Plädoyer für eine Kurskorrektur

Guy Standings Charta des Prekariats

Immer mehr Menschen fallen durch die Maschen sozialer Sicherung. Ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind prekär. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing versteht sich als Anwalt dieser Menschen. Er sagt, dass die Unterprivilegierten inzwischen eine neue soziale Klasse bilden. Und er ist überzeugt: Sie werden sich organisieren und aufbegehren. In seinem neuen Buch fasst Standing seine Theorie des Prekariats zusammen und entwickelt ein konkretes Aktionsprogramm.

Er sei entschlossen, die Abhängigkeit vieler Menschen von staatlichen Leistungen einzudämmen; es sei nicht akzeptabel, „etwas für umsonst“ zu bekommen, die Kultur des öffentlich geförderten „Nichtstuns“ müsse ein Ende haben.

So lautete das Credo von Iain Duncan Smith, bis März dieses Jahres britischer Minister für Arbeit und Renten. Duncan Smith ließ seinen Worten viele Taten folgen, in Gestalt sogenannter Sozialreformen. Doch vor der eigenen Tür kehrte der Minister nicht. Während er seine Kampagne gegen sozial Schwache führte, lebte er auf einem sechs Quadratkilometer großen Anwesen, das seine Frau geerbt hatte – „etwas für umsonst“. Und er strich innerhalb von zehn Jahren über eine Million britische Pfund an EU-Agrarsubventionen ein, für die er nichts geleistet hatte. Doppelmoral in Zeiten des Neoliberalismus.

In seinem Buch kommt Guy Standing mehrfach auf diesen und ähnliche Fälle zu sprechen. Doch Leute wie Duncan Smith sind für ihn lediglich Symptome, nicht die Ursachen einer tiefgreifenden Fehlentwicklung. Standing argumentiert nicht primär moralisch, sondern politökonomisch. Im Zentrum seines Buches steht eine neue soziale und politische Polarisierung, eine neue Klassenstruktur. Sie hat nichts mit den Verhältnissen zu tun, die wir aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert kennen, also der Aufspaltung in Arbeiterklasse und Bourgeoisie.

Was wir heute erleben, findet im globalen Maßstab statt: der Angriff einer kleinen, unermesslich reichen und mächtigen Plutokratie auf immer größere Teile der Gesellschaft. Die neoliberalen, utilitaristischen Dogmen dieser Elite sind nach wie vor en vogue, obwohl sie eine Spur der Zerstörung hinterlassen haben. Statt zu mehr Wohlstand, Sicherheit und sozialem Ausgleich zu führen, haben sie die Gesellschaft entsolidarisiert. Und sie haben, so Standing, eine neue, ständig wachsende Klasse hervorgebracht: das Prekariat.

Das Prekariat bietet ein heterogenes Bild. Es reicht von ehemals Lohnabhängigen, die durch alle sozialen Sicherungssysteme gefallen sind, über eine größer werdende Zahl von Migranten bis hin zu hochqualifizierten Universitätsabsolventen, die bei McDonalds an der Kasse stehen oder bei Walmart Regale einräumen. Sie alle schlagen sich mehr schlecht als recht durch, leben von der Hand in den Mund, genießen keine irgendwie geartete Lebenssicherheit, verfügen über keine Perspektive: befristete Verträge, Zeitarbeit, Crowd-Arbeit, Null-Stunden-Jobs, Praktika, Phasen der Arbeitslosigkeit, dazu Wohnungsnot, Verschuldung, Kreditfallen.

Zudem werden diese Menschen immer mehr ihrer Rechte beraubt, indem der Staat sie zu Bittstellern degradiert, zu Bürgern zweiter Klasse, oder, wie Standing schreibt, zu „Unterbürgern“. Im ersten Drittel seines Buches, auf beklemmenden sechzig Seiten, beschreibt er die Verheerungen eines globalen, neoliberalen Sozialexperiments. Und er macht deutlich: Eine Gesellschaft, die sich soziale Verwerfungen und menschliche Demütigungen dieses Ausmaßes glaubt leisten zu können, ist auf Dauer nicht überlebensfähig.

Was der neuen Prekariatsklasse noch fehlt, so Standing, ist das Bewusstsein, eine Klasse zu sein. Solches Bewusstsein kann sich nur in konkretem Handeln, also sozialen Kämpfen herausbilden. Die Occupy-Bewegung, die spanischen „Indignados“, der Widerstand im Istanbuler Gezi-Park, aus diesen und vielen anderen Rebellionen schöpft er Hoffnung.

Sein Buch ist der Versuch, den Bewegungen Richtung und Ziel zu geben. Er formuliert eine „Charta des Prekariats“, einen Katalog aus Forderungen und konkreten Vorschlägen, 29 Punkte insgesamt, jeder einzelne ausführlich und plausibel begründet. So will er unter anderem flexible Arbeitsverhältnisse zurückdrängen, das Workfare-System auflösen (also die obligatorische Lohnarbeit, um an Sozialleistungen zu kommen), er will Armutsfallen beseitigen, Kurzzeit- und Studierendenkredite regulieren, Subventionen abschaffen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen.

Keiner der Vorschläge ist revolutionär, auch zusammengenommen sind sie es nicht. Aber das Buch macht klar: Sollten reformerische Forderungen dieser Art weiter ignoriert werden, könnte das über kurz oder lang zu sozialen Eruptionen, zu revolutionären Situationen führen. Es wird höchste Zeit für eine Kurskorrektur.

Guy Standing: Eine Charta des Prekariats. Von der ausgeschlossenen zur gestaltenden Klasse. Aus dem Englischen von Sven Wunderlich. Unrast Verlag, 335 Seiten, € 19,80

 

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