Die Belasteten

Götz Aly über die NS-„Euthanasie“

In der NS-Zeit galten psychisch Kranke und Behinderte als „nutzlose Esser“, als „Ballastexistenzen“, als „lebensunwertes Leben“. Mit ihnen kannte das Regime keine Gnade. Seit Anfang 1934 wurden 400 000 Menschen zwangssterilisiert. Gegen Ende der 1930er Jahre setzten dann die systematischen Kranken- und Behindertenmorde ein. Betrachtet man nicht allein das deutsche Kernreich, sondern auch die im Krieg besetzten Gebiete, dann fielen diesen Morden insgesamt bis zu 300 000 Menschen zum Opfer, darunter weit über Zehntausend Kinder.

Der Historiker und Sozialwissenschaftler Götz Aly befasst sich seit mehr drei Jahrzehnten mit diesem Themenkomplex. Er hat zahlreiche, teils wegweisende Untersuchungen publiziert. Sein (2013 vorgelegtes) Buch Die Belasteten zehrt zu großen Teilen von diesen älteren Studien.

Götz Aly: Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939 – 1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. S. Fischer, 348 Seiten (auch als Fischer Taschenbuch)

Aly will es als eine umfassende Gesellschaftsgeschichte der NS-„Euthanasie“ verstanden wissen, die seine bisherigen Forschungen bilanziert und aktualisiert. Auch wenn das Buch beim Leser viel einschlägiges Wissen voraussetzt und sich daher nicht unbedingt als Einstiegslektüre eignet, bietet es eine auf genauester Literaturkenntnis und akribischer Archivarbeit basierende Gesamtdarstellung. Es ist ein Werk über die Opfer und für die Opfer, berührend und erschütternd. Und es ist ein Buch über die Motive, Interessen und Mentalitäten der Täter – Täter, denen Aly sehr nahe kommt und zu denen er doch eine verachtende Distanz zu wahren versteht.

Trotz all seiner Vorzüge hat das Buch Widerspruch und Kontroversen ausgelöst. Das war vom Autor auch so beabsichtigt. Denn diesmal wartet Aly nicht mit grundlegend neuen Forschungsergebnissen auf, sondern er trägt neue Interpretationen vor, die vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen.

„Es reicht nicht, auf der einen Seite die vielen Opfer zu beklagen und auf der anderen rund 500 Nazitäter als gewissenlose Ideologen, Bösewichte oder Mörder im weißen Kittel zu verteufeln. Auf Dauer bedeutsam, vielleicht lehrreich bleibt die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, nach jener Vielzahl von Menschen, die zwischen den unmittelbaren Mördern und den Ermordeten standen.“

Welche Menschen sind da gemeint? Wer stand zwischen den Mördern und den Ermordeten? An erster Stelle, so Aly, seien das die Angehörigen der Opfer gewesen, Eltern, Ehepartner, Geschwister. Sodann waren da die mittelbar am Mordgeschehen Beteiligten, also Pfleger, Schwestern, Verwaltungsangestellte. Und schließlich all jene, die wussten, was vor sich ging, es aber widerspruchslos geschehen ließen. Alles in allem, sagt Aly, waren es Millionen Menschen, die „dazwischen standen“, also irgendwie involviert waren. Die NS-„Euthanasie“ galt zwar als geheime Reichssache, aber wirklich geheim im Sinne strenger Abschirmung war sie nicht.

„… das Verfahren … bestand in einem Angebot an das Volk, speziell an die Verwandten der künftigen Opfer, diese staatliche Maßnahme nicht näher zu hinterfragen, sie mit einem Schulterzucken in Kauf zu nehmen oder ihr stillschweigend zuzustimmen.“ „So konnten Millionen Deutsche ein uneingestandenes, nirgends dokumentiertes und das Gewissen erleichterndes Komplizentum eingehen.“

Für viele Behinderte und Kranke, so Aly, hatte dieses Komplizentum fatale Folgen. Denn es ließ den Mördern freie Hand. Wenn sich die Angehörigen hingegen grundlegend anders verhielten, sich also um ihren Pflegling kümmerten, guten Kontakt zu ihm hielten, sich für ihn einsetzten und, falls erforderlich, für ihn kämpften, standen die Chancen gut, ihm das Leben zu retten.

Auch Kritiker Götz Alys würden kaum in Abrede stellen, dass es beides gegeben hat: das Komplizentum einerseits, die Chance auf Rettung andererseits. Strittig ist: Wie ausgeprägt war das Komplizentum, wie groß waren die Rettungschancen? Zu beiden Fragen gibt es nur wenig gesicherte, verallgemeinerbare Erkenntnisse.

So ist unklar, wie verbreitet das Wissen über den Verbrechenskomplex „Euthanasie“ tatsächlich gewesen ist, es ist unklar, wer etwas wusste, was man wusste und ab wann man es wusste. Auch die von Aly behaupteten Rettungsmöglichkeiten werfen viele Fragen auf: Gab es diese Möglichkeiten während der gesamten sechsjährigen „Euthanasie“-Phase gleichermaßen? Gab es sie sogar, wie der Autor in seiner wohl gewagtesten These unterstellt, in der sogenannten Gasmordperiode, also zwischen Anfang 1940 und August 1941, als über 70 000 Menschen im Rahmen der Aktion T4 ermordet wurden? Oder gab es nennenswerte Chancen erst danach, also in der dezentralen „Euthanasie“-Phase ab 1942? Und wie steht es um die tausendfachen Morde in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“?

Aly bringt ein Beispiel aus Hamburg, das auf beträchtliche Eingriffschancen der Eltern schließen lässt, doch er zögert selbst und aus gutem Grund, seine Befunde auf andere Kliniken zu übertragen. Hier wie an weiteren Stellen gibt seine Studie wichtige Hinweise, ein abschließendes Urteil lassen sie allerdings nicht zu.

Immerhin relativiert Aly gegen Ende seines Buches den Vorwurf des Komplizentums ein wenig, indem er deutlich macht, wie schwierig es für die Angehörigen der Opfer gewesen ist, der nazistischen Mordmaschinerie in die Speichen zu greifen. Denn da galt es nicht nur, das dichte Gewebe aus Lug, Trug und Verschleierung zu zerreißen, man musste auch ein erhebliches Maß an Zivilcourage aufbringen und auf Sanktionen eines diktatorischen Regimes gefasst sein.

Zudem konzediert Aly mehrfach, dass es im Kontext der „Euthanasie“-Verbrechen nicht nur Komplizentum gegeben hat, sondern auch Menschen, die sich widersetzten. Wenn er von generellem, öffentlichem Widerstand spricht, reduziert sich seine Darstellung jedoch fast ganz auf die mutigen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens von Galen. Und auch hier provoziert seine Deutung. Denn er bringt die Interventionen von Galens, die ja mitursächlich für den von Hitler im August 1941 verfügten Stopp der Gasmorde waren, in eine überraschende Verbindung zu seiner These von der Komplizenschaft.

„Galen verriet kein Staatsgeheimnis. Er brachte die Naziführer in Verlegenheit, gewiss, aber er konfrontierte auch die Deutschen mit dem von so vielen verdrängten, so oft in aller Stille ignorierten Ablauf der Morde. Das war neu. Das hatte vor ihm niemand getan. Galen rückte Handlungs- und Verhaltensweisen ins Licht, die nur im Halbdunkeln erträglich bleiben konnten. … Nach den Kanzelworten … konnten sich die Anverwandten der Pfleglinge … nicht länger einreden: Wir wissen von nichts. Diesem für die Aktion T4 von Anfang an konstitutiven Angebot, das so vielen Angehörigen zur kaum bemerkten Hilfe geworden war, hatte Galen mit der Wucht seiner Worte die Grundlage entzogen.“

Ist es tatsächlich so gewesen? Viel wahrscheinlicher ist, dass Galen nicht seine Glaubensgenossen beschämen oder aufrütteln wollte, sondern vielmehr die in der Bevölkerung längst kursierenden Gerüchte, auch die Empörung zahlreicher Menschen aufgegriffen und öffentlich gemacht hat. Dazu brauchte es Mut, aber der Bischof durfte gewiss sein, dass er nicht allein stand, dass er im Namen vieler sprach und ihn dies vor dem Zugriff der Machthaber schützen würde. Denn die wussten, dass die Bevölkerung, so sie denn über die Geschehnisse halbwegs im Bilde war, keineswegs nur gleichgültig oder gar zustimmend reagierte, sondern vielfach schockiert und entrüstet war.

Auch andere kirchliche Würdenträger haben den Unmut der Menschen, wenn auch weniger öffentlich als von Galen, gegenüber den NS-Führern klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, so etwa der Limburger Bischof Antonius Hilfrich, der nur wenige Kilometer entfernt von der Mordanstalt Hadamar residierte.

Vielleicht ist dieses Buch ja nicht Götz Alys letztes Wort zur NS-„Euthanasie“. Vielleicht gelingt es ihm in zukünftigen Arbeiten, seinen brisanten Vorwurf des Komplizentums breiter Bevölkerungskreise besser zu fundieren und zugleich die andere Seite, die Widerstände gegen die Behinderten- und Krankenmorde, systematisch zu würdigen. Denn auch ihn, den Widerstand, hat es gegeben. So etwa in kirchlichen Pflegeheimen, die ihrerseits von intakten sozialen Netzwerken getragen wurden.

Beides, Komplizentum und Widerstand, fanden einen Nährboden. Das Komplizentum insofern, als eugenische Ideologien damals nicht nur in Deutschland und nicht nur unter Nazi-Parteigängern auf Resonanz stießen; manch einer glaubte oder redete sich ein, dass der Tod schwer kranker und behinderter Menschen, wie es im NS-Jargon hieß, „nicht die geringste Lücke reiße“, dass er für die Betroffenen wie für ihre Angehörigen sogar eine „Erlösung“ bedeute.

Doch die Morde bewirkten auch das Gegenteil. Denn die sogenannte „Euthanasie“ richtete sich gegen die Schwächsten der Schwachen, gegen Menschen, die, wie Götz Aly schreibt, „vollständig wehrlos, hilfs- und liebebedürftig“ waren. Das verstörte und beunruhigte viele Zeitgenossen, und es setzte in ihnen die Kraft frei, helfend und schützend einzugreifen.

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