Vollhonks und Holzmännchen

Wenn mein Neunjähriger sich daneben benimmt (was mitunter vorkommt), kriegt er maximal drei Ermahnungen. Ist auch die dritte wirkungslos verpufft, bleibt mir keine Wahl: „Schluss jetzt! Es reicht! Ab in Dein  Zimmer! Darfst wiederkommen, wenn Du Dich beruhigst hast!“

Ich will nicht behaupten, dass dieses Verfahren der pädagogischen Weisheit letzter Schluss ist. Aber in der Regel funktioniert es. Nach einer halben Stunde kehrt mein Neunjähriger wie umgewandelt in den Kreis der Familie zurück. Natürlich ist der Friede nicht von Dauer, aber immerhin.

Familienintern nennen wir das die „Lönneberga-Methode“. Jeder erinnert sich: Wenn der kleine Michel mal wieder etwas angestellt hat, wird er von seinem aufgebrachten Vater durch Haus und Garten gejagt und rettet sich gerade noch rechtzeitig in den Schuppen, schiebt den Riegel vor und beginnt ein neues Holzmännchen zu schnitzen. Damit hat er dann eine Zeitlang zu tun. Gut für seine Nerven.

Im Grunde haben Michel und sein Papa sich ganz furchtbar lieb. Aber das heißt ja nicht, dass der eine sich vom jeweils anderen alles bieten lassen muss, oder? Irgendwann ist das Maß voll. Irgendwann reißt auch der stärkste Geduldsfaden.

Meine Art ist es eigentlich nicht, frontal auf jemanden loszugehen, ganz im Gegenteil. Aber ich muss gestehen, dass ich mich manchmal, in sehr seltenen Fällen, freue, wenn andere sich diesbezüglich die Hände schmutzig machen. So ging es mir am 22. März 2017. In der stets lesenswerten Zeitschrift Current Affairs nahmen sich Nathan Robinson und Alex Nichols eine gewisse Louise Mensch vor. Und weil es so schön passte, traten sie gleich auch noch eine Zeitung namens New York Times in die Tonne

 

Mensch Mensch!

Die New York Times? Ist das nicht eine der großen Zeitungen dieser Welt? Newspaper of record?

Nun ja, das ist alles Geschichte, Schnee von gestern, könnte man sagen. Die bittere Wahrheit: Das Blatt schreibt sich schon seit einiger Zeit um Kopf und Kragen. Am 17. März 2017 ein neuerlicher Tiefpunkt. An prominenter Stelle platziert die Redaktion den Artikel What to Ask About Russian Hacking. Autorin: jene schon erwähnte Louise Mensch, früher mal konservative Abgeordnete im britischen Unterhaus (ganze zwei Jahre), derzeit in Diensten Rupert Murdochs.

Was Frau Mensch da in der Times verbreitete, lief unter dem Oberbegriff „RussiaGate“ oder „KremlinGate“. Das ist das aktuelle Lieblingsthema der US-Medien. Darin suhlen sie sich wie verrückt. Und als Leser muss man auf buchstäblich alles gefasst sein. Also auch auf Louise Mensch.

Aber so ist das: Die einen schreiben sich um Kopf und Kragen – den anderen schwirrt der Kopf und platzt der Kragen. Nathan Robinson ist definitiv der Kragen geplatzt. Zusammen mit seinem Kollegen Alex Nichols legte er Louise Mensch auf die Couch – mitsamt der Zeitung, die glaubte, dieser Frau ein Forum bieten zu müssen. Schon der Untertitel ihres Artikels sagt alles: „Louise Mensch is delusional, which is why she gets to write for the New York Times…”

Für Robinson und Nichols steht fest: Frau Mensch ist verrückt, sie leidet an Wahnvorstellungen. Aber Wahnvorstellungen sind dieser Tage offenbar eine gute Voraussetzung, um in die Spalten der ehrwürdigen Times vorzudringen.

„Let’s be clear: with Mensch, we are not talking about someone who merely ‘takes a hard line’ on the Russia question. Mensch is legitimately paranoid and deluded. She sincerely believes that Andrew Breitbart [ein bekannter konservativer Blogger und Aktivist, 2012 verstorben] was murdered by Vladimir Putin, that Russia is secretly operating the public wifi networks in her neighborhood, and that the 15-year-old-girl whom Anthony Weiner sexted was in reality a hacker on the Kremlin payroll.”

Nathan Robinson gehört zu den wortmächtigsten Publizisten der USA. Messerscharfe Analysen, oft gewürzt mit herrlicher Ironie und Satire oder knackiger Polemik.

„Even ex-intelligence officer Malcolm Nance, a strong believer in the Trump-Putin connection … has said Mensch is ‘batshit crazy’ and a ‘fruit loop.’ Mensch’s children, too, seem to think she is off her gourd. As she confesses: ‘These days when anything goes wrong in our house, one of my kids will say: ‘Is it the Russians?’ It’s a standing joke. ‘Pizza went cold. Is it the Russians?’”

So geht das Satz für Satz, Absatz für Absatz. Aber dann kommt’s! Robinson und Nichols zitieren aus einem Tweet, den Mensch im Dezember 2016 abgesetzt hat:

„What Russia has done to America is an act of war… I want precision bombing raids. Mass cyber war. Bank hacks… Vladimir Putin has committed an act of war… Obama must strike.”

Wahnsinn, oder? Das finden auch Robinson und Nichols:

„By publishing Mensch…, the New York Times has established as a legitimate political commentator someone who thinks the florists on the Upper West Side are monitoring her internet, and is actively using Twitter to encourage the United States to start World War III.”

Wenn die New York Times sich zur Anwältin von Verschwörungstheorien macht und sich nicht scheut, dabei auf die Dienste der offenkundig bekloppten Louise Mensch zurückzugreifen, muss man ihr, also der New York Times, deutlich sagen, dass sie nicht länger satisfaktionsfähig ist. Seriöse Medienkritik stößt hier an unverrückbare Grenzen.

Oder anders: Man muss die New York Times fortan behandeln wie das kleine, ungezogene Kind, das sich bei Tisch ständig daneben benimmt, obwohl es schon mehrfach ermahnt wurde. Man muss ihr sagen: „Schluss jetzt! Es reicht! Ab in Dein  Zimmer! Darfst wiederkommen, wenn Du Dich beruhigst hast!“

 

Mensch Friedman!

All das wäre ja halb so wild, wenn die Sache mit Louise Mensch ein bloßer Ausreißer wäre. Doch im Gegenteil, sie passt ins Bild. Die New York Times beschäftigt einige Leute, die genauso ticken wie Mensch. Thomas L. Friedman zum Beispiel. Friedman ist nicht bloß ein Alpha-Journalist, er ist ein journalistischer Superstar. Heißt: Er darf so viel Unsinn schreiben, wie er will.

Wollte man streng sein, könnte man sagen: An den Händen dieses Superstars klebt jede Menge publizistisches Blut. Irak, Libyen, Syrien, Ukraine… Doch einer wie Friedman würde niemals irgendwelche Schuld eingestehen. Einem wie ihm unterläuft  allenfalls mal ein Fehler oder Irrtum. In seltenen Fällen räumt Friedman sogar einen Irrtum oder Fehler ein – in der Regel ein paar hunderttausend Tote später.

Wie Louise Mensch im Besonderen und die New York Times im Allgemeinen hat sich selbstverständlich auch Star-Kolumnist Tom Friedman gerade mächtig ins russian hacking verbissen. In einer Morning Show auf MSNBC tönte er unlängst: „That [gemeint ist natürlich das russian hacking] was a 9/11 scale event. They attacked the core of our democracy. That was a Pearl Harbor scale event. … This goes to the very core of our democracy.”

Man sieht, Friedman ist ganz Mensch.

Was sollen wir nur mit ihm (und seinesgleichen) machen? Den völlig losgelösten Major Tom einfach auf sein Zimmer schicken? Oder ihn in den Schuppen jagen zum Holzmännchen-Schnitzen? „Und hör gut zu, Tom! Du kommst da erst wieder raus, wenn Dein Holzmännchen fertig ist!“

 

Die hysterischen Staaten von Amerika

Mein Neunjähriger würde einen wie Friedman ohne Umschweife als „Vollhonk“ bezeichnen. Das trifft’s recht gut, aber erschöpft ist das Thema damit noch nicht, wie ich einem Artikel des in Berlin lebenden US-amerikanischen Theaterautors und Satirikers C.J. Hopkins entnehme. Er hat ihn im Magazin Counterpunch veröffentlicht, der Text findet sich aber auch auf Hopkins‘ hochinteressanter Website https://consentfactory.org/.

In The United States of Cognitive Dissonance unternimmt Hopkins den heroischen (und natürlich zum Scheitern verurteilten) Versuch, einer hysterischen Gesellschaft klar zu machen, dass sie hysterisch ist.

Wir, die wir frei von jeglicher Hysterie sind und immer kühlen Kopf bewahren, lesen das mit ungetrübtem Vergnügen und freuen uns, dass es Hopkins gelingt, die ganze RussiaGate-Affäre in zwei Sätzen auf das zu reduzieren, was sie ist.

„The simple fact of the matter is, despite whatever got ‘hacked’ by whom, Donald Trump, asshat that he is, is not a Russian sleeper agent or otherwise collaborating with Vladimir Putin, and anyone with half a brain knows this. Thus, it is going to be impossible to prove the blatantly ridiculous accusations the ruling classes and their media stooges have been making in order to delegitimize him.”

Damit ist eigentlich alles gesagt. Wer das Thema dennoch vertiefen will, kann das hier, hier, hier oder auch hier tun. Sachstand ist jedenfalls: Wer den US-Präsidenten des Verrats bezichtigt, muss irgendwann Beweise liefern. Und da das ein Ding der Unmöglichkeit ist, werden wir demnächst, so Hopkins, ein interessantes Schauspiel erleben, das da heißt: Themenwechsel! Neuer Feind!

Es geht zu wie einst bei Orwell.

„Orwell captured this cognitive dissonance in the part of 1984 where the Party executes the sudden switch from war with Eurasia to war with Eastasia, and Party members adjust their thinking accordingly.”

Unglücklicherweise haben wir Orwell längst hinter uns gelassen. Die herrschenden neoliberalen Klassen wechseln ihre Feinde wie ihre Hemden, und sie erzählen uns über den jeweiligen Feind heute dies, morgen jenes.

„One day, Trump is a modern-day Hitler, the next day he’s a Russian agent, the day after that he’s something else. To achieve the fully psychotic effect, it’s the same so-called ‘respectable journalists’ who are one day assuring us he’s literally Hitler, and the next day, no, he isn’t Hitler, but he’s absolutely a Russian agent, and the next, OK, maybe not, but at least he’s a liar, or a tax cheat, or something.”

Das alles geschieht selbstverständlich mit voller Absicht und dient nur dem Zweck, uns jedes kritische Denken abzugewöhnen und auf längere Sicht in den Wahnsinn zu treiben, um am Ende genauso wahnsinnig zu werden wie – naja, Louise Mensch oder Tom Friedman, also jene Vollhonks, die wir schon durchgenommen haben.

„You bombard folks with conflicting realities and contradictory information until they’re rendered incapable of thinking critically. Then you fill their heads with whatever brand of psycho nonsense your cult is peddling. I’m not kidding … check this out. There’s all kind of literature that explains how this works. Or, if you don’t have time to do that, just call someone at The New York Times, The Guardian, or The Washington Post, or CNN, or MSNBC. I’m sure they’ll be more than happy to explain the whole antisemitic, staunchly Zionist, Wall Street-friendly, anti-Wall Street, moronically cunning, inarticulately mesmerizing, blackmailed by and profiting from Russia, Putin-Nazi puppet thing to you. But you may want to drop some acid first in order to get the full effect.”

C.J. Hopkins! Ein begnadeter Vollhonk-Jäger!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s