RussiaGate 1918/19

Die deutsche Angst vor „russischen Zuständen“

Es gibt Bücher, nach deren Lektüre man nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen kann. Sie lassen einen nicht los. Dem noch jungen, 1981 geborenen Historiker Mark Jones ist ein Werk dieses Kalibers gelungen. Am Anfang war Gewalt heißt es, erschienen ist es im Propyläen Verlag. Jones beschreibt in bislang nicht gekannter Eindringlichkeit die Geburtsphase der Weimarer Republik, die Monate vom November 1918 bis zur Mitte 1919. Was damals geschah, ist im historischen Bewusstsein der Deutschen allenfalls bruchstückhaft präsent. In dieser hochdramatischen Phase der deutschen Geschichte galt: Politik war Gewalt und Gewalt war Politik.

Die vom ersten bis zum letzten Satz packende Untersuchung erinnert in formaler Hinsicht an die Darstellungskunst des großen Sebastian Haffner. Inhaltlich schildert und erklärt sie auf breitester Quellenbasis, warum der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Novemberrevolution noch weitgehend unblutig abliefen, es dann jedoch ab Dezember 1918 zu sich steigernden Gewaltexzessen gekommen ist.

Ich werde Jones‘ Buch zu einem späteren Zeitpunkt auf dieser Seite ausführlich vorstellen. Heute will ich mich auf einen besonderen Aspekt beschränken, den ich, würden wir in anderen Zeiten leben, vielleicht „überlesen“ hätte. Denn es geht in der Studie immer wieder um zwei Dinge: um die (tatsächliche) Rolle der Medien und die (angebliche) Rolle der Russen.

Zu den zahllosen Quellen, die Jones für sein Buch auswertete, gehören auch über 60 deutsche Zeitungen. Wie agierten sie im sich aufheizenden politischen Klima kurz nach dem Weltkrieg? Jones‘ Antwort fällt eindeutig aus. Schon auf Seite 69 verwendet er den heute so modischen Begriff „fake-news“. Die Medien, egal welcher Couleur, taten so gut wie nichts, um Fakten zu klären, zu versachlichen, die Wogen zu glätten. Stattdessen gossen sie Öl ins Feuer und unternahmen so einiges, um die im Land kursierenden wilden, haarsträubenden Gerüchte, die verbreiteten Ängste, Imaginationen und Autosuggestionen als real und wohlbegründet hinzustellen.

Die allermeisten Medien ergriffen einseitig und zum Teil hochgradig tendenziös Partei für die „Ordnungsmächte“, also für die in Berlin regierenden Mehrheitssozialdemokraten und ihre Verbündeten im Militär und unter den rechtsnationalistischen Freikorps-Verbänden. Deren Gegenspieler, die weiter links angesiedelten Unabhängigen Sozialdemokraten und der kommunistische Spartakusbund, wollten die Revolution in eine sozialistische Richtung weitertreiben, konnten sich aber lediglich auf die parteieigenen Medien stützen.

Selbstverständlich kannte man auch damals schon den bis heute beliebten Propagandakniff, die innenpolitischen Gegner als Hilfstruppe, als fünfte Kolonne des außenpolitischen Widersachers zu diffamieren. In Deutschland hieß der Vorwurf: Die linke Opposition wird von Russland inspiriert und munitioniert.

Kurze Rückblende: Ein Jahr vor der deutschen Novemberrevolution hatten in Russland Lenins Bolschewiki die Macht an sich gerissen. Es folgte ein mehrjähriger Bürgerkrieg, inklusive ausländischer Interventionen. Deutschland diktierte der noch schwachen russischen Regierung in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag und beließ etwa eine Million deutsche Soldaten im östlichen Europa, um seine territoriale Kriegsbeute zu sichern.

Viele dieser Soldaten konnten die russischen Umwälzungen und den Bürgerkrieg aus der Nähe miterleben; einige beteiligten sich an den Kämpfen oder gerieten unter Beschuss. An der Schwarzmeerküste zum Beispiel kam es zu einem bolschewistischen Angriff auf deutsche Truppen, dem 39 Männer zum Opfer fielen; die Deutschen ließen als Vergeltung 2.000 bolschewistische Gefangene erschießen.

Was die deutschen Medien ihrem Publikum in Reportagen und Berichten aus Moskau oder Sankt Petersburg zu vermelden hatten, versetzte viele Deutsche in Angst und Schrecken. Die russische Revolution, so erfuhren sie, war gleichbedeutend mit Chaos und Terror, mit Mord, Plünderungen und Hunger. Schon bald machte das Wort von den „russischen Zuständen“ die Runde.

Als enormes Gefahrenpotential wurden die (mindestens) 1,4 Millionen unterernährten russischen Kriegsgefangenen wahrgenommen, die sich auf deutschem Boden befanden. In ihnen witterte man eine tickende Zeitbombe, eine Bürgerkriegsarmee im Wartestand, die jederzeit in Aktion treten und Deutschland zur proletarischen Diktatur umfunktionieren konnte.

Kein einzelner Mensch wurde in dieser historischen Phase derart dämonisiert wie der Spartakisten-Führer Karl Liebknecht. Im Oktober 1918 aus der Haft entlassen, hatte er in den Folgemonaten versucht, seiner politischen Gruppierung eine Massenbasis zu verschaffen. Obwohl ihm das zu keiner Zeit gelungen ist, galt er vielen Deutschen als eminente Gefahr. Mit medialer Hilfe wurde er zum überlebensgroßen nationalen Anti-Helden stilisiert, zu einem Mann, der angeblich über exorbitante Machtmittel verfügte. So wurde ihm angedichtet, er befehlige eine Geheimarmee von 30.000 Mann; später war sogar von 100.000 Mann die Rede.

Die Deutsche Zeitung sah in Liebknecht den „Dämon der Revolution“ und einen Fanatiker, der in seinen Reden „die R in ‚revolutionär‘ abschnurrt und die letzten Silben in Berliiiin und Diktatuuuuur endlos gedehnt hinaussingt, wie ein Muezzin vom Minarett hinab sein gottbegeistertes Allah!“

Selbst der im Allgemeinen besonnene Harry Graf Kessler schlug in diese Kerbe: Er verglich „die Welle des Bolschewismus, die von Osten kommt“ mit der „Überflutung durch Mohammed im siebten Jahrhundert“.

Liebknecht galt vielen als Inkarnation einer russischen Einmischung in deutsche Angelegenheiten. Die Fäden liefen angeblich in der russischen Botschaft in Berlin zusammen. Über die Botschaft würde per Diplomatenpost gefährliches bolschewistisches Propagandamaterial nach Deutschland geschleust. Natürlich seien auch Waffen dabei. Als am Bahnhof Friedrichstraße wieder einmal aus Russland stammende Kisten verladen wurden, brach eine von ihnen auf und bestätigte, wie deutsche Agenten zu berichten wussten, die schlimmsten Befürchtungen. Die Konsequenz: Der deutsche Botschafter wurde aus Moskau abberufen, die russische Botschaft in Berlin geschlossen, das Personal ausgewiesen. RussiaGate 1918/19.

„In einem Chor der Empörung“, schreibt Jones, „beschuldigte die deutsche Presse den bolschewistischen Botschafter Joffe (der Jude war), mit verschwörerischen Mitteln die Revolution herbeiführen zu wollen, und warnte, Deutschland stehe an der Schwelle zu einer gefährlichen Spirale der Gewalt. Selbst die liberale Frankfurter Zeitung zeigte sich befremdet. Das Blatt, das bis 1914 zu den wichtigsten kritischen Stimmen gegen den Antisemitismus im kaiserlichen Deutschland gehört hatte, erklärte jetzt, die Erkenntnisse der politischen Polizei bestätigten den alten Verdacht, dass ‚Juden‘ im Zusammenwirken mit der russischen Botschaft die Verbreitung gefährlichen Materials förderten.“

Major Gustav Böhm, ein Beamter im preußischen Kriegsministerium, glaubte zu wissen, dass Liebknecht, die Spartakusgruppe und mehrere russische Bolschewisten „fieberhaft“ auf einen Umsturz hinarbeiteten. „Unter [Liebknechts] Fahne sammelt sich ein übles Gesindel von Verbrechern und Fahnenflüchtigen, dem er 20 M[ark] pro Kopf und Tag zahlen soll“, so Böhm. Das Geld sei „offensichtlich russischen Ursprungs“. Und weiter: „Es ist eine Organisation zur Beseitigung der Offiziere gebildet [worden]. Das Bürgertum wird planmäßig entwaffnet und das ganze Reich mit einem Netz von Spartakuszellen überzogen.“

Theodor Wolff, der Chef des einflussreichen Wolffschen Telegraphenbüros, behauptete, Liebknecht und sein Genosse Georg Ledebour hätten „die entwendeten Maschinengewehre und Handgranaten, das russische Geld, einige Häupter der ‚Sicherheitsbehörden‘ [und] die unreifsten Elemente unter den heutigen Kasernenbewohnern“ auf ihrer Seite.

Böhm und Wolff waren nicht die einzigen, die eine Massenpanik schürten. Mark Jones:

„Viele glaubten, jede Menge russisches Geld ströme nach Berlin und helfe, den Aufstand zu finanzieren. Auf Plakaten wurden die Spartakisten beschuldigt, russischen Methoden nachzueifern. Ein Gerücht wollte wissen, in Berlin seien bis zu tausend russische Bolschewisten, verkleidet als uniformierte deutsche Soldaten, unterwegs. Eine konservative Zeitung äußerte die Vermutung, die Spartakisten seien im Besitz von mehr als 20.000 Gewehren.“

Antirussische und antibolschewistische Ausfälle, dazu antisemitische und antimuslimische – und das alles gut vermengt: So kreiert man Feindbilder!

Feindbilder, also die Dämonisierung und Entmenschlichung des politischen Gegners, senken die Hemmschwellen, erleichtern die Gewaltanwendung, fordern sie geradezu heraus. So auch hier:

Als sich Regierungstruppen daran machten, den Berliner „Januaraufstand“ 1919 niederzuschlagen, stieg die Zahl der Opfer dramatisch an; unter den Ermordeten waren Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Auch in der Garde-Dragoner-Kaserne wurde ein Blutbad angerichtet: „Obwohl unter den Erschossenen kein einziger Russe war, brüllten die Soldaten, als sie den ersten der Gefangenen töteten, ‚Russenschwein‘ und andere Beschimpfungen.“

Ausgelöst hatte den „Aufstand“ (der nicht wesentlich über die Besetzung einiger Verlagsgebäude und Störungen des Zugverkehrs hinauskam) eine Solidaritätsdemonstration für den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Er gehörte zum linken Flügel der USPD und war den Regierenden ein Dorn im Auge; sie wollten ihn loswerden.

Eichhorn wurde vorgeworfen, „Beziehungen sowohl nach Moskau als auch zu Unterweltkreisen in Deutschland zu unterhalten. Anhänger der Regierung unterstellten sogar, ihm flössen Einkünfte aus Beutezügen der organisierten Kriminalität zu […] und er pflege enge Kontakte zu bolschewistischen Agenten. Des Weiteren beschuldigte man ihn, überall in der Stadt geheime Waffendepots zu unterhalten und gegen die vorübergehende Besetzung des Vorwärts-Verlagsgebäudes am 25. Dezember 1918 nichts unternommen zu haben.“

Jones bestreitet hingegen, dass der Januaraufstand russisch infiltriert war:

„Eine kaum bekannte Auswertung, die sich in den Akten des preußischen Justizministeriums findet, beleuchtet detailliert Herkunft und Hintergrund von 400 Personen, die wegen ihrer Rolle im Januaraufstand angeklagt wurden, in der Mehrheit Spartakisten, die während und nach der Kapitulation der Besetzer des Vorwärts-Gebäudes festgenommen wurden. Wie daraus hervorgeht, waren die Leute, die sich im Verlagsgebäude befanden, fast ausnahmslos Deutsche. Nur zwanzig der Festgenommenen, das waren fünf Prozent, hatten eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit; zu ihnen gehörten Italiener und Schweizer sowie, in sehr geringer Zahl, Russen.“

Als Drahtzieher des Januaraufstands wurde lange Zeit Karl Radek verdächtigt, ein bolschewistischer Abgesandter, der sich illegal in Deutschland aufhielt. Mark Jones kann demgegenüber nachweisen, dass Radek den Aufstand ausdrücklich missbilligte, sich aber mit seiner Position nicht durchsetzen konnte.

Nur wenige Wochen später, im „Märzaufstand“, wurden in Berlin innerhalb von nur zehn Tagen etwa 1.200 Menschen getötet; die Kämpfe konzentrierten sich im Osten der Stadt, die Regierung setzte Maschinengewehre, Artilleriegeschütze, Mörser, Handgranaten, sogar Jagdflugzeuge gegen ihre Gegner ein.

Eine vergleichbar hohe Opferzahl forderte die brutale Niederschlagung der (ohnehin schon in Agonie liegenden) zweiten Münchner Räterepublik. Wie in Berlin, gab es auch hier schockierende Gräueltaten einer außer Kontrolle geratenen Soldateska. Am schlimmsten wütete der militärische Arm der „Ordnungsmächte“ am 2. Mai 1919 in Gräfeling bei München. Bei Tagesanbruch wurden 53 russische Kriegsgefangene unter dem Vorwurf, auf Seiten der Rebellen gekämpft zu haben, erschossen. Vielfach wurde behauptet, die Russen hätten deutsche Uniformen getragen.

In den Münchener Neuesten Nachrichten war zu lesen, was auf dem Polizeirevier geschah, das die Regierungstruppen vorübergehend zu einem ihrer Stützpunkte umfunktionierten: „Zahlreiche Gefangene wurden gleich darauf eingebracht. Darunter waren wahre Verbrechertypen, Strolche, denen wir aus den Hosentaschen die Dumdum-Geschosse herauszogen, die sie selbst fabriziert hatten. Einen dieser Verbrecher ereilte sofort das verdiente Schicksal der Erschießung.“

Jones macht deutlich, dass auch die Revolutionäre Schuld auf sich luden. Im Luitpold-Gymnasium zu München beispielsweise fand ein schockierender Geiselmord an Soldaten statt; auch Haila Gräfin von Westarp fiel dem Massaker zum Opfer, angeblich war sie vor ihrem Tod sexuell missbraucht worden. Die Betriebs- und Soldatenräte verurteilten zwar die Tat, konnten sie aber nicht ungeschehen machen.

Interessant ist, dass auch diese Mordorgie wahrheitswidrig den Russen in die Schuhe geschoben wurde. Es hieß, die Russen hätten die Geiseln mit ihren Gewehrkolben und mit Bajonetten abgeschlachtet. Josef Hofmiller wusste es noch genauer. In seinem Tagebuch hielt er am 4. Mai fest: „Zuerst wurden die Geiseln im Keller des Gymnasiums ermordet. Und zwar ganz bestialisch: Man machte Russen betrunken, bis sie vollkommene Tiere geworden waren, und ließ sie dann auf die unglücklichen Geiseln los.“

Dazu Jones: „Diese Gerüchte über die Zerfleischung der Opfer und die sexuelle Schändung der Gräfin Westarp prägten für Jahrzehnte die Wahrnehmung des Geiselmords und die Art und Weise seiner Überlieferung. Sie waren frei erfunden.“

Mark Jones versäumt es nicht, an die bittere Ironie jener dramatischen Tage zu erinnern: Die Deutschen, die sich während der Revolutionsmonate in eine russophobe Hysterie hineinsteigerten und sich über die angebliche „Einmischung“ lauthals empörten, hatten, als sie noch dem Kaiser huldigten und im Krieg standen, zahllose Agenten hinter den feindlichen Linien abgesetzt mit dem Auftrag, alle Welt zum Kampf gegen Frankreich, Großbritannien und Russland anzustacheln.

Von Erfolg gekrönt waren diese Bestrebungen nur in Russland. Die Deutschen hatten Lenin und einige seiner Genossen in einer Nacht-und Nebel-Aktion an den Ort des revolutionären Geschehens expediert – getreu dem (damals wie heute kurzsichtigen) Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“.

2 Kommentare zu „RussiaGate 1918/19

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