Die rote Köchin

Revolution geht durch den Magen

Anonym: Die Rote Köchin. Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar. Aus dem Italienischen von Ambros Waibel. Ventil Verlag, 224 Seiten, € 15,90

Schon die Vorgeschichte dieses merkwürdigen Buches ist eigentlich viel zu schön, um wahr zu sein. Sie spielt in Italien, vor ein paar Jahren. Ein Mailänder Kunstsammler und –mäzen beauftragt einen Freund, nach Ascona zu fahren und in einer dort ansässigen Galerie ein kleines Aquarell von Paul Klee zu erwerben. Doch die aus Deutschland stammende Galeristin ziert sich, ihrem Kunden das Objekt auch nur zu zeigen. Nach einigem Hin und Her taut das Eis und sie fasst Vertrauen zu ihm. Es stellt sich heraus, dass sich Klees Werk schon lange in ihrem Familienbesitz befindet, mehr noch: der Meister hat es einst ihrer Großmutter geschenkt, unmittelbar nach Fertigstellung. Das war 1921, in Weimar, am Bauhaus, wo Klee seinerzeit unterrichtete und die Großmutter, eine gewisse Hannah, studierte. Und nun erzählt die Enkelin ihrem neuen Vertrauten die Geschichte ihrer Großmutter, überlässt ihm sogar einen alten Umschlag mit deren autobiografischen Aufzeichnungen und – einer Vielzahl von Kochrezepten!

Kochrezepte? Ja, denn Hannah studierte nicht nur, sie war auch Mitglied einer spartakistischen Aktionsgruppe und betrieb ein kleines Restaurant. Es diente Hannah und ihren Genossen als Einnahmequelle und zugleich als Ort, an dem sie neue Parteigänger zu gewinnen hofften – wenn schon nicht durch gute Argumente, dann durch gutes Essen.

Damals, Anfang der 1920er Jahre, standen die politischen Zeichen auf Sturm. Hannahs Gruppe agitiert immer und überall, gerät oft in gewaltsame Auseinandersetzungen mit ihren Widersachern auf der Rechten, und manch einer landet auch schon mal für ein paar Tage im Knast. Eines Tages wird es sogar richtig konspirativ, fast wie in einem Agententhriller. Da kommt ein unbekannter Genosse nach Weimar und soll Hannah eine wichtige Nachricht übergeben – und die erzählt:

„Die Befehle, die ich erhalten habe, sind eindeutig: Wer die Nachricht überbringt, muss anschließend sofort in den Bahnhof zurückgehen und den nächsten Zug nehmen, egal, wo der hinfährt. Gib Acht, Hannah, er darf mit niemandem sprechen, darf nicht in die Cafeteria gehen! Wenn er sich nicht genau so verhält, erschieß ihn! Manche Missionen haben mir noch nie gefallen, aber ich muss gehorchen – ich weiß –, allerdings nicht ganz ohne Sarkasmus. Und wenn er aufs Männerklo geht, was mache ich dann? Die Antwort ist nüchtern. Ihn erschießen.“

Soll man diese Geschichte glauben? Soll man überhaupt all die Geschichten glauben, die Hannah zum Besten gibt? Gab es diese Hannah wirklich? Je mehr man liest, desto kurioser wird das Ganze. Wir erfahren, dass sich Hannah und ihre linken Freunde nicht nur dem revolutionären Kampf hingegeben haben. Sie haben auch weiß Gott wen kennengelernt. Und zwar nicht nur Bauhaus-Prominenz wie Walter Gropius oder Paul Klee. Noch bunter wird es, als sie einen Abstecher in die Reichshauptstadt machen.

„Berlin im September ist großartig. Im Café Bauer Unter den Linden haben wir Arthur Schnitzler getroffen, der mit meiner Mutter Medizin studiert hatte … . Er hat uns gebeten, kein Aufsehen um ihn zu machen, er sei ohnehin schon wieder am Abreisen, er ertrage es nicht, lange von Wien fort zu sein – wo im Übrigen gerade sehr viel getratscht wird über seinen Briefwechsel mit Freud.“

Natürlich gelingt es ihnen auch, ein Treffen mit Rainer Maria Rilke zu arrangieren – diesmal nicht im Café Bauer, sondern in der Lobby des Hotels Adlon. Und auf einer Tagung, die der Verleger Eugen Diederichs organisiert, stürzen sie den Soziologen Max Weber mit ihren Argumenten in tiefes Nachdenken.

Also nochmal: Soll man das alles glauben? Hat es diese Hannah und ihre Genossen tatsächlich gegeben? Wohl eher nicht. Aber ist das überhaupt wichtig? Genügt es nicht, dass es Hannah gegeben haben könnte, und dass es Menschen gegeben hat, die so oder so ähnlich waren wie sie?

Vielleicht kann man es so sagen: Wirklich wahr an diesem verrückten Buch sind nur die Kochrezepte. In jedem der zahlreichen Kapitelchen gibt es nach einer kurzen Episode aus Hannahs Leben ein neues Rezept. Darunter sind Sachen, die man besser mit Vorsicht genießen sollte: „Blutsuppe mit Äpfeln“ etwa. Anderes könnte aus einer echten Gourmet-Küche stammen: „Zanderrouladen in Mandel-Sahne-Sauce“ oder „Wachteln an marinierter Gänseleber“ oder „Schneehuhn-Terrine mit Portwein“. Aber der wahre Gourmet bevorzugt ja bekanntlich deftige, proletarische Hausmannskost. Und auch davon ist zum Glück etliches dabei, „Königsberger Klopse“ zum Beispiel, „Großer Kartoffelsalat“ – oder „Hamburger“:

„Man braucht pro Hamburger 200 g Rinderfilet und eine fein gewiegte Zwiebel. Die Zwiebel in einer Nuss Butter glasig werden lassen, nicht braun! Fett und Sehnen vom Fleisch entfernen, alles sehr fein wolfen, Salz und frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer zugeben, mit der Zwiebel vermengen, Steaks formen, mit einer weiteren Nuss Butter in der Zwiebelpfanne braten. Auf warmer Platte anrichten, den Fond in der Pfanne mit 1 EL Kalbsbrühe lösen. Auf das Fleisch geben, mit einem Spiegelei und sauren Gürkchen garnieren.“

1956, während des Ungarnaufstands, ist Hannah in Budapest, wird verhaftet und in die Sowjetunion verschleppt, wo sich ihre Spur verliert. Die von ihr erträumte Revolution hat nie stattgefunden. Eines aber ist sicher: Hätte sie Erfolg gehabt, wären die Menschen nicht nur mit Propagandaparolen abgespeist worden, sondern hätten etwas Ordentliches zu essen bekommen. Auch wer der Revolution nichts abzugewinnen vermag, sollte das schöne Buch von und über Hannah nicht verschmähen. Vielleicht kommt er ja bei der Lektüre auf den Geschmack.

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