Wahrheitspresse

Patrick Cockburns Reportagen aus dem Nahen und Mittleren Osten

Jeder weiß – oder sollte wissen: Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit. Nicht nur die Militärmaschinerien laufen auf Hochtouren, auch die Propagandaapparate tun es. Und nicht nur die jeweiligen Kriegsparteien verbiegen nach Kräften die Wirklichkeit, auch die Medien sind mit von der Partie, mal mehr, mal weniger.

Der Krieg in Syrien ist ein besonders drastischer Fall. Einseitige, verzerrende Berichterstattung und die Verbreitung fingierter, fabrizierter Nachrichten haben in diesem Konflikt ein Ausmaß angenommen, wie man es seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Das sage nicht ich. Das sagt der vielleicht renommierteste Auslandskorrespondent unserer Zeit, der irische Journalist Patrick Cockburn.

Cockburn berichtet für die liberale britische Tageszeitung Independent seit vielen Jahren vornehmlich aus Syrien und dem Irak. Zusammen mit seinem in Beirut ansässigen legendären Independent-Kollegen Robert Fisk zeichnet er ein Bild der Kriege und Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, das sich grundlegend und wohltuend von der Berichterstattung fast aller anderen Mainstream-Medien der westlichen Welt unterscheidet. Jetzt ist im kleinen österreichischen Verlag Promedia eine Auswahl seiner zahlreichen Artikel und Reportagen aus den letzten 20 Jahren in deutscher Sprache erschienen. Pflichtlektüre für alle, die sich ein umfassendes und der komplexen Realität gerecht werdendes Bild verschaffen wollen.

Vor- bzw. nachgestellt sind den Texten ausführliche Einleitungen sowie eine Schlussbetrachtung Cockburns, in denen er seine Arbeiten aus heutiger Perspektive reflektierend Revue passieren lässt. Die Beiträge selbst sind unverändert geblieben, lediglich hier und da gekürzt. Das garantiert ein Höchstmaß an Authentizität. Dass Cockburn all diese Reportagen nach so vielen Jahren unverändert der Öffentlichkeit präsentieren kann, spricht Bände. Es zeigt, dass er nichts zurückzunehmen hat, dass seine Urteile, Einschätzungen und Prognosen sich als stichhaltig erwiesen haben.

Cockburns vorbildlicher, ebenso aufklärender wie aufklärerischer Journalismus kommt nicht von ungefähr: Dieser Mann verfügt über eine überragende Kompetenz, enorme historische Kenntnisse, zahllose Kontakte und Informationsquellen vor Ort. Und er berichtet so gut wie nie vom bloßen Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung. Auf der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit scheut er sich nicht, immer wieder dorthin zu gehen, wo es lebensgefährlich ist. Dazu kommt seine unbezweifelbare persönliche Integrität. All das zusammen garantiert einen Journalismus der Extraklasse. Mehrfach während der Lektüre entfuhr mir der Stoßseufzer: Würden doch nur alle Journalisten so arbeiten wie Cockburn – unsere Welt sähe womöglich anders aus!

Im Rahmen einer kleinen Rezension lassen sich die Vielgestaltigkeit und der Gedankenreichtum dieses Journalismus nicht angemessen wiedergeben. Daher an dieser Stelle nur einige Hinweise:

Die Texte sind chronologisch angeordnet und in vier große Abteilungen untergliedert. Zunächst geht es um die „Besatzung des Irak“, sodann um den „Arabischen Frühling“ sowie um „Revolution und Gegenrevolution in Syrien“, schließlich um die „Geburt eines Kalifats“. Im Folgenden einige Beispiele für Cockburns Journalismus, alle der ersten Abteilung des Buches entstammend, also den Entwicklungen im Irak:

Heute schon fast vergessen, hatte die UN 1990 Sanktionen gegen den Irak verhängt. Sie währten dreizehn Jahre, bis zur US-geführten Invasion des Landes 2003. Diese Invasion, so Cockburn, habe den irakischen Staat und seine Armee zerstört, doch zuvor hätten schon die verheerenden Sanktionen die Gesellschaft und Wirtschaft des Landes zugrunde gerichtet. Vermutlich haben die Sanktionen mehr Iraker getötet als irgendeiner der folgenden Kriege. Am 21. April 1998 berichtet Cockburn:

„Versteckt im Süden der Hauptstadt [Bagdad] kämpfen das Krankenhaus al-Kathib – und direkt daneben das TBC-Krankenhaus Ibn-Zuhr – mit Infektionskrankheiten, die vor dem UN-Embargo im Irak eine Seltenheit waren. Acht Jahre später sind Masern, Typhus, Meningitis, Diphterie und sogar Polio [Kinderlähmung] ganz normal. Das Wiederauftauchen dieser Krankheiten ging einher mit der Mangelernährung. Dr. Obtusi erklärt: ‚Wir haben nun oft Kinder mit Verbreiterungen des Handgelenks, das bedeutet Rachitis oder Calciummangel, was wir nur aus Lehrbüchern kannten.‘ In Bagdad bestätigt Dr. Nada al-Ward, ein Experte der Weltgesundheitsorganisation, die medizinischen Konsequenzen von extremer Mangelernährung. ‚In den Jahren 1989/90 lag die Zahl der Babys, die in den ersten zwölf Lebensmonaten starben, im Irak bei 36,5 von 1000. Mittlerweile hat sich die Zahl mehr als verdreifacht, auf 120 von 1000.‘“

Am 8. August 1998 berichtet Cockburn:

„Keiner der Chefs der UN-Agenturen in Bagdad, mit denen ich sprach, äußerte den leisesten Zweifel daran, dass das gegenwärtige Embargo eine Katastrophe ist. Im Westen waren es – vor dem zweiten Golfkrieg 1990/91 – ironischerweise die ‚Tauben‘, die Sanktionen forderten, und die ‚Falken‘, die nach Bomben riefen. Der Irak hat beides erlebt. Acht Jahre später haben sich die Sanktionen als die grausamere Option erwiesen, die weit mehr Iraker getötet hat als die Bomben.“

Etwa eine halbe Million Kinder sind den Sanktionen zum Opfer gefallen. Bekanntlich stand Joschka Fischers Busenfreundin, die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright, nicht an, dieses barbarische Verbrechen auch noch zu rechtfertigen. Gegenwärtig leidet Iraks Nachbar Syrien unter einem erbarmungslosen westlichen Sanktionsregime. Patrick Cockburn gehört zu den ganz wenigen Journalisten, die die verheerenden Folgen öffentlich gemacht und angeprangert haben.

Am 20. März 2003 dann die völkerrechtswidrige Invasion der US-geführten Koalition in den Irak. Schon wenige Wochen später, am 28. April, schreibt Cockburn:

„In ihrer aktuellen Siegerlaune zeigen George W. Bush und Tony Blair keinerlei Anzeichen dafür, dass sie sich über Tiefe und Ausmaß des Morastes im Klaren sind, in den sie sich begeben haben.“

Und am 11. September 2003, zwei Jahre nach den Anschlägen in den USA, heißt es prophetisch:

„Die Angriffe aus dem Hinterhalt gegen amerikanische und britische Truppen werden von einer ganzen Reihe unterschiedlicher Gruppen ausgeführt, aber es gibt klare Hinweise, dass ehemalige Mitglieder von Saddams Sicherheitskräften Kontakt suchen mit islamistischen Aktivisten aus dem Ausland. Die Bombenangriffe werden tödlicher und sind zunehmend besser organisiert. Die USA mögen zwar, wie Vizepräsident Cheney behauptete, einige Terroristenführer gefangen nehmen, aber das Chaos im Irak bringt tagtäglich neue hervor. Tatsache ist, dass – was immer auch behauptet wird – die USA und Großbritannien den Krieg gegen den Terror nicht gewinnen.“

Und schließlich, am 24. Juli 2005, berichtet Cockburn:

„Der Krieg im Irak steht nun in einer Reihe mit dem Burenkrieg von 1899 und der Suezkrise von 1956 als unüberlegten Unternehmungen, die Großbritannien mehr schadeten als nützten. Erwiesenermaßen stärkte er al-Qaida, indem er der Terrorgruppe ein riesiges Reservoir an Aktivisten und Sympathisanten in der gesamten muslimischen Welt erschloss, das sie vor der Invasion von 2003 nicht gehabt hatte. Der Krieg, der begonnen hatte als Demonstration der Stärke der USA, der einzig verbliebenen Supermacht der Welt, hat sich in eine Demonstration ihrer Schwäche verwandelt.

Die Kampagne der Selbstmordanschläge im Irak ist einzigartig. […] Der Irakkrieg hat einen bedeutenden Teil der muslimischen Welt radikalisiert.

Die scharfen Dementis seitens Tony Blairs und Jack Straws [damaliger britischer Außenminister], wonach die Feindseligkeit gegenüber dem Einmarsch im Irak keine Motivation der Attentäter sei, sind erwiesenermaßen unwahr.“

Diese Beispiele mögen genügen. Sie zeigen: Patrick Cockburn gehört weder zur Lügen- noch zur Lückenpresse. Er ist, soweit das einem Einzelnen überhaupt möglich ist, ein Vertreter der Wahrheitspresse. Gut, das Promedia diese Texte in deutscher Sprache herausgebracht hat. Jetzt müssen sie nur noch viele Leserinnen und Leser finden.

 

Patrick Cockburn: Chaos und Glaubenskrieg. Reportagen vom Kampf um den Nahen Osten. Promedia Verlag, 263 Seiten, € 19,90

PS Die NachDenkSeiten brachten am 1. Juni 2017 ein interessantes Interview von Marcus Klöckner mit Patrick Cockburn – hier nachzulesen.

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