#JusticeForHarambe?

Was der Tod eines Gorillas über den Zustand der Welt verrät

Die Geschichte ist schnell erzählt. Im Cincinnati Zoo von Cleveland, US-Bundesstaat Ohio, gerät ein vierjähriger Junge in das Gorilla-Gehege. Der Gorilla Harambe nähert sich ihm. Die Situation nimmt immer bedrohlichere Züge an. Die Verantwortlichen entschließen sich, den Gorilla durch einen gezielten Schuss zu töten. Das Kind wird gerettet.

Der Tod des Gorillas ist zweifellos traurig. Gorillas sind beeindruckende, faszinierende, Furcht und Ehrfurcht gebietende Tiere.

Zwei Fragen tauchen auf. Erstens: Hätte es eine Alternative zum Todesschuss gegeben? Zweitens: Hätte die Mutter nicht besser auf ihr Kind aufpassen müssen?

Was die erste Frage angeht, kann sich wohl kein Außenstehender ein begründetes, seriöses Urteil erlauben. Es ist ratsam, solch schwierige Entscheidungen den Verantwortlichen zu überlassen. Anders bei der zweiten Frage. Hier weiß jeder, was zu tun gewesen wäre. Wenn es je ein „Thema zum Mitreden“ gegeben hat, dann dieses.

Und siehe da, die Volksseele kochte. Auf Twitter brach ein Sturm los. Die Mutter habe ihre Aufsichtspflicht in grober Weise verletzt und damit den Tod eines unschuldigen Gorillas herbeigeführt. Sie gehöre eingesperrt. Sie sei „an idiot“, „a moron“, „a bitch“.

Viele Medien agierten zunächst zögerlich, doch dann liefen sie zur Hochform auf.

Der Umstand, dass VaterMutterKind Schwarze sind, spielte bei alledem selbstverständlich nicht die geringste Rolle. Auch nicht, dass der Vater angeblich vorbestraft ist. Jeder, ausnahmslos jeder, würde diese Familie gerne zu seinen Nachbarn zählen. Keine Frage. Hier geht es nicht um Rassismus – Gott bewahre –, hier geht es nur und ausschließlich um #JusticeForHarambe.

Besorgt um das weitere Schicksal des angeblich vernachlässigten Kindes, veröffentlichte Change.org eine Petition, die binnen weniger Tage eine halbe Million Unterstützer fand. In bester denunziatorischer Diktion heißt es da:

„We the undersigned want the parents to be held accountable for the lack of supervision and negligence that caused Harambe to lose his life. We the undersigned feel the child’s safety is paramount in this situation. We believe that this negligence may be reflective of the child’s home situation. We the undersigned actively encourage an investigation of the child’s home environment in the interests of protecting the child and his siblings from further incidents of parental negligence that may result in serious bodily harm or even death. Please sign this petition to encourage the Cincinnati Zoo, Hamilton County Child Protection Services, and Cincinnati Police Department hold the parents responsible.”

Im November 2014 wurde, ebenfalls in Cleveland, der zwölfjährige schwarze Junge Tamir Rice von der Polizei ohne Vorwarnung erschossen. Er hatte mit einer Spielzeugpistole hantiert. Haben die Social Media-Nutzer, der jetzt über den Tod des Gorillas in Rage geraten, sich damals auch so echauffiert? Das fragt sich Sonali Kolhatkar auf Truthdig und wirft damit die interessante Frage auf, ob manche Leute möglicherweise mehr Empathie für einen getöteten schwarzen Gorilla entwickeln als für einen getöteten schwarzen Jungen.

Natürlich sind die Zeiten vorbei, da man in den USA „exotische“ Menschen in Zoogehegen zur Schau stellte oder in Wild West Shows vorführte, unter ihnen Schwarze, Indianer, Filipinos. Das bekannteste Opfer war Ota Benga aus dem Kongo, der 1906 in den Bronx Zoo gesperrt wurde und zur Belustigung der Besucher unter Affen leben musste, bis er sich zehn Jahre später das Leben nahm.

Alles Schnee von gestern. Rassismus gibt es nicht. Und das Wohl der Kinder – vor allem dieses! – ist uns ein Herzensanliegen. Das kann man schon daran erkennen, dass in den USA straffällig gewordene Minderjährige nicht selten zu lebenslangen Haftstrafen ohne Bewährungsmöglichkeit verurteilt werden. Und allwöchentlich begibt sich der oberste Kriegsherr und Friedensnobelpreisträger in den Situation Room des Weißen Hauses, um die nächsten Drohnenziele höchstpersönlich auszuwählen. „Kollateralschäden“ an Kindern sind bei diesem Unterfangen von vornherein eingepreist.

Hat sich jemand der Tier- und Kinderfreunde, die jetzt die change.org-Petition unterzeichneten, einmal Bilder aus Falludscha angesehen? Bilder von grauenvoll missgebildeten Kindern – eine Folge des Umstands, dass die USA, als sie 2004 militärisch auf die Stadt losgingen, Uranmunition und Phosphorbomben eingesetzt haben. Erinnert sich noch jemand an die „Sanktionen“ gegen den Irak zwischen 1991 und 2003? Eine halbe Million tote Kinder. Auf dieses Desaster angesprochen, erwiderte die US-Außenministerin Madeleine Albright kühl, dass die Sache den Preis wert gewesen sei. Der legendäre deutsche Außenminister Fischer bezeichnet Frau Albright stolz als seine Freundin – Bussi links, Bussi rechts.

Der libysche Staatschef Gaddafi war zwar kein Kind mehr, und seine Herrschaftspraxis gibt keinerlei Anlass zu irgendeiner Form von Verklärung. Aber er war ein Mensch. Als er 2011 auf schändlichste Weise massakriert wurde, klatschte die damalige Außenministerin Clinton begeistert in die Hände, rief aus „we came, wie saw, he died“ und brach in schallendes Gelächter aus. Clintons Ausspruch war wohl für die Geschichtsbücher bestimmt – ist aber nur Ausdruck eines widerwärtigen Zynismus. Frau Clinton hat gute Chancen auf das Präsidentenamt der USA. Und glaubt man dem deutschen Medien-Mainstream, dann verdient sie unser aller Unterstützung.

Was haben solche Erwägungen, wird sich manch einer fragen, mit dem Gorilla Harambe zu tun? Zugegeben, nicht viel. Mit Harambes Artgenossin Binti allerdings schon sehr viel mehr.

Die Gorilla-Dame Binti erlangte 1996 Berühmtheit, als sie im Brookfield Zoo bei Chicago ein kleines (weißes) Kind, das ebenfalls ins Gehege gestürzt war, auf liebevolle Weise in Obhut nahm und den Wärtern übergab. War das nicht ein Wunder? Binti wurde gefeiert, die Chicago Tribune kürte sie zur „internationalen Heldin“, Newsweek zur „Heldin des Jahres“, und Experten werteten ihr Verhalten als „altruistisch“ und von „Empathie“ getragen.

Altruismus? Empathie? Schon möglich. Binti wurde 1988 geboren und lebt nach wie vor im Brookfield Zoo. Wie würde sie, wenn sie sprechen könnte, wohl das Gebaren von Obama, Albright, Clinton oder der #JusticeForHarambe-Eiferer beurteilen?

Wer weiß, vielleicht sind Gorillas ja doch die besseren Menschen.

Ein Kommentar zu „#JusticeForHarambe?

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