Dark Alliance

Wie der große Journalist Gary Webb in den Tod getrieben wurde

Dark Alliance – unter diesem Titel veröffentlichte der kalifornische Journalist Gary Webb im August 1996 eine Artikelserie, in der er eines der schmutzigsten Kapitel US-amerikanischer Politik im 20. Jahrhundert aufdeckte. Seine Enthüllungen sind Webb teuer zu stehen gekommen. Was zum Auftakt einer großen journalistischen Karriere hätte werden können, endete wenige Jahre später in einer Tragödie. Verarmt, desillusioniert und einsam, schoss sich Gary Webb im Dezember 2004 zwei Kugeln in den Kopf.

Nicaragua 1979: Die linke Revolutionsbewegung der Sandinisten stürzt den langjährigen Diktator Anastasio Somoza. Die neuen Machthaber sind den USA ein Dorn im Auge. Von Beginn an zieht Washington alle Register, um die neue sozialistische Regierung zu destabilisieren und zu stürzen. Im Zentrum der US-Bemühungen stehen die paramilitärischen „Contra“-Rebellen, gebildet aus Mitgliedern von Somozas alter Nationalgarde und anderen Oppositionellen. Von Präsident Ronald Reagan als „Freiheitskämpfer“ verklärt, führen die „Contras“ einen schmutzigen Krieg gegen die Sandinisten. 1983 verbietet der US-Kongress jede weitere militärische Unterstützung der Bewegung. Die Regierung macht trotzdem weiter, nunmehr verdeckt.

Eine Dimension dieser Machenschaften ging als „Iran-Contra-Affäre“ in die Geschichte ein. Die USA lieferten, auch via Israel, Waffen an den verfeindeten Iran; der Erlös kam den „Contras“ zugute. Die andere, im öffentlichen Bewusstsein weniger präsente Dimension war der Drogenhandel, aus dem die „Contras“ sich finanzierten. Die Journalisten Robert Parry und Brian Barger, damals beide bei der Agentur Associated Press, brachten diese „Geschäftsmodelle“ teilweise ans Licht. Aber sie stießen mit ihren Recherchen auf Widerstände.

Wie Robert Parry sich später erinnerte, durften er und Barger ihre Story für AP nur in reduzierter Form veröffentlichen. Was sie herausgefunden hatten, passte leitenden Redakteuren der Agentur nicht in den Kram. Parry wechselte dann zum Magazin Newsweek, machte aber dort ähnliche Erfahrungen. Für seine Artikel musste er kämpfen, und er verlor eine Schlacht nach der anderen. Er und Barger hatten unter den Kollegen alsbald ihren Ruf weg – und einen „Pariah-Status“, wie Parry sich ausdrückt.

Gary Webb griff das Thema der durch Drogenhandel finanzierten „Contras“ einige Jahre später als Parry auf. Im Jahr 1996, noch bevor seine Serie in Druck ging, setzte er sich mit dem erfahreneren Parry in Verbindung. Der glaubte, seinen Kollegen warnen zu sollen. Bevor er sich auf eine solche Sache einlasse, sagte er ihm, müsse er sich der Unterstützung seiner Redaktion und seiner Chefs absolut sicher sein. Webb reagierte verwundert; offenkundig hatte er keine Vorstellung, wovon Parry da sprach.

Webbs Recherchen unterschieden sich von vorangegangenen Enthüllungen in einem entscheidenden Punkt: Sie machten klar, dass die Drogen, mit denen die „Contras“ ihre Einnahmen erzielten, in den USA abgesetzt wurden. Amerikanische Ghettos, in Los Angeles etwa, wurden tonnenweise mit minderwertigem Kokain überschwemmt. Vor allem arme und farbige US-Bürger wurden so zu Opfern der zynischen Außenpolitik Ronald Reagans. Auch wenn Webb das nicht explizit und pauschal behauptete, sprach vieles dafür, von einer Komplizenschaft zwischen „Contras“ und CIA auszugehen.

Eine besondere Note erhielt der Skandal dadurch, dass amerikanische Politiker, allen voran der Präsident und seine Gattin, sich zeitgleich vollmundig einem „Krieg gegen Drogen“ verschrieben hatten. Aber offenkundig hatte für Reagan der „Kampf gegen den Kommunismus“ Vorrang. Und da heiligte der Zweck die Mittel.

Webbs Artikelserie erschien in der Regionalzeitung San Jose Mercury News. Dass einem relativ kleinen Blatt ein so großer investigativer Coup gelungen war, sorgte bei den medialen Marktführern in New York, Washington oder Los Angeles verständlicherweise für Irritationen. Zudem hatte gerade das Internet-Zeitalter begonnen, und die Mercury News verstanden es, die sich dort bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Auf der Online-Seite der Zeitung waren nicht nur Webbs Artikel zu finden, sondern eine Fülle weiterer Materialien. Um die 1,3 Millionen Aufrufe wurden pro Tag gezählt. Es gab Diskussionen, Proteste, viel Aufregung. Webbs Serie wurde zu einem riesigen Erfolg – so schien es zumindest.

Was dann folgte, zählt wohl zu den hässlichsten Kapiteln der amerikanischen Mediengeschichte. In einer intakten Demokratie mit einem Mediensystem, das als „vierte Gewalt“ agiert, hätte man Folgendes erwarten müssen: Die Kollegen der großen Medien stürzen sich auf Webbs Geschichte, überprüfen seine Recherchen und nutzen ihre unvergleichlich größeren Ressourcen, um sie fortzuschreiben und weitere Aspekte zu beleuchten.

Aber nichts dergleichen geschah – im Gegenteil. Nicht etwa die Regierung und ihr Geheimdienst CIA gerieten ins Fadenkreuz. Nein, es war Gary Webb, der zum Abschuss freigegeben wurde.

Die „Big Three“ – New York Times, Washington Post und Los Angeles Times – traten eine Schmutzkampagne gegen Webb los, die sich gewaschen hatte. Die Los Angeles Times stellte – unfassbar – ein Team aus 17 Journalisten zusammen, das intern auf den Namen „Get Gary Webb Team“ hörte und nach dem Motto verfuhr „We’re going to take away this guy’s Pulitzer“. Der Autor von „Dark Alliance“ wurde als jemand hingestellt, der unsauber gearbeitet und eine abwegige Verschwörungstheorie unter die Leute gebracht habe.

Wo lagen die tieferen Gründe für diesen Crackdown, diesen Vernichtungsfeldzug? War’s die Eitelkeit der Alphatiere im Medien-Mainstream? War’s ihr Neid auf ihren erfolgreichen Kollegen aus der Provinz? Das mag eine Rolle gespielt haben, aber als Erklärung greift es entschieden zu kurz.

Durch Webbs Enthüllungen geriet vor allem die CIA ins Zwielicht. Also war sie um „Schadensbegrenzung“ bemüht. Wie sie dabei vorging, verdeutlicht der inzwischen öffentlich gemachte sechs-seitige CIA-Bericht Managing a Nightmare: CIA Public Affairs and the Drug Conspiracy Story.

In diesem Dokument gibt die CIA zu, dass sie – um Webbs Anschuldigungen zu kontern – sich ihre „already productive relations with journalists“ zunutze machte. Die Agency gab den ihr gewogenen Journalisten gleichsam die Linie vor.

Und die lautete: Webbs Serie enthält nichts wirklich Neues, ähnliche Beschuldigungen wurden schon in den 1980er Jahren vorgebracht und sind in einer vom US-Kongress angestrengten Untersuchung entkräftet worden.

In der Tat hatte man im US-Kongress unter dem Vorsitz des heutigen Außenministers John Kerry die Sache untersucht. Der 1986 von Kerry vorgelegte Bericht hatte aber die Beschuldigungen weit eher bestätigt als entkräftet. Bezeichnenderweise hatte der Medien-Mainstream die Erkenntnisse der Kerry-Kommission schon damals heruntergespielt oder ins Lächerliche gezogen.

Geradezu absurde Züge nahm das Medienverhalten dann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre an. Einerseits hatte die CIA die ihr ergebenen Journalisten und Medien zu einer Anti-Webb-Kampagne animiert, andererseits leitete sie eine interne Untersuchung der Vorgänge ein. Frederick Hitz, der „Inspector General“ der CIA, legte einen zweibändigen Bericht vor. Insbesondere der zweite Band, der im Herbst 1998 veröffentlicht wurde, bestätigt im Wesentlichen die Recherchen Gary Webbs, ja, er geht noch über diese hinaus, indem er die Komplizenschaft der CIA und der Reagan-Administration im „Contra“-Drogenhandel expliziter herausarbeitet, als der vorsichtige Journalist das getan hatte.

Eigentlich hätte der Hitz-Bericht eine vollständige Rehabilitierung Gary Webbs bewirken müssen. Doch er tat es nicht. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des zweiten Bandes brachte die New York Times einen eher oberflächlichen Beitrag, der die Vorwürfe gegen Webb aufrechterhielt. Die Washington Post äußerte sich erst Wochen später, nicht minder oberflächlich und irreführend. Und die Los Angeles Times schwieg die Sache komplett tot.

Der Umstand, dass die großen Medien seinerzeit mit der Lewinsky-Affäre Präsident Clintons vollauf beschäftigt waren, dürfte als Erklärung für solcherlei Ignoranz nicht ausreichen. Denn auch noch im Jahr 2000, als das republikanisch dominierte House Intelligence Committee Webbs Recherchen abermals bestätigte, blieb das große Medienecho aus.

Für Gary Webb nahmen unterdessen die Dinge jenen Lauf, vor dem Robert Parry ihn einst gewarnt hatte. Sein Chef, Jerry Ceppos, brach unter dem massiven Druck der Konkurrenzmedien wie auch des eigenen Unternehmens ein. Die Mercury News distanzierten sich von Gary Webb, fielen ihm in den Rücken. Er durfte an seinem Thema nicht mehr weiterarbeiten, wurde in eine Außenredaktion versetzt, in der er keinen weiteren Schaden anrichten konnte.

Für seinen Verrat an Gary Webb erhielt Ceppos 1997 den „Ethics in Journalism Award“ der Society of Professional Journalists. Obendrein wurde er von seinem Verlagsunternehmen befördert.

Auch Gary Webb bekam zwar einen Preis von der Society of Professional Journalists, allerdings nur von deren kalifornischer Sektion. Als der US-Dachverband der Society davon Wind bekam, tat er sein Möglichstes, die Preisverleihung zu hintertreiben, ist damit aber gescheitert.

Von den Mercury News wurde Webb, wenn man so will, „unehrenhaft entlassen“. Seine finanzielle Abfindung hielt ihn nicht lange über Wasser. Journalistisch hat er nie wieder gearbeitet. Im Zuge der Affäre ist seine Ehe zerbrochen. Die Geldprobleme wuchsen ihm schon bald über den Kopf. Am Ende suchte er im Haus seiner Mutter Unterschlupf. Nachdem er einen Abschiedsbrief an seine ehemalige Frau und seine drei Kinder geschrieben hatte, nahm er sich am 10. Dezember 2004 das Leben. Gary Webb wurde 49 Jahre alt.

PS

Zum Fall Gary Webb, der in Wahrheit ein Fall „Medien-Mainstream und CIA“ ist, brachte Hollywood 2014 den beeindruckenden und weitgehend authentischen Film Kill the Messenger heraus (inzwischen auch auf DVD erhältlich). Gary Webb wird von Jeremy Renner verkörpert, der zudem als Produzent beteiligt war. Nach Auffassung des früheren New York Times-Korrespondenten Chris Hedges verrät dieser Film weit mehr über den tatsächlichen Zustand der US-Medien als das gefeierte Watergate-Epos All the President’s Men (dt. Die Unbestechlichen).

Die US-„Leitmedien“, die wesentlich dazu beigetragen haben, Gary Webb zur Strecke zu bringen, haben bis heute keine Abbitte geleistet. Nur die amerikanischen Alternativmedien halten Webbs Andenken in Ehren. Robert Parrys Seite consortiumnews.com bietet zahlreiche Artikel zum Thema. Einer der interessantesten stammt von Beverly Bandler und enthält im Anhang eine ausgezeichnete Bibliografie.

Der oben erwähnte Chris Hedges hat 2014, kurz nach Veröffentlichung des Films, eine flammende Polemik veröffentlicht, die man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.

 

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