood den Magen vollschlagen und gelegentlich verderben. Aber wäre es nicht viel sinnvoller, konsequent auf gesunde Ernährung umzustellen? In Schulz‘ stark polarisierender Darstellung gerät fast aus dem Blick, dass das Internet nicht nur aus Google und Facebook besteht. Es gibt dort auch alternative Produkte mit hohem Informationswert, hochkarätige journalistische Plattformen, spannende Nachrichtenportale, interessante Blogs. Anders gesagt: An solider Information besteht im Grunde kein Mangel. Das Problem: Man muss sie finden und sich aus dem reichhaltigen Angebot ein gut verträgliches, auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenes Menu zusammenstellen.

Das würde vermutlich auch der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger so sehen. Doch er würde zugleich darauf hinweisen, dass die systematische Auswertung der vielen Alternativangebote immer Sache einer Minderheit bleiben wird. Denn um sie im Netz aufzuspüren und sinnvoll zu nutzen, braucht es nicht nur erhebliche Kompetenzen, sondern auch und vor allem: Zeit. Und die hat längst nicht jeder in ausreichendem Maß zur Verfügung.

In seinem Buch „Mainstream“ tritt Uwe Krüger gleichsam einen Schritt hinter Stefan Schulz zurück und greift in die aktuelle Mediendebatte genau dort ein, wo sie sich im Moment befindet. Da ist zum einen die Wahrnehmung, dass es einen massiven Vertrauensverlust des Publikums gibt, dass öffentliche und veröffentlichte Meinung auseinanderdriften – zum anderen, dass sich die Medien angesichts der vielfältigen Kritik in einer Art Wagenburg verschanzt haben und darauf hoffen, der Sturm möge sich bald wieder legen.

Krügers Buch ist eine Punktlandung. Auf knappstem Raum verbindet es präzise Medienkritik mit profunder Ursachenanalyse. Der Autor argumentiert stringent, scharf, manchmal provokant – jedoch nie verletzend, immer mit Dialogbereitschaft. Und er trennt die Spreu vom Weizen, hält sich nicht auf mit der unflätigen Pauschalkritik, die man in den letzten Jahren zu hören bekam, sondern konzentriert sich auf substantielle, begründete Einwände. Davon gibt es mehr als genug. Nach dem ersten Drittel seines Buches zieht Krüger eine vorläufige Bilanz.

„Wir haben gemerkt: Nachrichten werden von Menschen ausgewählt und aufbereitet, von Menschen, die Fehler machen, die in bestimmten Produktionsstrukturen und Routinen stecken, die Vorlieben und Abneigungen haben und die zuweilen auch Absichten verfolgen. Wir haben verstanden: Die mediale Wirklichkeit ist kein simpler Spiegel der Welt, sondern eine Konstruktion. Wir wissen jetzt: Die Nachrichten könnten auch ganz anders sein.“

Doch noch sind sie so, wie sie sind. Viel zu staats- und wirtschaftsnah, sagt Krüger. Das zeige sich besonders eindrücklich immer dann, wenn es ans Eingemachte geht. Ob Finanzkrise oder Griechenland-Hilfe, Flüchtlingspolitik oder Pegida, Syrien, Russland oder Ukraine – bei neuralgischen Themen bewegten sich die Medien in einem verstörenden Gleichklang. Bestimmte Narrative beherrschten das Feld, manchmal gesteigert zu regelrechten Kampagnen – mit entsprechender Nachrichtenauswahl und -gewichtung. Der Journalismus agiere nur noch selten als vierte Gewalt, stattdessen, wenn man so will, als Teil des Systems. Viele Journalisten, so Krüger, seien eher Anpasser als Aufpasser. Sie wollten zwar nicht unbedingt mit-regieren, aber sie fühlten sich allzu oft mit-verantwortlich. Das sei aber nicht ihre Aufgabe.

„Nicht umsonst soll in einer modernen westlichen Demokratie der Journalismus unabhängig und frei sein, soll auch berichten über das, was demokratisch gewählte Politiker nicht für hilfreich halten. Journalisten sind nicht verantwortlich für das Gelingen einer bestimmten Griechenlandpolitik, nicht für die Qualität der transatlantischen Beziehungen, nicht für die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Sie sind auch nicht verantwortlich für die Erziehung ihrer Nutzer, sondern dafür, Öffentlichkeit herzustellen.“

Während Stefan Schulz die Sache weitgehend verloren gibt, formuliert Uwe Krüger einen Appell, getragen von der Hoffnung, der Journalismus möge sich auf seine originären Aufgaben, auf seine Tugenden besinnen. Doch ist es damit getan? Wären nicht auch strukturelle Reformen nötig?

Sie sind das Thema in Julia Cagés Buch „Rettet die Medien“. Nach einer hochinformativen, international vergleichenden Übersicht über die wirtschaftliche Lage der Medien, entwickelt sie ein neues, ausgeklügeltes Organisationsmodell. Es könnte sowohl die prekäre Lage der Alternativmedien, die sich meist durch Spenden ihrer Leser über Wasser halten, wie auch die der dahinsiechenden etablierten Medien nachhaltig verbessern. Konkret schlägt Cagé eine gut durchdachte Kombination aus Aktiengesellschaft und Stiftung vor, so konstruiert, dass große Investoren keinen beherrschenden Einfluss erlangen können und Kleinaktionäre über erhebliche Mitbestimmungsrechte verfügen. Solche konstruktiven, zukunftsweisenden Ideen bräuchten wir mehr. Und sie müssten Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte werden – bevor es zu spät ist. Andernfalls – und das kann man aus allen drei besprochenen Büchern deutlich herauslesen – werden wir in den nächsten zehn, zwanzig Jahren ein gewaltiges Mediensterben erleben. Ungeachtet der berechtigten Kritik an der derzeitigen Verfassung vieler Medien – wer könnte an einem solchen Aderlass ein Interesse haben?

Stefan Schulz: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung. Carl Hanser Verlag, 303 S., € 21,90.

Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. C.H. Beck, 170 S., € 14,95.

Julia Cagé: Rettet die Medien. Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen. C.H. Beck, 134 S., € 12,95.

Beitrag für SWR 2, Forum Buch, 27.03.2016

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