„Krieg der Medien“

Unter diesem Titel beschäftigte sich die WDR 3-Literatursendung „Gutenbergs Welt“ am 17.04.2016 mit neuen Büchern zur aktuellen Mediendebatte. U.a. sprach Moderator Walter van Rossum mit Uwe Krüger über dessen Buch „Mainstream“. Ich habe Julia Cagés „Rettet die Medien“ rezensiert.

Nachhören kann man die Sendung hier.

Und hier mein Beitrag zum Nachlesen:

„Rettet die Medien“. Ein fulminanter Titel – ein Appell! Auf den ersten Blick wirkt er klar, eindeutig, unmissverständlich. Aber ganz so einfach verhält es sich nicht. Denn Julia Cagés eigentliches Anliegen sind nicht die Medien. Ihre große Sorge gilt vielmehr der Information. Gemeint ist die solide, verlässliche, gut recherchierte Information; die Information als unverzichtbare Grundlage, als Lebenselixier der Demokratie; die Information als „öffentliches Gut“, das jedermann zugänglich sein sollte. Aufgabe der Medien wäre es, dieses öffentliche Gut, die freie und unabhängige Information, zur allgemeinen Verfügung zu stellen. Doch das tun sie immer weniger, immer seltener. Das Publikum merkt es – und ist verstimmt. Die Frage lautet: Wo liegen die tieferen Ursachen der Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise, der Medienkrise schlechthin?

Die Antwort findet Julia Cagé in der kapitalistischen Ökonomie. Die meisten Zeitungen sind bekanntlich Aktiengesellschaften, die dem Gewinnstreben oft sehr viel mehr verpflichtet sind als der journalistischen Qualität. Erst recht gilt das für die großen Medienimperien, die sich mit Namen wie Rupert Murdoch oder Warren Buffett verbinden. Hier degenerieren Medien, so Cagé wörtlich, zu „Marionetten einflusshungriger Milliardäre“.

„In welcher Demokratie leben wir, wenn wir schon glücklich sein müssen, dass sich in letzter Sekunde ein Immobilienspekulant und ein Mobilfunkanbieter zusammentun, um eine Traditionszeitung wie Libération zu retten? Sollen wir ein neues ‚goldenes Zeitalter‘ der amerikanischen Medien willkommen heißen, weil ein paar Millionäre großzügig ihre prall gefüllten Börsen für ein paar in die Jahre gekommene Zeitungen zücken?“

Mit Medien konnte und kann man viel Geld verdienen. Aber es wird immer schwieriger. Inzwischen stecken viele Unternehmen in der Krise, sehen sich existentiell bedroht. In ihrer profunden, international vergleichenden Ursachen-Analyse benennt Cagé die ausschlaggebenden Faktoren: Die Auflagen befinden sich im Sinkflug, die Werbeeinnahmen schwinden, der Rotstift regiert. Redaktionen werden personell ausgedünnt, die Beschäftigungsverhältnisse immer prekärer. Die gedruckte Zeitung steht vor dem Aus; die Zukunft gehört dem Online-Journalismus. Das mag man bedauern – aber es ist nicht Julia Cagés Hauptsorge.

„Es geht hier nicht um ein Plädoyer fürs Papier. Die Autorin dieser Zeilen hat weder für Druckerschwärze eine besondere Vorliebe noch für Tablets. Das unabwendbare Verschwinden des Papiers ist als solches so wenig das Problem wie die Tatsache, dass immer mehr Leute die Nachrichten-Sendungen mittels podcast oder replay sehen, statt sich um 20 Uhr andächtig vor dem Fernsehschirm zu versammeln. Wie Informationen jeweils konsumiert werden, ist nicht weiter von Belang. … Entscheidend ist … die eigenständige Produktion qualitativ hochwertiger Information.“

Doch genau daran hapert es. Die hohen Klickzahlen, die im Online-Bereich generiert werden, sind trügerisch. Viele Besucher der Medien-Webseiten belassen es bei einer kurzen Stippvisite – flüchtige Laufkundschaft, die sich nicht länger als ein paar Minuten aufhält. Und vor allem: Viele Menschen greifen nicht direkt auf die Seiten zu, sondern werden von Internetgiganten wie Google oder Facebook dorthin geleitet. Letztere sind es denn auch, die den Takt vorgeben. Unter ihrem Einfluss wird sich der Journalismus verändern: statt seriöser, hochwertiger Information immer mehr journalistischer Fast- und Junk-Food.

Was kann man dagegen tun? Im letzten Abschnitt ihres Buches macht Julia Cagé einen konkreten Vorschlag, entwickelt ein neues, ausgeklügeltes Organisationsmodell. Es ist nicht dazu gedacht, irgendeinem Medienmogul unter die Arme zu greifen. Aber es könnte sowohl die unsichere Lage der Alternativmedien, die sich meist durch Spenden ihrer Leser über Wasser halten, wie auch vieler dahinsiechender etablierter Medien nachhaltig verbessern. Kurz gesagt, schlägt Cagé eine „nicht gewinnorientierte Mediengesellschaft“ vor. Dabei handelt es sich um eine gut durchdachte Kombination aus Aktiengesellschaft und Stiftung, so konstruiert, dass große Investoren keinen beherrschenden Einfluss erlangen können und Kleinaktionäre über erhebliche Mitbestimmungsrechte verfügen.

„Eine solche Rechtsform würde die Qualität der Medien sichern, weil sie für Stabilität ihres Eigenkapitals und Nachhaltigkeit der Investitionen sorgt. Die Medien dürfen nicht länger Tummelplatz für Milliardäre sein, die es nach willfährigen Marionetten gelüstet, – und auch keine Kapitalanlage für profithungrige Spekulanten auf der Suche nach dem großen Coup. Indem man die Entscheidungshoheit der größten Anteilseigner einschränkt und Lesern, Hörern und Fernsehzuschauern ebenso wie Journalisten einen solide Gegenmacht verleiht, ermöglicht dieses Modell eine demokratische Wiederaneignung der Information sowohl durch die, von denen sie produziert, als auch durch die, von denen sie konsumiert wird. Die Medien dürfen weder den Meinungsmachern überlassen werden noch denen, die das Geld haben, um Einfluss auf unsere politischen Entscheidungen zu nehmen.“

Solche konstruktiven, zukunftsweisenden Ideen bräuchten wir mehr. Und sie müssten Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte werden – bevor es zu spät ist. Andernfalls – und das zeigt dieses Buch in aller Deutlichkeit – werden wir in den nächsten zehn, zwanzig Jahren ein gewaltiges Mediensterben erleben. Ungeachtet aller Kritik an der derzeitigen Verfassung vieler Medien – wer könnte an einem solchen Aderlass ein Interesse haben?

Julia Cagé: Rettet die Medien. Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen. C.H. Beck, 134 S., € 12,95

 

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