Eine wirkungsvolle Geste

Kleine Geschichte des Stinkefingers

Man kann andere mit Worten beleidigen – oder mit Gesten. Für Furore sorgt immer wieder der sogenannte Stinkefinger. Obwohl (oder weil?) ausgesprochen vulgär und obszön, erfreut er sich großer Beliebtheit. Selbst angesehene Politiker schrecken nicht vor ihm zurück, man denke an Varoufakis oder Steinbrück. Jetzt hat sich der Kulturhistoriker Reinhard Krüger des Themas angenommen und lädt ein zu einem mit vielen einschlägigen Bildern garnierten Streifzug durch die „Geschichte einer wirkungsvollen Geste“.

Als der Hollywood-Streifen „Titanic“ 1997 in die Kinos kam, trauten die Kritiker ihren Augen nicht. Denn da zeigt Rose, gespielt von Kate Winslet, doch tatsächlich in einer Szene den Stinkefinger. Wie konnte das sein? Die Titanic, so wussten die Kritiker, war 1912 gesunken, der Stinkefinger aber, so glaubten sie zu wissen, ist neueren Datums. Von einem Journalisten zur Rede gestellt, reagierte Regisseur James Cameron souverän: Beim Stinkefinger, belehrte er den Fragesteller, handle es sich um eine bereits in der Antike bekannte und eingesetzte Geste.

Das kann der Kulturhistoriker Reinhard Krüger auf vielfältige Weise bestätigen. Die Errungenschaft des Stinkefingers verdanken wir den alten Griechen. Den ersten schriftlichen Beleg findet Krüger beim Dramatiker Aristophanes. Was folgte, war ein Siegeszug.

Die Mittelfingergeste verbreitete sich auf das Römische Reich, den hellenistischen Osten des Mittelmeerraums, auch nach Germanien. Völker, die das Erbe der antiken Kulturen angetreten hatten, trugen die Geste weiter, bis sie schließlich Amerika erreichte und im Zuge der Globalisierung weltweit exportiert wurde.

Zum globalen Alltagsphänomen geworden, hat der Stinkefinger zwar einiges an Aggressionswert eingebüßt. Aber, wenn man’s richtig anstellt, kann man immer noch beachtliche Effekte erzielen. Yanis Varoufakis – ein Grieche! – hat 2013 sogar ein regelrechtes „Mittelfinger-Gate“ ausgelöst.

Bei einer Veranstaltung in Zagreb sagte er, deutlich hörbar, die Worte „and stick the finger to Germany“. Redebegleitend zeigte er die Mittelfingergeste, und zwar in einer ihrer mediterranen Varianten: Zeige- und Ringfinger werden bis zum ersten Glied heruntergeklappt und repräsentieren so die Testikeln eines wie an einer griechischen Herme nach oben gerichteten Phallus.

„Phallus“ ist hier das Stichwort. Etwas vornehmere Beobachter bezeichnen den Stinkefinger ja auch gerne als „erigierten Mittelfinger“, denn die Geste ist seit jeher sexuell konnotiert. Und sie tritt, je nach Kulturkreis, in vielen interessanten Varianten auf. Zur Entlastung von Varoufakis wäre übrigens zu sagen, dass der Stinkefinger im griechischen Kontext gar nicht so böse gemeint ist. Einst, in der Antike, stand er zwar auf der Beleidigungsskala ganz oben, doch im Laufe der Zeit ist er auf den dritten Platz abgerutscht. Viel schlimmer wäre gewesen, wenn Varoufakis die in Richtung des Beleidigten geöffnete Hand gezeigt oder den bras d’honneur, den ausgestreckten Unterarm, vorgeführt hätte.

Natürlich kann der Mittelfingergestus auch mimisch unterstrichen, also mit einer ganzen Palette verschiedener Gesichtsausdrücke kombiniert werden. Besonderer Beliebtheit erfreut sich diese Kombination: Man zeigt den Mittelfinger und legt zeitgleich die obere Zahnreihe auf die untere Lippe, als wolle man ein Wort sagen, das im Englischen wie im Deutschen mit ‚f‘ beginnt und auf ‚ck“ endet.

In vielen Bereichen gehört der Mittelfingergestus längst zum guten Ton – in der Rock-, Hardrock- und Punkszene etwa oder im Sport. Und auch in der Politik sind es keineswegs nur die proletarischen Linken, die sich seiner bedienen. Von den konservativen US-Präsidenten Bush senior und junior etwa gibt es einschlägige Foto-Dokumente. Selbst beim dezenten Obama lässt sich eine Schwundstufe des Stinkefingers beobachten. Er berührt – natürlich rein zufällig – seine Lippen mit dem ausgestreckten Mittelfinger, kratzt sich mit dem Mittelfinger an der Stirn oder auch am Auge.

Dass die Geste auch ins Auge gehen kann, zeigt der Fall des einstigen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück – ihm wäre einiges erspart geblieben, wenn er auf seinen PR-Berater gehört hätte.

Reinhard Krügers Kulturgeschichte des Stinkefingers garantiert ungetrübten Lesegenuss. Ein vulgäres Thema zwar – aber abgehandelt auf hochgelehrte Weise. Genau darin liegt der Witz. Natürlich kann man das Buch auch als subtiles Geschenk einsetzen – an Leute, die man nicht so mag.

Reinhard Krüger: Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste. Verlag Galiani Berlin, 176 S., € 16,99

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