Ein Verbündeter des Westens

Sebastian Sons über Saudi-Arabien

Saudi-Arabien spielt eine Schlüsselrolle in den Kriegen und Konflikten des Nahen und Mittleren Ostens. Obwohl seine inneren Verhältnisse äußerst repressiv sind und seine Außenpolitik aggressiv, wird das Land vom Westen hofiert wie kein anderes in der Region. Sebastian Sons, Mitarbeiter der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“, hat Ende 2016 ein Buchportrait Saudi-Arabiens vorgelegt. Es trägt den Titel „Auf Sand gebaut“.

Als 2015 der saudi-arabische König Abdullah verstarb, zeigten sich viele westliche Staatsmänner erschüttert. Der damalige britische Premier Cameron ließ sogar die Landesfahnen auf Halbmast setzen. Das ist erstaunlich. Saudi-Arabien ist zwar traditionell ein Verbündeter des Westens, doch westliche Werte bedeuten ihm nichts. Der 1932 gegründete Staat ist eine der letzten theokratischen Monarchien dieser Erde. Und die im Lande maßgebliche Islamdeutung, der sunnitische Wahhabismus, ist erzkonservativ, fundamentalistisch, weist frappierende Ähnlichkeit mit der Ideologie des „Islamischen Staats“ auf. Vielen gilt Saudi-Arabien als globaler Sponsor des Terrorismus.

Die inneren Verhältnisse sind bedrückend. Regimekritiker oder Andersgläubige werden unnachsichtig verfolgt, verhaftet und hingerichtet, oft durch Enthauptung. Parteien, Gewerkschaften, Wahlen – Fehlanzeige. Frauen ist das Autofahren verboten. Auf Alkoholbesitz steht die Todesstrafe. Kinos oder Theater gibt es nicht.

Daran hat sich unter dem neuen König Salman nichts geändert, im Gegenteil. Die Außenpolitik des Landes nimmt immer aggressivere Züge an. Saudi-Arabien führt einen desaströsen Krieg im Jemen und unterstützt dschihadistische Gruppen in Syrien. Im Dezember 2016 besuchte die deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen das Land. Sie vereinbarte weitere Waffenlieferungen, dazu die Ausbildung saudischer Offiziere in Deutschland.

Wie ist das zu erklären? Warum akzeptiert der Westen dieses Land als Partner, warum gilt es ihm als „Stabilitätsanker“, warum als Verbündeter im Kampf gegen den Terror? Ist diese Politik nicht von Doppelmoral geprägt? Das ist die Leitfrage in Sebastian Sons‘ hochinformativer Studie. Auch ihm fällt es zwar schwer, in der aktuellen saudischen Politik konstruktive Ansätze zu erkennen. Doch er zeichnet ein differenziertes Bild und macht auf zahlreiche unterschwellige Phänomene und Entwicklungen aufmerksam, auf Risse im scheinbar so geschlossenen System, die schon bald sichtbare Wirkungen entfalten könnten.

Denn so starr und rückwärtsgewandt Saudi-Arabien auf den ersten Blick erscheint – es handelt sich zugleich um eine außerordentlich dynamische, im Umbruch befindliche Gesellschaft: Dank seines Ölreichtums konnte der Staat großen Teilen seiner Bevölkerung bislang ein Rundum-sorglos-Paket bieten, etwa in Sachen Infrastruktur, Bildung, medizinische Versorgung, dazu jede Menge bestens entlohnter Jobs in einem maßlos aufgeblähten öffentlichen Dienst. Die Gegenleistung der Untertanen für solche Wohltaten bestand in unbedingtem Gehorsam. Dieses lange Zeit erfolgreiche Modell stößt jedoch an unverrückbare Grenzen. Und das nicht allein wegen des gefallenen Ölpreises. Die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, hat stark zugenommen. Die Bevölkerung ist sehr jung und wächst rasant. Viele junge Saudis studieren im Ausland und kehren mit hohen Erwartungen in ihre Heimat zurück, die oft nicht erfüllt werden. Die Unzufriedenheit wächst. Die Frauen des Landes befinden sich im Aufbruch und fordern Rechte ein. Die Kunstszene ist vital. Die sozialen Medien spielen eine eminente Rolle, entfalten ihr regimekritisches Potential.

Saudi-Arabien, so Sebastian Sons, entwickelt sich immer mehr zu einer Gesellschaft der Extreme, die vor enormen Herausforderungen steht. Wird sie den unausweichlichen Umbruch auf reformerische, friedliche Weise bewältigen – oder kommt es zu einer revolutionären Eruption?

Eine solche Entwicklung, so Sons, wäre fatal. Sollten die Verhältnisse außer Kontrolle geraten, sollte das Land gar mit seinem schiitischen Erzrivalen Iran aneinandergeraten, würde die ohnehin durch Kriege und Konflikte gebeutelte Region endgültig im Chaos versinken.

Auch deutsche Außenpolitik könnte helfen, das zu verhindern. Am Ende seines Buches skizziert Sons zahlreiche Möglichkeiten der kritischen Begleitung, der konstruktiven Zusammenarbeit. Waffenlieferungen gehören für ihn nicht dazu. Ein vernünftiger, realpolitischer Ansatz, den man sich auch im Umgang des Westens mit anderen Ländern des arabischen Raums wünschen würde.

Sebastian Sons: Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – ein problematischer Verbündeter. Propyläen Verlag, 281 Seiten, € 20.-

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