Keine Argumente – nur miese Tricks

Michael Lüders am Pranger

In den vergangenen Tagen habe ich mir immer mal wieder den Amazon-Verkaufsrang von Michael Lüders‘ aktuellem Buch „Die den Sturm ernten“ angeschaut. Im Moment (17. April, 9 Uhr) steht es unter den Top Ten. Auch Lüders‘ Vorgängerbuch „Wer den Wind sät“ (inzwischen in der 23. Auflage!) rangiert nur unwesentlich schlechter.

Eine gute Nachricht, oder? Die Versuche der „Anne Will“-Sendung, den Autor Michael Lüders zu diskreditieren, haben offenbar nicht gefruchtet. Im Gegenteil.

Vor dem Hintergrund dieses enorm breiten Publikumserfolges macht sich der Deutschlandfunk (DLF) geradezu lächerlich, wenn er behauptet, Lüders werde insbesondere „in den sozialen Netzwerken gefeiert“ – und zwar „vor allem von denen, die die so genannten ‚Systemmedien‘ ablehnen und glauben, dass der Westen sich gegen Putin und Assad verschworen hat“.

Obendrein, so der DLF, werde Lüders von „der Community der Nahost-Experten“ schon seit längerem kritisch beäugt.

Die „Community der Nahost-Experten“? Wer soll das jetzt wieder sein?

Der DLF bietet gleich zwei Kronzeugen der „Community“ auf: Zum einen Sylke Tempel von der regierungsnahen und außenamtsfinanzierten „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“, zum anderen – man glaubt es nicht – einen Nachrichtenredakteur des eigenen Hauses, also des DLF. Der Nachrichtenredakteur heiß Thorsten G. Schneiders, hat Islamwissenschaft studiert und durch einen besonders fachkundigen Beitrag von sich Reden gemacht: Auf Twitter verglich er Michael Lüders mit Erich von Däniken…

 

Who the fuck is Seymour Hersh?

Ein wenig mehr Mühe haben sich die ARD-„faktenfinder“ gemacht. So nennt sich ein neues, supertolles, bei der „Tagesschau“ angesiedeltes Recherche-Portal, dessen Arbeit man sich wahrscheinlich so vorstellen muss: Drei Faktenfinder (im Folgenden „FF“), die sich noch nie vertieft mit Syrien oder Chemiewaffen befasst haben, bekommen von ihrem Chef die Anweisung „Macht mal was über den Lüders – aber schnell!“.

Dann gucken die FF erst mal nach, was der Lüders gesagt und geschrieben hat und auf wen er sich beruft. Sie stoßen auf den Namen Seymour Hersh.

FF 1: „Wer zum Teufel ist das?“

FF 2: „Oh, guck mal hier, ein weltbekannter Journalist.“

FF 3: „Aber umstritten… Und auch nicht mehr der Jüngste, gerade 80 geworden.“

Im Archiv von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ finden die FF zu Hersh und seinen Chemiewaffenrecherchen (2013/14) erwartungsgemäß lauter Lücken. Also googeln sie ein bisschen anderswo rum, finden einen Artikel, der dies sagt, ein Dokument, das jenes sagt – und erkennen: Die Sache mit Syrien, mit den Chemiewaffen, mit Hersh und Lüders – alles umstritten.

Na sieh mal an!

Preisfrage: Haben die FF auch Fakten gefunden? Antwort: Natürlich nicht. Sie haben nur ein paar alternative Fakten ausgebreitet, um die von Lüders ausgebreiteten Fakten als fake news hinstellen zu können.

Billig, billig. So kann man das im Prinzip mit jedem Thema machen. Mit jedem Thema, bei dem es nicht nur um die Wahrheit, sondern auch um Interessen geht.

 

Geht es noch dämlicher?

Klar doch. Man erweckt einfach den Eindruck, Lüders sei ein Einzeltäter. Also der einzige, der über Assad und den Westen und Chemiewaffen so abwegiges Zeug erzählt. Dann können sich alle auch noch auf die Schulter klopfen, weil sie so einen überhaupt zu Wort kommen lassen, obwohl er doch für nix und niemanden repräsentativ ist.

Anne W. kann zum Beispiel sagen: Ach, wie großzügig, wie tolerant bin ich doch, dass ich mich mit einer solch radikalen Minderheitenmeinung auseinandersetze. Und dazu noch in aller Öffentlichkeit! Im Fernsehen! In meiner Sendung!

Das Bemühen, Michael Lüders als allein auf weiter Flur, als letztlich unmaßgeblichen Einzelkämpfer hinzustellen, ist natürlich absurd. Würde einer wie Peter Scholl-Latour noch leben, wäre er selbstverständlich auf Lüders‘ Seite. Natürlich ist auch Professor Günter Meyer, der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, auf Lüders‘ Seite. Und die Journalistin Karin Leukefeld natürlich auch, sicher eine der besten Syrien-Kennerinnen hierzulande.

Lüders, Scholl-Latour, Leukefeld, Meyer – allein diese vier Personen bringen weit mehr Syrien-Sachverstand auf die Waage als die gesamte „ARD-aktuell“-Redaktion, von der „Anne Will“-Redaktion ganz zu schweigen.

 

Lüders in bester Gesellschaft

Was Lüders in seinem neuen Buch schreibt, ist für jemanden, der sich möglichst breit und hin und wieder auch mal alternativ informiert, nicht neu. Neu ist es nur für diejenigen, die ihre Syrien-Informationen im Wesentlichen aus den pro-westlichen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF beziehen.

Lüders bietet in seinem Buch nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine konzise Zusammenfassung dessen, was viele renommierte Kritiker westlicher Syrien-Politik und –Berichterstattung ebenfalls (und eben so) sagen:

Patrick Cockburn und Robert Fisk zum Beispiel, die überragenden (und auf dieser Seite schon öfter gerühmten) Nah-/Mittelost-Korrespondenten des Londoner „Independent“ würden Lüders in allen wesentlichen Punkten zustimmen. Ebenso Charles Glass, langjähriger, intimer Syrien-Kenner und Autor des 2016 erschienenen Buches Syria Burning. Auch Joshua Landis, führender Syrien-Experte der USA und Leiter des Center for Middle East Studies an der University of Oklahoma. Natürlich auch Dr. Tim Anderson von der University of Sidney. Oder Professor Gary Leupp, Historiker und Religionswissenschaftler an der Tufts University. Und was Lüders sagt, das sagen so oder so ähnlich auch Journalisten wie Rick Sterling oder Robert Parry, Mike Whitney oder Pepe Escobar, John Pilger oder Tony Cartalucci. Um nur einige zu nennen.

Alle genannten Autoren mögen in diesem oder jenem Punkt unterschiedlicher Meinung sein, die Akzente hier und  da anders setzen, ihre Differenzen haben. Aber in einem sind sie sich einig. Sie alle bekämpfen das westliche Syrien-Narrativ, weil sie es für grob verzerrend und gefährlich halten. Michael Lüders steht also keineswegs allein, sondern befindet sich in bester Gesellschaft.

Hat man einen der soeben genannten Autoren einmal in einer deutschen Nachrichtensendung gesehen, als Interviewpartner? Was können uns die ARD-„faktenfinder“ darüber sagen?

Patrick Cockburns „Independent“-Berichte werden in Kürze erstmals in deutscher Sprache erscheinen. Aber nicht in einem großen, repräsentativen Verlag, wie man es erwarten müsste, sondern bei Promedia, einem kleinen, linken Verlag in Österreich. Auch das kein Zufall.

Das große Wort führen bei uns Leute wie Anne Will. Eine ganze Redaktion ist damit beschäftigt, ihr zuzuarbeiten, sie zu „briefen“. Trotzdem gibt sie sich in ihrer letzten Syrien-Sendung peinlichste Blößen und kann einem Gesprächspartner wie Michael Lüders intellektuell und argumentativ das Wasser nicht reichen. Was sie nicht davon abhält, ihren Gast auf unfaire, hinterhältige Weise zu attackieren.

Ganz schön heruntergekommen, dieser „Diskurs“. Keine Argumente – nur miese Tricks.

17 Kommentare zu „Keine Argumente – nur miese Tricks

  1. Das ist reiner Zufall, keine Absicht. Ich schätze Jürgen Todenhöfer sehr! Und man könnte, wie ich im Artikel ja auch feststelle, noch einige andere nennen, die sehr Erhellendes über Syrien geschrieben haben, die Briten Jonathan Steele oder Peter Oborne zum Beispiel.

    Gefällt mir

  2. Der Versuch des ‚Mundtotmachens“ kritschen Publizierens trifft mutmaßlich diejenigen, die nicht ’systemkonform‘
    kritisieren. Siehe auch den Umgang mit dem Vorwurf des Antisemitismus, der mittlerweile zu einer Art Herrschafts-
    instrument mutiert ist.

    Gefällt mir

  3. Sieh an, Herr Teusch ist komplett auf der Höhe des „alternativen“ Syrien-Wissens. Ich muss zugeben, dass mich diese Kompilation des latenten Mainstreamapostaten ein wenig überrascht, einen derart guten Überblick hätte ich selbst dem geschätzten Herrn Teusch nicht zugetraut. Vielen Dank, und bitte weiter so! Es muss gelingen, diese andere, wahrhaftige Syrien-Sicht sichtbarer zu machen.

    Ich nehme an, der äußerst lesenswerte Politico-Artikel von Robert F. Kennedy Jr. ist Ihrer Aufmerksamkeit ebenfalls nicht entgangen, Herr Teusch? Falls doch, sei er wärmstens empfohlen.
    http://www.politico.com/magazine/story/2016/02/rfk-jr-why-arabs-dont-trust-america-213601?o=1

    Gefällt mir

  4. Es ist wahrlich ein Genuss und eine Freude Ihre Beiträge zu lesen.
    Danke dafür.
    Mich erinnert diese Lüders Sache frappierend an Daniele Ganser.
    Ein völlig integerer Mann wurde über Jahre gezielt diffamiert. Nach den stetigen Angriffen gegen seine Person und seine wissenschaftliche Reputation ist von letzterer aus Mainstream-Perspektive so gut wie nichts mehr übrig. Faktisch hat man ihm den akademischen Boden beinahe komplett unter den Füßen weggezogen.
    Und wenn man ihn über einen längeren Zeitraum verfolgt hat, merkt man zweifellos wie sehr ihn das persönlich mitgenommen​ hat. Er schlägt sich aber durchaus wacker.
    Man kann nur hoffen, dass Lüders selbiges erspart bleibt. Gezielte Aufklärung, wie in Ihrem Artikel, sind dafür die Voraussetzung. Quasi eine wache und gut vernetzte sogenannte Gegenöffentlichkeit.

    Gefällt mir

  5. Wie dumm muss man sein, solche Persönlichkeiten wie Herrn Lüders einzuladen und zu glauben, sie während der Sendung mundtod machen zu können!!! Nicht zu wissen, dass die Wahrheit nur verdrängt, aber nicht bekämpft werden kann!!

    Gefällt mir

  6. Eine nette Polemik, Herr Teusch. Alleine schon die Aufzählung der Personen, die auf Serite von Lüders stehen würden, täte man sie denn fragen. Leider haben Sie das aber nicht getan, so daß Sie munter spekulieren können. Im Fall Scholl-Latour müssten wir es denn wohl mit einer Seance versuchen.

    Aber all diese Polemik, die bei der Beschreibung der angeblich ach-so-dummen Tagesschau-Kollegen ziemlich arrogant und auch niederträchtig daherkommt, hilft im zentralen Punkt nicht viel weiter:

    Es geht bei der Debatte eben nicht darum, das „westliche Syrien-Narrativ“ zu bekämpfen, sondern einzig allein darum, daß Lüders seine Vermutungen als Tatsachen deklarieren möchte. Während viele andere Experten nicht ausschließen möchten, daß die Türken Giftgas geliefert haben, verkauft uns Lüders das als eine nahezu gesicherte Erkenntnis. Während Seymour Hersh seine (umstrittenen) Quellen benennt und sich diese Aussagen nicht komplett zueigen macht, tut Lüders bei seinen Fernsehenauftritten so, als ob die Obama-Administration nachprüfbar etwas eingestanden hätte. Es geht hier also nicht um die politische Grundeinstellung, sondern schlichtweg ums journalistische Handwerk. Was das betrifft, ist Lüders zweifelsohne ein Blender und Trickser.

    Noch etwas zu Ihrem Spezi Günter Meyer aus Mainz. Der hat tatsächlich ein erstaunliches Mitgefühl für die russische Politik. Im September 2015 verkündete er u.a. diese Expertise:

    „Aber das, was vielfach in westlichen Medien auch von der Opposition verbreitet wird, dass nämlich Kampftruppen eingesetzt werden – es werden Luftfotos gezeigt von modernsten russischen Kampfflugzeugen, die überall aufgenommen worden sein können -, dieser direkte Einsatz russischer Piloten, russischer Kampftruppen, das ist eindeutig Propaganda. Es gibt nichts, was aus russischer Sicht so etwas unterstützen würde. Einerseits wäre es ohnehin illegal, innenpolitisch überhaupt nicht durchsetzbar, aus dem einfachen Grunde: Selbst bei der Frage Intervention in der Ostukraine haben zwei Drittel der Bevölkerung in Russland es abgelehnt, hier ihre Zustimmung zu geben. Und ein Militäreinsatz in Syrien mit Kampftruppen wäre völlig unsinnig und in Russland nicht durchzubringen, außerdem wenig effektiv.“

    Quelle: http://german.irib.ir/component/k2/item/289992-syrien-konflikt-nahostexperte-g-meyer-der-kreml-spielt-eine-konstruktive-rolle

    In Mainz haben „Kampagnen“ ja meist mit Karneval zu tun. Helau.

    Gefällt mir

    1. @Thorsten: „Es geht bei der Debatte eben nicht darum, das „westliche Syrien-Narrativ“ zu bekämpfen, sondern einzig allein darum, daß Lüders seine Vermutungen als Tatsachen deklarieren möchte.“

      Auszug aus einem Interview mit Lüders: http://www.nachdenkseiten.de/?p=37845
      „Q: Was heißt das nun? Weisen Sie die Kritik von „Faktenfinder“ zurück?

      A: Grundsätzlich ja, aber ich räume ein, dass ich in der Sendung „Markus Lanz“ vom 5. April nicht ausreichend hervorgehoben habe, dass auch meine Deutung der Ereignisse auf Indizien beruht. Letztlich ringen wir alle in einer extrem unübersichtlichen Lage um die Wahrheit. Das hätte ich klarer benennen müssen. Gleichwohl wundert mich, dass die Autoren nicht auf die eigentlich doch naheliegende Idee gekommen sind, mit mir das Gespräch zu suchen.
      Bemerkenswert finde ich das Ende des Artikels. Dort heißt es lapidar, dass die Aussage der Verteidigungsministerin bei „Anne Will“, der zufolge der UN-Bericht zum Giftgas-Einsatz 2013 die Schuldfrage kläre (Assad-Regime) „nicht zutreffend“ sei. „Und so geht der Kampf der Interpretationen weiter.“
      Mit anderen Worten: Die Ministerin sagt, wissentlich oder unwissentlich, die Unwahrheit. Ihre Falschaussage relativieren die Autoren jedoch unter Verweis auf einen „Kampf der Interpretationen.“

      Gefällt mir

  7. Lieber Herr Teusch, hätte ich früher gesehen, dass Sie ein Blog schreiben, wäre ich noch früher auf Ihre Seite gekommen!
    Tolle Zusammenfassung und Auswertung des aktuellen Trauerspiel um Michael Lüders. Gut, dass es noch Journalisten wie Sie gibt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s