Aleppo

„Ist Aleppo verloren?“, fragte Anne Will vor gut zwei Monaten. Die Sorge um die Menschen im Ostteil der Stadt stand ihr ins Gesicht geschrieben. Seither haben die Dinge unerbittlich ihren Lauf genommen. Und die düsteren Ahnungen der ARD-Gesprächsleiterin sind wahr geworden. Ja, Aleppo ist verloren.

Doch für wen ist Aleppo verloren? Die Antwort liegt auf der Hand: Für uns natürlich. Als vor vier Jahren jene Kräfte, die man im Westen wahlweise als „Aufständische“, „Rebellen“ oder schlicht „Opposition“ bezeichnet, sich des Ostens der Stadt bemächtigten, erschien das vielen als gute Sache. Der angestrebte Regime Change machte Fortschritte, der „Schlächter Assad“ stand unter Druck.

Ob die Menschen in Ost-Aleppo das genauso gesehen haben, ob ihre neuen Herren ihnen sympathisch waren, interessierte da nicht. Und wie die wesentlich zahlreicheren Menschen im Westteil der Stadt mit den ständigen Terrorangriffen zurechtkamen, die vom Ostteil ausgingen, auch das interessierte nicht. Der gute Zweck heiligte die fragwürdigen Mittel.

Als der Kampf um Aleppo in seine entscheidende Phase trat, waren im Osten der Stadt schätzungsweise 8.000 bis 10.000 Kämpfer zugange. Die meisten von ihnen, etwa 4.000, gehörten zu Jahbat al-Nusra und ihrem engen Verbündeten Ahrar al-Sham. Anders formuliert: Die „Aufständischen“ waren/sind fanatische Dschihadisten. Und sie wurden über viele Jahre „von uns“ unterstützt, mit Geld, mit Waffen.

Nun haben sie also verloren. Westliche Diplomaten und Außenminister sorgen sich mit tränenerstickter Stimme um die schlimmen Folgen, die dieser unerhörte Vorgang mit sich bringt oder noch heraufzubeschwören droht. Allen voran die UN-Botschafterin der USA, Samantha Power. Sie stellte Aleppo in eine Reihe mir Halabja, Srebrenica, Ruanda – und fragte empört:

„Is there no act of barbarism against civilians, no execution of a child that gets under your skin, that just creeps you out a little bit?”

Der Mittelost-Korrespondent des „Independent”, Patrick Cockburn (siehe den Artikel „So geht guter Journalismus” auf dieser Seite) hat die Vergleiche Samantha Powers als „wholly out of proportion” bezeichnet. Sein Korrespondentenkollege Robert Fisk war über Powers Demagogie derart empört, dass er ihr gleich einen ganzen Artikel widmete.

Als er Powers Statement gehört hatte, schreibt Fisk, habe er sich an das Massaker von Sabra und Chatila erinnert. Damals, 1982, sei er in Beirut über die Leichen von Palästinensern geklettert, die in einem Flüchtlingslager von libanesischen Milizen massakriert worden waren. 1700 Tote insgesamt. Die Israelis, Washingtons wichtigster Verbündeter in der Region, hatten zugeschaut.

Auch an den Krieg gegen den Irak 2003 habe er denken müssen, sagt Fisk, etwa eine halbe Million Tote:

„And I can tell you that Iraq’s half million dead ‘creeped me out’ rather a lot, not to mention the torture and murders in the CIA’s interrogation centres in Afghanistan as well as in Iraq. It also ‘creeped me out’ to learn that the US president used to send innocent prisoners off to be interrogated in – Assad’s Syria! Yes, they were sent by Washington to be questioned in what Samantha now calls Syria’s ‘Gulags’.”

Fisk erinnert sich auch an die israelischen Kriege in Gaza. Wie viele Kinder mögen es gewesen sein? Und was sagten und sagen westliche Politiker? „Israel hat das Recht, sich zu verteidigen.“ Das sagen sie.

Oder der Krieg im Jemen, wo die Kopfabscheider-Aliierten der USA inzwischen an die 4000 Zivilisten auf ihrem nicht vorhandenen Gewissen haben.

Samantha Powers Analogien, so das Fazit, sind reine Heuchelei, sie sind „wholly out of proportion“ und hochgradig selektiv. Doch die eigentliche Pointe in Fisks Beitrag kommt erst noch: Warum hat Samantha Power in ihrer Aufzählung nicht die Anschläge des 11. September 2001 mit ihren 3000 Toten erwähnt? Hätte das nicht nahegelegen? Fisks Erklärung  hat es in sich. Sie führt zum Kern der Sache, weshalb ich sie vollständig zitiere:

…there’s a wee bit of a problem there, isn’t there? Because the 9/11 bloodbath was carried out by al-Qaeda. And al-Qaeda in Syria has changed its name to al-Nusra and then to Jabhat Fateh al-Sham and – well, it’s al-Sham (alias Nusra, alias al-Qaeda) that’s been fighting against the Syrian regime in eastern Aleppo. A bit difficult, you see, for Samantha to express her horror over the most terrifying attack on her country in recent history – talk about barbarism against civilians” –  when the very criminal ‘jihadi’ organisation which committed this outrage is, yes, in eastern Aleppo fighting against the Syrian army.

So Samantha has to throw the dead of 9/11 into the trash bin in order to tell us how ‘creeped out’ al-Qaeda’s enemies should be at their behaviour in Aleppo. Out, too, go the Christians murdered or deported by Isis in Mosul, those Yazidis subject to Isis’ ‘ethnic cleansing’ – a subject of which Samantha was quite an expert when it was taking place in Bosnia. In fact, Isis simply gets deleted from Samantha’s narrative. They get, in effect, a clean bill of health.

And we journos are going along with all this. What was the last time you read of Isis’ catastrophic return to the Syrian city of Palmyra last week – surely a victory for those we are supposed to be defeating in Mosul? And some of the Palmyra attackers actually came from Mosul! How did they do that when Mosul is surrounded by the Iraqi army and their allies and all those American ‘advisers’? And for that matter, what was the last time you heard about Mosul, surrounded by a government army trying to smash its way into the city against its ‘jihadi’ defenders – with even more civilians besieged than in Aleppo?”

Wie schreibt Fisk? „And we journos are going along with all this.” Wie wahr! Gegenüber dem, was der westliche Medien-Mainstream zurzeit in Sachen Syrien abliefert, ist Samantha Power geradezu ein Waisenmädel. Man glaubt sich allmählich in einem medialen Narrenkäfig.

Almost every headline today speaks of the ‘fall’ of Aleppo to the Syrian army – when in any other circumstances, we would have surely said that the army had ‘recaptured’ it from the ‘rebels’ – while Isis was reported to have ‘recaptured’ Palmyra when (given their own murderous behaviour) we should surely have announced that the Roman city had ‘fallen’ once more under their grotesque rule.” 

Selbst Journalisten, denen ich Sachverstand und Integrität zubillige, sitzen hoch auf dem Propagandawagen. Auch der Wiener Moderator der „ZIB 2“, Armin Wolf, sprach davon, Aleppo sei „gefallen“ – und man konnte einen bedauernden Unterton heraushören. Der anschließende Beitrag bestätigte denn auch die schlimmsten Befürchtungen.

Man male sich aus, wie Armin Wolf wohl „moderiert“ hätte, wenn der FPÖ-Mann Norbert Hofer die Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte – eine österreichische Version vom Untergang des Abendlandes wäre das geworden. Dabei haben Hofer und seine Milizen bekanntlich nicht des Ostteil Wiens besetzt, nicht den Westteil terrorisiert, niemanden exekutiert, gefoltert oder erpresst. Auch der ORF ist „wholly out of proportion“.

Warum sind diese Leute nicht einfach mal konsequent? Warum fordert Wolf nicht politisches Asyl für die geschundenen al-Nusra/al-Qaida-Kämpfer? Würde sich Österreich nicht als Aufnahmeland geradezu anbieten? Könnte diese dahinsiechende Demokratie nicht ein wenig Aufmischung durch ein paar moderate Rebellen gut vertragen?

Ein Kommentar zu „Aleppo

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