ARTE und „Der Fall Magnizki“

Für den 3. Mai, den “Tag der Pressefreiheit”, hatte der Fernsehsender ARTE einen fast zweistündigen Dokumentarfilm des russischen Journalisten Andrei Nekrasov angekündigt: „Der Fall Magnizki“. Nun wurde der Film, an dem das ZDF als Koproduzent beteiligt war, kurzfristig abgesetzt. Ein Vorgang, aus dem man einiges lernen kann.

„Andrei Nekrasov wollte die Geschichte eines modernen Helden verfilmen“ – so hieß es einst in der Programm-Ankündigung von ARTE. Die Heldenrolle sollte der russische Steueranwalt Sergej Magnizki übernehmen. Er hatte einen gewaltigen Betrugsfall – die Rede ist von 230 Millionen Dollar – aufgedeckt, in den angeblich die Moskauer Polizei verwickelt war. Um ihre Verbrechen zu vertuschen, steckte sie Magnizki kurzerhand ins Gefängnis und wollte ihn zwingen, seine Vorwürfe zu widerrufen. Als Magnizki sich weigerte, sei er gefoltert und schließlich getötet worden.

Magnizki hatte seine brisanten Recherchen im Auftrag des Unternehmens  Hermitage Capital Management des britischen Investmentbankers William Browder betrieben. Der hatte sich im postkommunistischen Russland eine goldene Nase verdient und wurde in Abwesenheit zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach dem Tod Magnizkis nahm Browder im Westen erheblichen Einfluss auf Politik und Medien, sorgte für den „Magnizki Act“ in den USA, für anti-russische Resolutionen im EU-Parlament und schrieb das viel beachtete Buch Red Notice: Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde.

Der Filmautor Nekrasov macht keinen Hehl daraus, dass er Browders Version der Geschichte zunächst Glauben geschenkt hatte. Umgekehrt sah Browder in Nekrasow jemanden, der seinem Anliegen förderlich sein würde. Im Laufe seiner Recherchen stieß Nekrasow aber auf immer mehr Ungereimtheiten. Eins ergab das andere – und am Schluss erzählt er eine Geschichte, die er ursprünglich gar nicht erzählen wollte. In seinem Film mutiert der „Fall Magnizki“ zu einem „Fall Browder“.

Hat Nekrasov mit seiner neuen Sicht auf den Fall Recht? Das ist unmöglich zu beurteilen, weil wir seinen Film nicht kennen – und nach der ARTE-Entscheidung auf absehbare Zeit nicht kennenlernen werden. Aber darum geht es mir an dieser Stelle nicht. Viel interessanter sind im Moment einige andere Dinge.

Da ist zunächst das journalistische Selbstverständnis des Andrei Nekrasov.  Wie er selbst bekennt, ist er mit einer vorgefassten Meinung an sein Thema herangegangen. Das ist im Journalismus nichts Ungewöhnliches. Um es an einem unverfänglichen Beispiel zu erläutern: Wenn einem Journalisten, der eine tiefe Abneigung gegen Frau Merkel hegt, Dinge zu Ohren kommen, die der Kanzlerin nachhaltigen Schaden zufügen könnten, wird er geneigt sein, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn er, umgekehrt, die Kanzlerin über die Maßen schätzt oder gar zu ihrem Dunstkreis gehört, wird er dem Ganzen nicht so viel Gewicht beimessen oder sagen „hat später auch noch Zeit…“.

Nekrasov hat im Zuge seiner Recherchen Fakten ans Licht gefördert, die ihn verstört haben müssen. Sie lagen konträr zu seinem Russland-Bild, vielleicht sogar zu seiner „Weltanschauung“. Er hat seine Recherchen aber nicht etwa abgebrochen nach dem Motto „das will ich jetzt gar nicht wissen“, sondern er hat unbeirrt weiter gearbeitet und seinen Film fertiggestellt.

Ein journalistisches Arbeitsethos dieser Art sollte eigentlich selbstverständlich sein – aber ist es das? Journalistenkollegen müssten jemanden wie Nekrasov  eigentlich bewundern, ihm den Rücken stärken – aber tun sie das?

In der nicht besonders üppigen Berichterstattung über den Vorgang gewinnt man einen anderen Eindruck. Weil Nekrasovs Film dem Kreml zupass kommt, muss an der Sache etwas faul sein. Kann man diesem Mann trauen?

Nun, dieser Mann verfügt über internationales Renommee. Er hat Meriten, von denen viele seiner Kollegen nur träumen können. Er ist ein mutiger, dezidierter Kritiker der offiziellen russischen Politik. Er hat zum Beispiel einen Film über den Giftmord an Alexander Litvinenko gedreht. In einem nicht minder wichtigen Film hat er die These vertreten, dass es sich bei den verheerenden Terroranschlägen auf russische Wohnblocks 1999 um Aktionen des Geheimdienstes FSB gehandelt habe, der damit das russische Eingreifen in den Tschetschenien-Konflikt rechtfertigen wollte.

Sagen wir es so: Die nicht offen ausgesprochene, aber doch irgendwie insinuierte Vermutung, es könne sich bei Nekrasov um eine Art „Überläufer“ handeln, lässt tief blicken. Sie verrät einiges über diejenigen, die sie vorbringen – aber wenig bis nichts über Nekrasov.

Während man von Journalisten eine gewisse Wahrheitsliebe und Unbestechlichkeit erwarten darf (in dieser Hinsicht aber oft enttäuscht wird), ist das bei Politikern anders. Niemand, der halbwegs realistisch ist, erwartet von Politikern, dass sie immer und überall an der Wahrheit interessiert sind. Politiker haben vielfältige Rücksichten zu nehmen, agieren oft opportunistisch, haben ihre Karriere, haben Macht und Interessen im Blick. Umso erstaunlicher, wenn es einmal anders ist. Womit wir beim zweiten interessanten Aspekt unseres Themas wären.

Die Finnin Heidi Hautala ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Sie gehört zu den Mitbegründern der grünen Partei in Finnland und engagiert sich insbesondere in Menschenrechtsfragen. Wie die meisten Abgeordneten der Fraktion Die Grünen / Europäische Freie Allianz im EU-Parlament hat Hautala ein gespanntes Verhältnis zu Russland. Sie war die Erste, die nach Sanktionen rief, als der „Fall Magnizki“ bekannt wurde. Russland hat sie auf eine „black list“ gesetzt und ihr Einreiseverbot erteilt.

Das jedoch hat Hautala dieser Tage nicht davon abgehalten, über ihren Schatten zu springen. Sie lud zu einer bemerkenswerten öffentlichen Veranstaltung nach Brüssel ein, organisierte hierfür einen ungewöhnlich großen, 200 Personen fassenden Saal des EU-Parlaments. Hauptprogrammpunkt: Nekrasovs Film. Er sollte dem Publikum vorgestellt werden, anschließend Gegenstand einer Diskussion sein.

Dass Hautala mit dieser Initiative bei vielen anderen Grünen, nicht zuletzt ihrer Fraktionschefin Rebecca Harms, alles andere als Begeisterung auslöste, nahm sie billigend in Kauf. Wie ihrem langjährigen Freund Nekrasov ging es ihr um die Wahrheit im „Fall Magnizki“.

Als Hautalas Gäste eintrafen, war die Enttäuschung groß. Die Vorführung des Films musste – wie auch später die Fernsehausstrahlung auf ARTE – kurzfristig abgesagt werden. Und warum?

Gilbert Doctorow, der in Brüssel ansässige „European Coordinator“ des American Committee for East West Accord, war an besagtem Abend zugegen und berichtet auf seiner Website von einer Erklärung Nekrasovs, die stutzig macht.

Es habe zwei Interventionen gegen den Film gegeben, sagte Nekrasov den Gästen. Die eine sei von Marieluise Beck ausgegangen, aber nicht entscheidend gewesen. Die zweite, die entscheidende Intervention

“came from the general director of the main sponsor of the film project, the German television channel ZDF. He told Nekrasov to stop the showing of the film because he had been threatened by Browder’s lawyers with law suits that would spell the financial ruin of the company.”

Und was heißt das? Dass ein mächtiger Mann seinen Einfluss geltend macht und eine große europäische Fernsehanstalt nötigt, klein bei zu geben?

Sollte dem so sein, wäre das der dritte interessante Aspekt des Themas.

Der vierte und letzte Aspekt ist dieser: Wenn Browder den Film derart missbilligt, warum wartet er dann nicht die Ausstrahlung ab und überzieht dann die Verantwortlichen mit Klagen? Warum versucht er stattdessen die Ausstrahlung als solche zu verhindern? Hat er etwas zu verbergen, was in dem Film zur Sprache kommt?

 

8 Kommentare zu „ARTE und „Der Fall Magnizki“

  1. Das ZDF hatte mittlerweile dem Sendeverbot zugestimmt ! In unseren Medien kein Wort dazu, es wurde alles totgeschwiegen.

    http://lawandorderinrussia.org/2016/german-tv-station-zdf-confirmed-it-will-not-show-nekrasov-s-anti-magnitsky-propaganda-film/
    Die Begründung ist :
    „Magnitskys Witwe und Mutter bringen ihrer kategorischen Einwände zum Ausdruck gegen die Verbreitung in jeglicher Form des Films Nekrasov über Sergei Magnitski , wegen seinem falschen und verleumderischen Inhalt“

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s