Dumm gelaufen

Jeremy Corbyn und die Medien

Am 14. August 2016 hatte ich auf dieser Seite einen Beitrag veröffentlicht, der sich kritisch mit der Berichterstattung britischer Medien über den Vorsitzenden der Labour Party, Jeremy Corbyn, beschäftigte. Der Parteilinke Corbyn war zum Entsetzen der Anhänger des früheren Labour-Chefs Tony Blair im September 2015 per Urwahl und mit eindrucksvoller Mehrheit in sein Amt gewählt worden. Seine politischen Gegner haben sich mit dieser basisdemokratischen Entscheidung nie abgefunden und ihr Möglichstes getan, Corbyn das Leben schwer zu machen und ihn zum Scheitern zu bringen. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei von den Mainstream-Medien des Landes, die Corbyn vom ersten Tag an keine Ruhe ließen und alles daran setzen, ihn niederzuschreiben.

Jeremy Corbyn als Medienopfer – das war kein bloß subjektiver Eindruck meinerseits, sondern wurde im Sommer 2016 durch zwei wissenschaftliche Untersuchungen überzeugend belegt. Die beiden Studien (die eine von der London School of Economics, die andere von der „Media Reform Coalition“ in Zusammenarbeit mit Birkbeck/University of London) ließen keinen Zweifel: Die betont-einseitige, Corbyn-feindliche Berichterstattung und Kommentierung ist inakzeptabel und eine Gefährdung demokratischer Prozesse.

Bei den jüngsten Parlamentswahlen in Großbritannien (8. Juni 2017) dann die große Überraschung: Gegen eine beinahe geschlossene Medienfront gelang es Corbyn und seinen Mitstreitern, ein überragendes Ergebnis zu erzielen. Es hätte nicht viel gefehlt und die amtierenden Konservativen wären aus der Regierung verdrängt worden.

Was lernen wir daraus? Zunächst: Die Medien lagen, wieder einmal, falsch. Und wieder einmal zeigte sich, dass die Fähigkeit des medialen Mainstreams, die öffentliche Meinung zu formen, einem Erosionsprozess ausgesetzt ist.

Das Frappierende an der inzwischen beinahe zwei Jahre währenden Anti-Corbyn-Kampagne lag darin, dass sich an ihr maßgeblich auch Medien beteiligten, die sich viel auf ihre angebliche Neutralität und Objektivität zugutehalten (ich meine die BBC), und auch solche, die der Labour Party politisch nahestehen. Insbesondere das Flaggschiff des britischen Mediensystems, der linksliberale Guardian, machte aus seiner Abneigung gegen Corbyn nie einen Hehl.

Wie soll man es bewerten, dass der Guardian nun, da sich der Wind gedreht hat, seinen Ton mäßigt und erste vorsichtige Schritte unternimmt, um Corbyn Abbitte zu leisten? Demonstriert er damit so etwas wie Lernfähigkeit, journalistische Redlichkeit? Sollen kritische Guardian-Leser jetzt all das, was sich in den vergangenen beiden Jahren abgespielt hat, einfach vergeben und vergessen?

Die Macher der Website fivefilters.org setzen dem ein entschiedenes Nein entgegen. Nichts wird vergeben, nichts vergessen. Die Rezipienten sind aufgefordert, aus dem, was gewesen ist, zu lernen und ihre Schlüsse zu ziehen.

Damit auch wirklich nichts in Vergessenheit gerät, hat fivefilters.org die „Highlights“ der Anti-Corbyn-Invektiven des Guardian zusammengestellt. Die Sammlung ist keineswegs vollständig, listet nicht alles auf, was die Zeitung sich hat einfallen lassen, um dem ungeliebten Labour-Chef den Garaus zu machen. Aber die aufgeführten Beispiele genügen völlig. Wer das liest, reibt sich die Augen: Das also ist die führende britische Tageszeitung! So ist sie über fast zwei Jahre mit dem Chef der mitgliederstärksten Partei des Landes umgesprungen!

Im Vorfeld der Unterhauswahlen, als sich abzeichnete, dass Labour ein wesentlich besseres Ergebnis erzielen würde als von vielen erwartet, begann beim Guardian das Tauwetter. Am 1. Juni 2017 zum Beispiel veröffentlichte die junge (freie) Mitarbeiterin Rhiannon Lucy Cosslett einen Artikel, in dem sie offenbarte, dass sie schon länger mit Corbyns Politik sympathisiere – und das jetzt auch öffentlich bekennen wolle!

Ist das nicht wahrhaft couragierter Journalismus?

Ein früherer Guardian-Mitarbeiter, der im israelischen Nazareth lebende Jonathan Cook, hat sich von Cossletts Artikel zu einer sarkastischen Abrechnung mit der Arbeit seiner einstigen Kollegen inspirieren lassen. Wie muss wohl die Stimmung in der Redaktion des Guardian gewesen sein, fragt er, wie muss es um die journalistische Freiheit in dieser Redaktion gestanden haben, dass Frau Cosslett erst jetzt, gleichsam in letzter Minute, all ihren Mut zusammen nimmt und sich als Corbyn-Sympathisantin outet?

„I worked at the Guardian myself for many years. I know the atmosphere in the newsroom only too well. I can imagine it was hard to contradict all those older, ‘wiser’ heads further up the Guardian hierarchy. I wonder how many of the other young staff felt equally frightened to speak up over the past two years.”

Cook begrüßt zwar nachdrücklich, dass Cosslett ihren Artikel geschrieben hat. Aber in der Tatsache, dass die Guardian-Schleusenwärter ihn ausgerechnet jetzt haben passieren lassen, erkennt er einen Akt des Zynismus. Fast zwei Jahre hat sich die Zeitung in ideologischer Verbohrtheit gefallen – und nun schickt sie eine junge Kollegin vor, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Zwei Jahre hat sie Cosslett und andere Kollegen nicht zu Wort kommen lassen (bzw. eine innerredaktionelle Stimmung erzeugt, in der niemand sich traute, aufzubegehren), und erst jetzt, da die Karten neu gemischt werden, entschließt sie sich, ein wenig von jener Liberalität zu praktizieren, die ihr schon früher gut zu Gesicht gestanden hätte.

Too little, too late, muss man da wohl sagen.

3 Kommentare zu „Dumm gelaufen

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