Gergiev in Palmyra

Große Kunst gegen nackte Barbarei. Am 5. Mai 2016 konzertierte das Sankt Petersburger Mariinsky-Sinfonieorchester unter seinem Dirigenten Valeri Gergiev im syrischen Palmyra. Ein musikalisches Großereignis. Es hätte globale Aufmerksamkeit und Bewunderung, weltweiten Beifall verdient gehabt. Jedoch, wie reagierten westliche Medien auf diese grandiose Manifestation für Frieden und Humanität? Sie dekuvrierten sich selbst, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Ein intellektuelles Armutszeugnis, eine moralische Bankrotterklärung, eine Schande.

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Vor knapp einem Jahr, am 20. Mai 2015, zogen sich die syrischen Regierungstruppen aus der Stadt Tadmor zurück. Damit geriet auch das Unesco-Weltkulturerbe von Palmyra in die Hände von Isis. Westliche Feuilletons zeigten sich schockiert. Aber die entscheidende Frage, die sich viele Syrer bis heute stellen, beantworteten sie nicht: Wenn die Amerikaner Isis so sehr hassen, warum haben sie nicht massiv eingegriffen, als die Selbstmord-Konvois der Terrormiliz die syrische Frontlinie durchbrachen? Warum haben sie Isis nicht ernsthaft attackiert?

Ende März 2016 wurde Palmyra von der syrischen Armee, unterstützt durch die russische Luftwaffe, zurückerobert. Das war nicht nur ein Meilenstein im Kampf gegen Isis, sondern auch eine zivilisatorische Großtat. Doch der westliche Jubel blieb aus. Man reagierte schmallippig oder gar nicht.

Der Sieg über Isis in Palmyra, so Seymour Hersh, „entlockte Washington nur ein paar neidvolle Worte der Unterstützung.“ Das ist süffisant formuliert. Hershs Kollege Robert Fisk vom britischen Independent (27. März) wird deutlicher:

„The biggest military defeat that Isis has suffered in more than two years. The recapture of Palmyra, the Roman city of the Empress Zenobia. And we are silent. Yes, folks, the bad guys won, didn’t they? Otherwise, we would all be celebrating, wouldn’t we?”

Und weiter:

„As the black masters of execution fled Palmyra this weekend, Messers Obama and Cameron were as silent as the grave to which Isis have dispatched so many of their victims. He who lowered our national flag in honour of the head-chopping king of Arabia (I’m talking about Dave [Cameron], of course) said not a word.”

Er habe lächeln müssen, schreibt Fisk, als das US-Militär bekanntgab, dass es auch mit zwei Luftschlägen an der Rückeroberung Palmyras beteiligt gewesen sei. „That really did tell you all you needed to know about the American ‘war on terror’. They wanted to destroy Isis, but not that much.”

Nach der Befreiung Palmyras (Ende März) wurden die durch Isis verursachten Zerstörungen in Augenschein genommen. Russische Spezialisten haben das Terrain von Minen geräumt. Dort traten nun Valeri Gergiev und sein Orchester auf, beide aus einer Stadt kommend, die man auch das „Palmyra des Nordens“ nennt. Sie gaben ihr Konzert im römischen Amphitheater, wo in den Monaten zuvor Menschen exekutiert worden waren. Unter ihnen der syrische Leiter des Museumskomplexes, der 81-jährige Dr. Khaled Asaad. Die Terroristen hatten ihn enthauptet und anschließend dem abgeschlagenen Kopf wieder die Brille aufgesetzt. Morbider Isis-Humor. Zum Totlachen.

Als das Konzert über die Bühne war, brachten viele deutsche Zeitungen in ihren Online-Ausgaben die dürren Agenturmeldungen von dpa oder Reuters. Manche rubrizierten sie allen Ernstes unter „Regionales / Bayern“. Warum das? Ganz einfach, weil Gergiev seit 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker ist. Man fasst sich an den Kopf.

Soweit ausführlichere Beiträge erschienen – ob in der New York Times, im Guardian, auf BBC oder sonst wo – waren sie von frappierender Eintönig- und Einseitigkeit. Sie sind austauschbar. Nehmen wir – pars pro toto – ein deutsches Blatt, den Berliner Tagesspiegel.

Autorin des kleinen Beitrags ist Christiane Peitz, Leiterin des Kulturressorts. Die Schlagzeile lautet – man halte sich fest: „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die beiden ersten Sätze: „Nein, die Musik ist nicht neutral. Sie ist manchmal eine Waffe, auch Bach und Prokofjew taugen zur Propaganda“.

Tatsächlich? Bachs Chaconne aus der 2. Partita d-moll für Violine? Prokofievs „Symphonie classique“? Propaganda-tauglich?

Es folgt im Tagesspiegel der unabdingbare, für die richtige Einordnung des Ganzen absolut essentielle Hinweis: Dirigent Gergiev ist „ein erklärter Putin-Freund“. Es überrascht immer wieder, wie viele Freunde der angeblich so isolierte Putin doch hat! Und dann noch einen wie Gergiev – nicht übel.

Der Guardian bezeichnete Gergiev sogar als „des Kremls Lieblingsdirigent“. Erstaunlich. Ständig erfahren wir, was „der Kreml“ tut, was „der Kreml“ will, was „der Kreml“ denkt, und jetzt hat „der Kreml“ auch noch einen Lieblingsdirigenten. Scheint ein interessanter Typ zu sein, dieser Kreml. Vielleicht sollte man mal ein Interview mit ihm machen?

Zurück zu Frau Peitz. Obwohl beim großen Ereignis nicht dabei gewesen, weiß sie selbstverständlich, wie sich das Publikum zusammensetzte: „syrische und russische Soldaten“. Aber sie verschweigt uns, dass da auch lokale Würdenträger saßen, dazu eine Unseco-Delegation, der russische Kulturminister, der Direktor der Petersburger Eremitage, viele Journalisten…

Dann kommt Putin dran. Er wurde per Satellit aus Sotschi (ausgerechnet!) zugeschaltet und nannte das Konzert „eine wunderbare humanitäre Aktion“. Das kann man natürlich keinesfalls so stehen lassen, weshalb Frau Peitz uns auf die richtige Spur führt: „Vor allem ist es eine klare politische Aktion.“ Und mehr noch: „Eine zynische Aktion ist es auch“. Eine zynische Aktion? Ja, warum das denn?

„Während Putin sich mit seiner humanitären Botschaft aus Sotschi meldete, wurden ebenfalls am Donnerstag mindestens 28 Menschen bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager nahe der syrisch-türkischen Grenze getötet, darunter auch Kinder. Den Angriff flogen wohl die Syrer.“

„…wohl die Syrer“. Genauer wissen wir’s im Moment nicht. Aber es ist gut möglich. Vielleicht ist es sogar wahrscheinlich? Zuzutrauen wäre es den Syrern wohl auf jeden Fall. Sie haben so etwas wohl schon öfter gemacht. Verehrte Frau Peitz, ist das nun Möglichkeits- oder Wahrscheinlichkeits-Journalismus? Was meinen Sie?

Und wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass es die Syrer nicht waren? Na, dann wird das kleine Wörtchen „wohl“ zu unserem Rettungsanker. Um es mit Peitz‘ Worten zu sagen: „Nein, Sprache ist nicht neutral. Sie ist manchmal eine Waffe und taugt zur Propaganda.“

Nach der vielversprechenden Zwischenüberschrift „Sergej Roldugin trat als Solo-Cellist auf. Er ist in die Panama-Papers verwickelt“, kriegt Gergiev wieder sein Fett ab, und zwar so:

Gergiev kann es nicht lassen. Das Konzert sei ein Protest gegen Barbarei, gab der Maestro zu Protokoll, der vor seinem Amtsantritt in München 2015 für Verärgerung gesorgt hatte, weil er sich für Putins aggressive Krim- und Ukraine-Politik aussprach und Verständnis für dessen homosexuellenfeindlichen Kurs äußerte. Den Job bei den Philharmonikern trat er nach Krisengesprächen trotzdem an.“

Eine geballte Ladung ist das! Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Aber selbst wenn man’s wüsste – es hätte eh keinen Zweck. Nur ein Hinweis: Die inzwischen Gott sei Dank ausgestandene Feuilleton-„Debatte“ über die Frage, ob man den „Putin-Freund“ Gergiev zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker berufen dürfe, war eine der peinlichsten, kleinkariertesten Provinzpossen ever, nur in diesem Lande vorstellbar. Man sollte Maestro Gergiev, einem Weltklasse-Dirigenten und begnadeten Musikmanager, auf Knien dafür danken, dass er sich trotz aller Demütigungen bereitgefunden hat, das Musikleben der bayerischen Landeshauptstadt und ihres Speckgürtels auf Trab zu bringen.

Bleibt Roldugin, den Peitz uns als „einer der allerengsten Putin-Vertrauten“ vorstellt. Zumindest die Frage, was einen „Putin-Freund“ von „einem der allerengsten Putin-Vertrauten“ unterscheidet, hätte man noch gerne beantwortet gefunden. Aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht.

Das Tagesspiegel-Stück „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist ein kleiner stinkender Misthaufen, hurtig zusammengeschustert an einem Berliner PC, basierend auf ein, zwei Agenturmeldungen, dazu einem „Blick in die westlichen Medien“ – und obendrein von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Wie um alles in der Welt kommt jemand dazu, über das noble, hochklassige Palmyra-Konzert mit solch abstoßender Gehässigkeit zu berichten? Frau Peitz tut genau das, was sie anderen vorwirft: Sie betreibt Propaganda. Und der Tagesspiegel verkauft das als „Journalismus“. So bringt man die ganze Zunft in Verruf.

***

Dass es auch anders geht, zeigte die New York Times. Kurz nach dem Konzert hatte sie zwar auch den üblichen Unsinn veröffentlicht. Vier Tage später (!) brachte sie aber einen längeren Beitrag ihres Moskauer Korrespondenten Andrew Kramer. Er gehörte zu den etwa 150 Journalisten, die eine Einladung zum Konzert erhalten hatten – verbunden mit der Bitte, eine kugelsichere Weste mitzubringen. Kramer berichtet nicht nur über die Veranstaltung in Palmyra, sondern auch über seine Eindrücke aus Syrien – kritisch, zuweilen auch misstrauisch, wie es sich für einen guten Journalisten gehört. Über das Konzert freilich ließ er nichts kommen:

„…the concert was simply, starkly beautiful, and unfolded as the late afternoon sun faded over the ruins.

Valery Gergiev, the Mariinsky director, said he chose the pieces for their optimistic emotions, to be played on the same stage where Islamic State militants last summer had filmed a video of a mass execution. ‘We protest against barbarism that destroyed tremendous monuments to world culture,’ Mr. Gergiev said. ‘We protest against executions of people, here on this stage.’

Played in a second-century Roman amphitheater, it was a concert of a lifetime — and surely risked a few lives along the way. The Islamic State lines were said to be about nine miles away; outgoing artillery boomed as the buses arrived.”

 

2 Kommentare zu „Gergiev in Palmyra

  1. Ich möchte mich uneingeschränkt den Ausführungen des Verfassers zum Thema anschließen. Das Stück von Frau Peitz welches ich im Tagesspiegel selbst las ist ein „stinkender Misthaufen“. Mir wird schwindelig bei derartig verbrämten Hasstiraden und es stellt sich immer wieder die Frage woher kommen all diese Brandstifter und unsäglichen Dummköpfe. Die vermutlich von klein auf dressierten kleinen Hirne benutzen sehr große Bühnen im Land der Dichter und Denker und es werden täglich mehr derer, die schmissige Parolen immer wieder käuen. Wenn man deren Irrsinn im deutschen Blätterwald einmal eine Weile verfolgt dann wird mir Angst.

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