Tagesschau

Ein neues Buch über die umstrittene ARD-Informationssendung

Es ist schon zwei, drei Jahre her. Mit einem guten alten Freund verabredete ich mich per Email auf ein längeres abendliches Telefonat. „Ist Viertel nach acht okay“, fragte er, „ich ruf Dich an!“ „Ja, prima, ich freu mich!“ Zur vereinbarten Stunde saß ich bereit. Doch das Telefon stand still. Die Zeit verging. Hatte er mich vergessen? War ihm etwas dazwischen gekommen? Sollte ich einfach die Initiative ergreifen und mich melden?

Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, gegen halb zehn, klingelte es. „Du, tut mir furchtbar leid. Ich hatte mir noch die Tagesschau angesehen und bin doch tatsächlich während der Sendung eingeschlafen, gerade eben erst wieder aufgewacht.“ „Ach, kein Problem. Ich kenne das, ist mir auch schon passiert.“

Nein, die Tagesschau ist nicht unbedingt das, was man als einen Muntermacher bezeichnen würde. In formaler Hinsicht wirkt sie auf den Betrachter eher betulich und altbacken, ist jedenfalls weit davon entfernt, die vielen, aufregenden Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, die einer Fernseh-Nachrichtensendung heutzutage zur Verfügung stehen. Dieses konservative Erscheinungsbild könnte man verschmerzen, wenn denn die inhaltliche Ebene eine Entschädigung böte. Aber genau das tut sie nicht – wie man dem gerade erschienenen Buch „Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau“ entnehmen kann:

„Die Tagesschau gilt als eine Art amtliche Vermittlung von Neuigkeiten. Selbst Gegner dieser Sendung müssen das Format beachten: Nach den jeweiligen 15 Minuten weiß man, was die Regierung über dieses oder jenes Ereignis denkt, weiß man, was die Republik denken soll, und auch, was nicht zu denken gewünscht ist. Denn an manchen Tagen ist es interessanter zu sehen, was die Tagesschau nicht sendet, als jenen Ausschnitt von Nachrichten aufzunehmen, den die Redaktion den Gebührenzahlern zustellt.“

So schreiben es die Autoren Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer und Uli Gellermann. Anders ausgedrückt: Die Tagesschau hat einen „offiziösen“ Charakter, sie scheint eher darum bemüht, Frau Merkel gnädig zu stimmen als meinen eingangs erwähnten Freund  – vielleicht ein Grund, warum er an besagtem Abend eingenickt ist.

Die für die Sendung tätigen ARD-Auslandskorrespondenten gefallen sich oft darin, die Medien anderer Länder in bestimmte Kategorien einzuordnen. „Wie aus den russischen Staatsmedien verlautete…“, heißt es da zum Beispiel, oder: „Wie die regimetreue Tageszeitung XY behauptete…“ Und wie steht’s mit der Tagesschau? Wie wäre sie zu klassifizieren? Neutral? Objektiv? Unabhängig? Oder müsste es heißen: „Wie die regierungsnahe ARD-Nachrichtensendung Tagesschau berichtete…“, „Die pro-westliche ARD-Informationssendung Tagesschau meldet…“

Oder sollte man einfach sagen: „Die umstrittene Nachrichtensendung Tagesschau…“ Das wäre mit Sicherheit nicht falsch. Denn umstritten ist sie, die Tagesschau, das geben selbst ihre Macher zu – und sie leiden darunter.

Volker Bräutigam war einst, in besseren Zeiten, Redakteur der Tagesschau. Friedhelm Klinkhammer gehörte zu Bräutigams Kollegen bei der ARD-Anstalt NDR, dem Produzenten der Sendung. Und Uli Gellermann verantwortet die Website „Rationalgalerie“; dort wurden und werden u.a. die vielen formellen Programmbeschwerden dokumentiert, die Bräutigam und Klinkhammer in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht haben. 27 dieser insgesamt ca. 200 Beschwerden sind im Mittelteil des Buches abgedruckt.

Eine interessante Lektüre! Als unvoreingenommener Leser muss man sagen: Ja, diese Beschwerden haben Hand und Fuß, sie sind wohlbegründet, sie legen den Finger auf so manche Wunde. Und doch, erfolgreich war keine. Sie alle wurden abschlägig beschieden. Das ist mehr als erstaunlich. Selbst wenn man hier und da anderer Auffassung sein mag als die Beschwerdeführer, selbst man wenn verstehen kann, dass den Verantwortlichen, also etwa „ARD-aktuell“-Chef Kai Gniffke, solch dezidierte Kritik höchst unangenehm ist und sie dazu neigen, sie als unbegründet abzutun – selbst dann sagt einem der gesunde Menschenverstand, sagen einem die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, dass doch wenigstens hier und da in den Beschwerden ein Körnchen Wahrheit zu finden sein müsste. Warum reagieren die Betroffenen so rigide, warum erkennen sie die Kritik nicht wenigstens ab und zu, nicht wenigstens partiell an? Warum haben die Kritiker nie eine Antwort erhalten, die wie folgt lautet?

„Ihre Programmbeschwerde als solche weisen wir zurück. Gleichwohl räumen wir ein, dass die von Ihnen unter Punkt 3 und 4 geltend gemachten Einwände triftig sind. Wir haben es in der Tat versäumt, die von Ihnen erwähnten Aspekte angemessen in unserer Darstellung zu berücksichtigen; zudem ist die von unserem Korrespondenten vorgenommene Bewertung des in Rede stehenden Ereignisses vor dem Hintergrund der von uns nicht berücksichtigten Informationen angreifbar und problematisch. Wir bedauern das sehr, versichern Ihnen aber, dass dies nicht absichtsvoll geschehen ist und werden uns in Zukunft noch stärker darum bemühen, die von Ihnen zu Recht angemahnten journalistischen Qualitätsstandards zu erfüllen.“

So etwas liest man nie. Die Standardantwort auf Programmbeschwerden sieht vielmehr so aus:

„(…) mit Schreiben vom 10.07.2015 hatten Sie sich mit der oben genannten Programmbeschwerde an den Rundfunkrat des Norddeutschen Rundfunks gewandt und einen Verstoß gegen den NDR-Staatsvertrag geltend gemacht.

Der Rundfunkrat hat sich in seiner Sitzung am 04.12.2015 mit Ihrer Beschwerde befasst. Dem vorangegangen war eine ausführliche Beratung im Programmausschuss am 03.11.2015. Nach intensiver Diskussion und sorgfältiger Prüfung des Sachverhalts weist der Rundfunkrat Ihre Programmbeschwerde zurück. Der Rundfunkrat konnte keinen Verstoß gegen die geltenden Grundsätze der Programmgestaltung gemäß NDR-Staatsvertrag feststellen.

Im Übrigen bittet Sie der Rundfunkrat, künftige Programmbeschwerden sachlich zu formulieren und auf Polemik zu verzichten.

Mit freundlichen Grüßen (…)“

Der Fairness halber muss man zugeben: Die Tagesschau ist nicht immer abwiegelnd, harmonisierend, einschläfernd. Sie kann auch anders. Wenn hinter dem Sprecher oder der Sprecherin etwa das Bild des finster dreinblickenden russischen Präsidenten aufleuchtet, weiß der routinierte Tagesschau-Zuschauer, dass Gefahr im Verzug ist. „Mein Gott“, fragt er sich, „was hat er jetzt schon wieder angestellt?“ Und „ARD-aktuell“ liefert zuverlässig. Zweieinhalb Minuten später weiß die eine Hälfte des Publikums, warum  Putin nicht zu trauen ist, und die andere Hälfte, warum der Tagesschau nicht zu trauen ist.

Wird sich je etwas ändern? Können Programmbeschwerden helfen? Aus heutiger Sicht ist damit nicht zu rechnen. Sei’s drum. Bräutigam und Klinkhammer werden weiter ihre Eingaben schreiben und so tun, als hätten sie die Hoffnung, damit irgendetwas bewirken zu können, obwohl sie diese Hoffnung sicherlich längst aufgegeben haben. Und der „ARD-aktuell“-Chef wird im Verbund mit dem NDR-Rundfunkrat (oder anderen Rundfunkräten) auch zukünftig die Programmbeschwerden samt und sonders zurückweisen und so tun, als hätte er sie zuvor in allem Ernst und aufs Gewissenhafteste geprüft.

So sieht sie aus, die Kommunikation zwischen den Programmverantwortlichen und ihren Kritikern. Ob wohl ein Machtwort der Kanzlerin helfen könnte?

 

Uli Gellermann / Friedhelm Klinkhammer / Volker Bräutigam: Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau. Papyossa Verlag, 173 Seiten, € 13,90

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