Nein, keine Verschwörungstheorie…

…denn sie stammt von Brookings

Der „neue kalte Krieg“ ist in vollem Gange. Der Westen beschwert sich über die „hybride Kriegsführung“ Russlands – und Russland über die „hybride Kriegsführung“ des Westens.

Welche Rolle spielen die „Panama Papers“ in diesem Zusammenhang? Als die Sache losging, vergangenen Sonntag/Montag, konnte man den Eindruck gewinnen: Putin und Russland stehen im Fokus. Aber das war nur ein Strohfeuer. Zumal der Name Putin in den Papieren gar nicht auftaucht. Was an Vorwürfen gegen die Russen übrig blieb, war so sensationell nicht; man hat es schon gewusst oder geahnt. Teile des Publikums mokierten sich – wieder einmal – über die offenkundige Einseitigkeit der involvierten Medien. Und der Kreml konterte die Attacke mit demonstrativer Gelassenheit – nach dem Motto: Wenn ihr uns drankriegen wollt, müsst ihr schon stärkeres Geschütz auffahren.

In Sachen Russland scheint das Pulver also schon verschossen zu sein. Diese Woche fragte Marietta Slomka ihren Kollegen Hans Leyendecker von der Süddeutschen: „Besonders interessant ist ja der Fall Putin… Gibt’s da noch was, was Sie noch im Kessel haben, womit Sie noch nachlegen können?“ Leyendeckers Antwort fiel ernüchternd aus: „Also der Name Putin findet sich nicht in den Unterlagen. Gerade die ‚Putin-Recherche‘ und die um seine Freunde war sehr umfassend. Man hat alles abgeklopft.“

Man sieht, Investigativ-Journalismus ist manchmal eine ziemlich frustrierende Angelegenheit.

Inzwischen hat sich die Diskussion erkennbar verlagert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht Putin und seine Freunde, sondern andere. Gewiss, es sind überwiegend Leute aus der zweiten oder dritten Reihe, wie David Cameron. Aber immerhin.

Vor allem steht die Frage im Raum: Wer steckt eigentlich hinter dem Panama-Leak? Ist es nur „John Doe“, ein Einzeltäter? Oder ziehen Geheimdienste im Hintergrund die Fäden? Und sind unsere Investigativ-Journalisten nichts weiter als deren Erfüllungsgehilfen?

Aus dem Umstand, dass in den Papieren keine US-Amerikaner auftauchen, haben viele den voreiligen Schluss gezogen, dass die ganze Sache in den USA ausgeheckt wurde. Und Wikileaks hat diesen Verdacht sogar explizit bestätigt.

Aber könnte nicht alles auch ganz anders sein? Auf der Website der Brookings Institution entwickelt Clifford G. Gaddy eine Argumentation, die aufhorchen lässt. Brookings ist eine der führenden „Denkfabriken“ in den USA, Gaddy ein ausgewiesener Russland-Experte. Seine Frage, gestellt nicht am 1., sondern am 7. April: Are the Russians actually behind the Panama Papers?

Gaddys Beweisführung verdient höchste Aufmerksamkeit. Leicht verkürzt, geht sie so:

Erstens: Einem ominösen Whistleblower namens John Doe ist ein solcher Schlag nicht zuzutrauen; das muss das Werk eines Geheimdienstes sein. Und die Medien in ihrer Naivität und Sensationslust sind einem Strohmann auf den Leim gegangen.

Zweitens: Die anfängliche Attacke auf Russland erwies sich als Rohrkrepierer, als eine „non-story“, wie Gaddy sich ausdrückt. Ergo: Der mediale Einstieg mit dem Thema „Russland / Putin“ muss eine Finte gewesen sein, um die Glaubwürdigkeit des Manövers zu erhöhen und von den wahren Hintermännern abzulenken.

Drittens: Schon nach wenigen Tagen zeigt sich, dass plötzlich andere, für „uns“ viel unangenehmere Fragen im Vordergrund stehen, dass die Panama Papers nicht etwa Putin, sondern Politiker und Regierungen des Westens ins Schlingern bringen.

Und was folgt daraus? Alles spricht dafür, sagt Gaddy, dass die Russen die Sache ausgeheckt und westliche Medien für ihre hinterhältige Kampagne instrumentalisiert haben.

Bleibt die Frage, wie ihnen dieser Coup gelungen ist. Gaddy spricht in diesem Zusammenhang von Russlands “vaunted hacking capabilities”. Sein Verdacht richtet sich gegen den Russian Financial Monitoring Service, abgekürzt RFM.

„RFM is Putin’s personal financial intelligence unit—he created it and it answers only to him. It is completely legitimate and is widely recognized as the most powerful such agency in the world, with a monopoly on information about money laundering, offshore centers, and related issues involving Russia or Russian nationals. An operation like the Panama Papers, which is only about financial intelligence, would have to be run out of RFM. Not the FSB, not some ad hoc gang in the Kremlin. While it might not (legally) have access to secrets kept by a firm like Mossack Fonseca, it’s privy to lots of international financial information through the international body of which it is a leading member, the Financial Action Task Force. In short, Russians are better equipped than anyone—more capable and less constrained—to hack into secret files.”

Das wäre also geklärt. Nur, warum tauchen in den Panama Papers keine US-Amerikaner auf, obwohl doch die USA im weltpolitischen Kräftespiel Russlands Hauptwidersacher sind?

Auch dafür bietet Gaddy eine plausible Erklärung an: Die Russen haben ganz bewusst aus den Datensätzen alle Hinweise auf US-Amerikaner herausgefiltert und stattdessen die Aufmerksamkeit auf diverse Nebenkriegsschauplätze gelenkt, um ihre Botschaft an die USA umso unmissverständlicher kommunizieren zu können. Sie lautet: Wir hätten ohne weiteres auch euch, die USA, an den Pranger stellen können und werden das vielleicht auch tun, wenn ihr euch nicht so verhaltet, wie wir das wollen. Wir können auch anders, merkt euch das. Diesmal haben wir euch noch geschont, aber wenn ihr euch nicht benehmt, legen wir nach. Wir wollten bloß mal ein Exempel statuieren, um euch zu zeigen, wozu wir fähig sind. Ihr wisst jetzt, wo der Hammer hängt.

Für Gaddy ist das natürlich ein klarer Fall von Erpressung. Was der Autor in seinem Beitrag erstaunlicherweise nicht erwähnt, ist der Umstand, dass die Russen schon Tage, ja Wochen vor Bekanntwerden des Panama-Leaks davor gewarnt haben, dass eine gewaltige Informationsattacke des Westens auf Russland bevorstehe. Wie konnten sie das wissen? Spräche das nicht für Gaddys These, dass es die Russen selbst waren, die diese vermeintliche Attacke inszeniert haben? Und dass sie mit ihrem Gezeter über den angeblich so bösen Westen nur von ihrem eigenen perfiden Tun ablenken wollten?

Denkbar wär’s. Denkbar wäre natürlich auch, dass es sich bei Gaddys Ausführungen um eine Verschwörungstheorie handelt – oder, da es Verschwörungstheorien als solche ja nicht gibt, um eine „krude“ oder „unverhohlene“ Verschwörungstheorie. Oder ist das alles einfach nur Scherz, Satire, Ironie – ohne tiefere Bedeutung?

 

Update, 12.04.2016

Für gewöhnlich lohnt es sich, den Dingen auf den Grund zu gehen. So auch in diesem Fall. Gestern hat sich der renommierte Russland-Korrespondent John Helmer der Brookings- (Verschwörungs-) Theorie angenommen. Er tut es in der ihm eigenen, unnachahmlichen Art: ebenso süffisant wie akribisch.

 

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