Die fehlenden Teile der Geschichte

Zu Michael Lüders‘ Syrien-Buch

In der WDR 3-Literatursendung „Gutenbergs Welt“ habe ich am 30. April 2017 Michael Lüders‘ „umstrittenes“ Syrien-Buch Die den Sturm ernten besprochen. Hier der Beitrag zum Nachhören und -lesen. Das Audio beginnt mit einem O-Ton von Michael Lüders, es folgt die Anmoderation Walter van Rossums, dann die Besprechung.

Er wolle, schreibt Michael Lüders, „die fehlenden Teile der Geschichte“ erzählen, also: Informationen über den Syrienkrieg vermitteln, gleichsam nachreichen, die in der westlichen Politik, in den Medien bislang nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Gleich zu Beginn seines Buches greift er einen Fall auf, der jedem noch in Erinnerung sein dürfte: das Schicksal des kleinen Omran.

„Das Foto des […] Jungen wurde im August 2016 zur Ikone der Schlacht um Aleppo, genauer gesagt der Angriffe von Regierungstruppen auf Stellungen der ‚Opposition‘ im Ostteil der Stadt. Es zeigt das staubbedeckte, apathische Kind, auf einem Stuhl sitzend, das Gesicht blutverschmiert. Ein furchtbares Schicksal, jeder möchte Omran in den Arm nehmen und trösten. Kaum eine Zeitung, die das Bild nicht veröffentlicht hat.“

Über andere Teile dieser Geschichte haben die meisten Zeitungen hingegen nicht berichtet. Zum Beispiel über den Fotografen Mahmud Raslan. Kurz vor der Aufnahme seines berühmten Omran-Fotos hat er ein Selfie gepostet, das ihn grinsend mit Angehörigen einer Dschihadistenmiliz zeigt. Mit auf dem Bild sind zwei Männer, die vier Wochen zuvor einen zwölfjährigen Jungen für ein Propagandavideo enthauptet hatten.

Die Frage: Wer ist dieser Mahmud Raslan wirklich? Und was hat es mit dem „Aleppo Media Center“ auf sich, für das er gearbeitet hat und von dem westliche Medien während der Kämpfe viele ihrer Informationen bezogen?

Erschütternde Kinderfotos gibt es aktuell auch aus dem irakischen Mossul. Doch die zeigt man uns nicht. Warum wohl? Und warum wird der Kampf um Mossul medial ganz anders aufbereitet als der im Dezember letzten Jahres zu Ende gegangene Kampf um Aleppo?

Das Assad-Regime ist zweifellos repressiv und rücksichtslos; international sitzt es auf der Anklagebank. Doch warum erfreut sich das nicht minder repressive und rücksichtslose Regime in Saudi-Arabien, das zudem einen erbarmungslosen Krieg im Jemen führt, der ungebrochenen Freundschaft des Westens?

Wer solche Fragen stellt, wer sich vornimmt, den „anderen Teil der Geschichte“ zu erzählen – der erzählt am Ende eine ganz andere Geschichte. So auch Michael Lüders. Was sich in Syrien seit 2011, seit dem Beginn regierungskritischer Proteste, abspielt, hat aus seiner Sicht nur wenig mit der in westlichen Medien favorisierten Lesart zu tun.

„Das westliche Narrativ, die gesamte syrische Bevölkerung oder wenigstens doch die überwältigende Mehrheit hätte sich gegen Assad erhoben, ist eindeutig falsch. […] Auch ohne gesicherte Zahlen ist die Annahme realistisch, dass rund die Hälfte der Syrer nach wie vor hinter Assad steht.“

Diese Syrer tun das nicht aus Liebe zu Assads Regime, sondern weil sie wissen, wie die einzig derzeit mögliche Alternative aussähe: sie wäre nicht demokratisch, sondern islamistisch. Symptomatisch für diese Einstellung: Die mindestens fünf Millionen syrischen Binnenflüchtlinge retten sich nicht in die von Dschihadisten gehaltenen, sondern in die von der Regierung kontrollierten Zonen.

Das Assad-Regime hat 2011 mit unverhältnismäßiger Gewalt auf die Proteste reagiert; doch auch die Protestbewegung zeigte sich schon früh militant – und wurde zudem von dschihadistischen Kräften usurpiert. Und die Dschihadisten wiederum erhielten massive Unterstützung von außen. Die ersten Belege für umfangreiche Waffenlieferungen an die Rebellen stammen vom Oktober 2011. Genau hier liegt für Lüders die Crux des Syrien-Konflikts. Hätten die ausländischen Assad-Gegner nicht rigoros eingegriffen, wäre der syrische Aufstand schon bald in sich zusammengefallen oder vom Regime niedergeschlagen worden.

„Den Syrienkrieg mit all seinen dramatischen Folgen, den Hunderttausenden Toten, der beispiellosen Flüchtlingsbewegung und dem Terror radikaler Islamisten auch in Europa hätte es in dem Fall  nicht gegeben. […] Dieser Eingriff von außen hat die eigentliche Katastrophe erst maßgeblich ausgelöst.“

Und wohlgemerkt: Der fatale Eingriff von außen erfolgte nicht etwa, um das syrische Volk mit Freiheit, Demokratie und Menschenrechten zu beglücken. Vielmehr ging es, wie immer in der internationalen Politik, um Macht und Interessen. Das Syrien Assads galt dem Westen schon lange als Störfaktor. Mit einem von Washington betriebenen und von den Europäern unterstützen „Regime Change“ sollte das Land aus der schiitischen Achse herausgebrochen werden; damit wäre Iran geschwächt worden, natürlich auch Russland. Regionalmächte wie die Türkei, Saudi-Arabien oder Israel wollten ebenfalls von dem Sturz Assads profitieren.

Und wie immer ging und geht es um Ressourcen, konkret: um eine von den Golfstaaten und dem Westen favorisierte Erdgas-Pipeline, an der sich Syrien nicht beteiligen wollte; Assad entschied sich für ein alternatives, von Russland betriebenes Pipeline-Projekt.

Es gibt im Westen nicht wenige journalistische und wissenschaftliche Syrien-Beobachter, die schon seit langem so oder so ähnlich argumentieren wie Lüders – und auch in seinem Buch des Öfteren zitiert werden. Bislang ist es den Vertretern dieser alternativen Sichtweise allerdings nicht gelungen, die Verfechter des etablierten Syrien-Narrativs in Bedrängnis zu bringen. Michael Lüders‘ Buch könnte das ändern. Denn es verspricht – wie schon das Vorgängerwerk „Wer den Wind sät“ – zu einem enormen Publikumserfolg zu werden.

Gegenwärtig heulen zwar einige Medien getroffen auf und teilen kräftig gegen Lüders aus. Doch das scheint dem Buch nur noch größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Und am Ende, so ist zu hoffen, werden sich ohnedies die besseren Argumente durchsetzen.

Ein Kommentar zu „Die fehlenden Teile der Geschichte

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