Hugo Ball und Michael Bakunin

Hugo Ball: Michael Bakunin. Ein Brevier. Herausgegeben von Hans Burkhard Schlichting unter Mitarbeit von Gisela Erbslöh. Wallstein Verlag 2010, 580 S. (= Sämtliche Werke und Briefe, Band 4), € 39.-

1927 veröffentlicht Hugo Ball ein autobiografisches Werk, eine Art Tagebuch mit dem Titel Die Flucht aus der Zeit. Darin notiert er unter dem Datum des 15. Juni 1915:

„Ich habe mich genau geprüft. Niemals würde ich das Chaos willkommen heißen, Bomben werfen, Brücken sprengen und die Begriffe abschaffen mögen. Ich bin kein Anarchist.“

Die Flucht aus der Zeit ist bekanntlich kein authentisches Tagebuch; Ball überliefert seine Eintragungen vielmehr in bearbeiteter, stilisierter Form. Und die Frage stellt sich: Ist es wirklich glaubhaft, dass er sich Mitte 1915 so klar und deutlich vom Anarchismus distanziert hat? Man darf zweifeln. Manches spricht dafür, dass es sich hier um eine nachträgliche Glättung handelt. Denn schon im Frühjahr 1916, nur wenige Monate nach der vermeintlichen Eintragung, wird unter maßgeblicher Beteiligung Hugo Balls der Dadaismus aus der Taufe gehoben, eine künstlerische Bewegung also, die das Chaos als kreatives Potential entdeckt und die Hierarchie der Begriffe außer Kraft zu setzen sucht.

Der Dadaismus steht insoweit sicherlich in einer Art Wahlverwandtschaft zum Anarchismus, wäre ohne die denkerische Vorarbeit der Anarchisten vielleicht gar nicht entstanden. Sodann – und wichtiger: Nachdem Ball seine anfängliche Begeisterung für den Ersten Weltkrieg abgelegt und sich zum entschiedenen Gegner des Kriegs gewandelt hat, setzt auch eine nachdrückliche Politisierung seines Denkens ein; eine Politisierung, bei der anarchistische Schriften eine zentrale Rolle spielen, allen voran die des russischen Revolutionärs Michael Bakunin.

In Bakunins Denken sieht er eine fundamentale Alternative zu jenen geistigen und politischen Irrwegen, die Deutschland in den Krieg geführt haben: Untertanengeist, Machtstaatsdenken, Nationalismus, Militarismus. Zudem nimmt er Bakunin weniger als russischen denn als europäischen Autor wahr, der seit der 48er Revolution auch eine besondere Beziehung zu Deutschland habe.

„Die Jahre 48 und 49 in Dresden waren sein stärkstes Erlebnis …, und Bakunin ist von den Deutschen nicht mehr losgekommen. Seine ganze spätere Aktion … beschäftigt sich kritisch mit deutschem Denken, ist eine Auseinandersetzung mit deutschen Gegnern und Methoden. Er gehört zu unserer Literatur wie Heine und Nietzsche ihr angehörten, leidend am Deutschen, aber doch tief und unlösbar mit ihm verbunden.“

Umso erstaunlicher findet Ball, dass sowohl Bakunin als auch seine Schriften seinerzeit in Deutschland kaum bekannt sind. Er will für Abhilfe sorgen. Als probates Mittel erscheint ihm freilich nicht die klassische Biografie, sondern die Montage von Texten Bakunins, ergänzt durch Erinnerungen von Zeitgenossen. Schon bald erhält das Projekt den Namen „Bakunin-Brevier“. Obwohl es in der Anordnung hier und da Zeitsprünge gibt, folgt die Sammlung meist einer Chronologie. Etliche Texte Bakunins hat Ball erstmals ins Deutsche übersetzt.

Für die Veröffentlichung des Breviers stehen die Zeichen zunächst günstig. Sowohl René Schickele als auch der junge Berliner Verleger Erich Reiss zeigen Interesse. Doch am Ende zerschlagen sich alle Pläne – zur großen Enttäuschung Balls. An seine Partnerin Emmy Hennings schreibt er:

„Ich bin sehr traurig, Liebling, und ziemlich verzweifelt. Denn was soll nun werden? Ich habe ein Jahr umsonst gearbeitet. Ich ahnte, dass es Schwierigkeiten geben würde. … Man glaubte, es werden andere Zeiten kommen. Das hat sich als trügerisch erwiesen.“

Zwei Teile des Breviers hat Ball fertig gestellt, vom dritten Teil sind nur Vorarbeiten erhalten. Erst jetzt, über hundert Jahre später, kann die Arbeit, die lange als verschollen galt, erstmals im Rahmen der Hugo Ball-Werkausgabe erscheinen. Eine zweifellos verdienstvolle, notwendige Publikation. Eine Publikation zudem, die nicht allein die Freunde Hugo Balls interessieren dürfte. Denn das eigentliche Brevier nimmt nur einen kleinen Teil des voluminösen Buches ein, etwa 160 Seiten. Der weitaus größte Teil besteht aus dem historisch-kritischen Kommentar der beiden Herausgeber sowie aus ihrem umfangreichen Nachwort.

Insbesondere in dem 250-seitigen, kleingedruckten Kommentar geht es häufig nicht um Ball und den Dadaismus, sondern um Bakunin, um den Anarchismus, um die revolutionären Bewegungen im Russland des 19. Jahrhunderts, um die Rivalitäten zwischen Anarchisten und anderen sozialistischen Strömungen. Wer sich für solche Themen interessiert, für den sind die akribisch gearbeiteten und ungemein informativen Erläuterungen eine wahre Fundgrube.

Die Freunde Hugo Balls kommen vor allem im Nachwort auf ihre Kosten: Es bietet eine minutiöse Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte des Breviers, und es verfolgt die weiteren Spuren von Balls Beschäftigung mit Bakunin, wie sie sich etwa in seiner Streitschrift „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ von 1919 finden.

Zudem lädt es zu einem Perspektivenwechsel ein: Während es Hugo Ball noch darum gegangen ist, das Denken Bakunins in Deutschland bekannt zu machen, lesen wir sein Brevier heute vor allem mit Blick auf sein eigenes Denken. Die Art und Weise, in der Ball die Texte des Breviers ausgewählt, arrangiert, montiert und kommentiert hat, wirft Licht auf ihn selbst, liefert einen Schlüssel zum Verständnis seines Werks, bietet Aufschluss über jene Phase seines Lebens, in der er Bakunin und den Anarchismus für sich entdeckt, ohne schon jene kritische Distanz gewonnen zu haben, die er später für sich in Anspruch nehmen wird.

 

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