Das letzte Ufer

Drei kleine Anmerkungen zum Atomkrieg

„On the Beach 2017“ – so ist ein am 4. August veröffentlichter Artikel von John Pilger überschrieben (deutsche Fassung hier). Der aus Australien stammende Journalist thematisiert darin die Möglichkeit eines Atomkriegs. „On The Beach“ – so heißt auch der 1957 erschienene Roman von Pilgers Landsmann Nevil Shute, ebenso die zwei Jahre später in die Kinos gekommene US-Verfilmung des Stoffes durch Stanley Kramer. Beide, Roman und Film, wurden in Deutschland unter dem Titel „Das letzte Ufer“ bekannt.

I.

John Pilger bezeichnet Shutes Roman als „Meisterwerk“. Nichts, was über den Nuklearkrieg geschrieben wurde, sei „so eindringlich wie diese Warnung“. Dieses Urteil gilt gleichermaßen für Stanley Kramers Spielfilm-Fassung. Der fast 130 Minuten lange Streifen, prominent besetzt (u.a. mit Gregory Peck, Ava Gardner, Fred Astaire, Anthony Perkins), lässt sich viel Zeit, ist – aus heutiger Sicht – geradezu „langsam“ inszeniert. Die Geduld des Regisseurs, sein genauer Blick, seine sorgfältige, nuancierte Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen sind gleichsam die Bedingung der Möglichkeit eines wahrhaft furiosen Finales, das in der Filmgeschichte Seinesgleichen sucht.

„On the Beach“ erlebte 1959 die erste globale Premiere der Kinohistorie. Mitten im Kalten Krieg wurde das Werk nicht nur in westlichen Großstädten, sondern auch in Moskau gezeigt. Die sowjetischen Kritiker waren angetan – im Unterschied zu vielen ihrer Kollegen diesseits des Eisernen Vorhangs. Symptomatisch ein hämischer „Spiegel“-Artikel von Anfang 1960. Weil der Film keine großflächigen Zerstörungen zeige, keine toten Menschen – ja, nicht einmal tote Hunde! – galt er der Kritik als „unrealistisch“ und nicht ernst zu nehmen.

Nun ist sicher unbestreitbar, dass der Film die verheerenden Folgen eines Atomkriegs nicht „realistisch“ zeigt. Doch darum geht es ihm auch nicht. Sein Thema ist nicht eigentlich der Atomkrieg, sondern das, was der Philosoph Günther Anders als „Apokalypse-Blindheit“ bezeichnet hat – wobei Romanautor Nevil Shute noch einen Schritt über Anders hinausgeht: Nicht nur hat die Apokalypse-Blindheit in den atomaren Krieg geführt. Auch der tatsächlich stattgefundene Krieg macht die wenigen Überlebenden nicht sehend.

In ihrem 2014 erschienenen Buch „Zukunft als Katastrophe“ (S. Fischer) liefert Eva Horn eine bemerkenswerte Interpretation von „On the Beach“. Sie beginnt mit einer Schilderung des Szenarios:

„Die Welt ist durch einen Nuklearkrieg mit Kobaltbomben fast vollständig verstrahlt. Die Radioaktivität breitet sich nun langsam nach Süden aus und kriecht auf Australien zu, den letzten Kontinent, wo noch Menschen am Leben sind und seltsamerweise ganz einfach ihrem Alltag nachgehen. […] all das wäre an sich kaum auch nur Stoff für den langweiligsten Gesellschaftsroman. Was [die Situation] so unheimlich macht, ist die Tatsache, dass niemand mehr länger als ein paar Wochen oder Tage zu leben hat, aber nichts anderes tut, als diese Tatsache entweder zu verdrängen oder gelegentlich auf einer Party darüber zu lamentieren. […].

Die Australier, die angesichts des heranrückenden Todes stoisch ihre Berufspflichten erfüllen, zu viel trinken, sich verlieben und Strandpicknicks abhalten, erscheinen als eine Allegorie der Existenz angesichts der Bombe – einer Existenz, die ihre tatsächliche tödliche Bedrohung zugleich hilflos beklagt und verdrängt. […] Was Shutes Roman vorführt, ist der seltsame Quietismus einer zum Sterben verurteilten Gemeinschaft, die weder flieht noch in Panik ausbricht noch Schutzmaßnahmen ergreift oder sich zur Wehr setzt. […] Der baldige Tod ist gewiss, wird aber im alltäglichen Handeln nicht anerkannt; er ist kollektiv, bleibt aber private Tragödie; er trifft zwar eine Gesellschaft, wird aber nie zum politischen Problem; und er ist eine Folge menschlicher Entscheidungen, wird aber hingenommen wie eine Naturkatastrophe. So ist On the Beach die wohl klarste – und zugleich trostloseste – Erläuterung dessen, was Apokalypse-Blindheit sein könnte: eine Haltung, die weiß, aber nicht daran glaubt.“

II.

Am 6. August 2017, dem Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Hiroshima (drei Tage später fiel eine zweite Bombe auf Nagasaki), war ich mit dem Auto unterwegs, von Nordhessen ins Rheinland. In den stündlichen Radionachrichten – zunächst im HR, dann im WDR –  wurde über die traditionelle Gedenkveranstaltung in Japan berichtet. Ein kleiner Beitrag des ARD-Korrespondenten in Tokio, Jürgen Hanefeld, endete mit einem verblüffenden Satz, den ich so nicht erwartet hätte. Ich zitiere aus dem Kopf: Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seien, so Hanefeld, „das größte Kriegsverbrechen der USA im Zweiten Weltkrieg“.

Eine klare Aussage. Und doch schwingen in dem Satz Deutungsmöglichkeiten mit, die Hanefeld, ein sehr erfahrener Korrespondent, bei seiner Formulierung gewiss bedacht hat. Legt man die Betonung auf „größte“ (also: „das größte Kriegsverbrechen der USA im Zweiten Weltkrieg“), stellt sich die Frage, ob es im Zweiten Weltkrieg etwa noch andere Kriegsverbrechen der USA gegeben hat. Legt man die Betonung auf „im Zweiten Weltkrieg“ (also: „das größte Kriegsverbrechen der USA im Zweiten Weltkrieg“) stehen wir vor der Frage, ob es vor oder nach dem Weltkrieg US-Kriegsverbrechen gegeben hat, die Hiroshima und Nagasaki übertreffen.

III.

In einem Artikel vom 14. Juni 2017 stellte Albrecht Müller den Lesern und Leserinnen seiner NachDenkSeiten folgende Fragen:

„Haben Sie irgendwo gelesen oder im deutschen Fernsehen gesehen und gehört, dass ab morgen die zweite Runde im UN-Verhandlungsprozess mit dem Ziel beginnt, Atomwaffen zu verbieten? Wussten Sie, dass unser Land an diesen Verhandlungen nicht teilnimmt? Und diese Entscheidung auf Druck der USA getroffen wurde?“

Auch Japan hat übrigens an den Verhandlungen nicht teilgenommen. In der Schlussabstimmung der UNO, am 7. Juli 2017, votierten 122 Staaten für ein Atomwaffenverbot. Die Niederlande, das einzige an den Verhandlungen beteiligte NATO-Mitglied, stimmte dagegen. Wie schon der Verhandlungsprozess, so löste auch die von einigen als „historisch“ bewertete Abstimmung über den Vertragsentwurf nur eine spärliche mediale Resonanz aus. Warum? War sie von der Aufregung über den G 20-Gipfel überdeckt worden? Kaum. Ausschlaggebend dürfte die „groteske mediale Situation“ (Albrecht Müller) gewesen sein, in der – von Berthold Kohler bis Anja Reschke – inzwischen sogar von einer „deutschen Atombombe“ schwadroniert wird.

Da sich die Nuklearmächte (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea) an den Verhandlungen nicht beteiligt hatten, höhnte die NZZ am 30. Juni 2017 über einen „Aufstand der ‚nuklearen Habenichtse‘“. Und die FAZ brachte am 29. Juli 2017 unter dem Titel „Ein Atomwaffenverbot wäre schädlich“ einen Gastbeitrag von Karl-Heinz Kamp, dem Präsidenten der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Kamps Ausführungen demonstrieren wieder einmal aufs Schönste, wie ungeheuer scharfsinnig die strategischen Denker unseres Landes doch sind. Zunächst, so der Experte, scheitere das ganze Vorhaben des Atomwaffenverbots an der schlichten „Machbarkeit“, würde es doch ein noch nie da gewesenes „Kontroll- und Verifikationsregime“ erfordern. Man denke nur an Nordkorea! Es „lässt kaum Besucher ins eigene Land, geschweige denn Waffeninspekteure.“ Folgt man Kamp, dann verhält es sich mit dem Verbot von Atomwaffen im Grunde wie mit anderen Normverstößen. Doping ist verboten – trotzdem wird gedopt. Was soll also das Ganze? „Der syrische Staatschef Assad etwa hat chemische Waffen eingesetzt, obgleich sie international geächtet sind – Russland hält dennoch an diesem Verbündeten fest.“ Ist es nicht zum Verzweifeln?

Sodann weiß Kamp: „Waffen sind nicht die Ursachen von Spannungen. Vielmehr bewaffnen sich Staaten nuklear oder konventionell, weil sie damit glauben, ihren Sicherheitsinteressen zu dienen.“ Eine steile These. Ich frage mich, ob Kamp schon mal etwas von Rüstungs- und Gegenrüstungsspiralen und deren destabilisierender Wirkung gehört hat. Fachleute sprechen da auch vom „Sicherheitsdilemma“, Erhard Eppler etwas  drastischer von der „tödlichen Utopie der Sicherheit“.

Und schließlich, so Kamp: Ein Verbot oder auch nur eine „Ächtung“ von Atomwaffen seien gar nicht wünschenswert. Denn damit untergrabe man „die Idee [sic!] der nuklearen Abschreckung zur Kriegsverhinderung, auf die die Nato fast sieben Jahrzehnte erfolgreich gesetzt hat“. Welch verwegene Logik: Weil es bislang funktioniert hat, wird es auch in Zukunft funktionieren.

Was aber, wenn es irgendwann nicht funktioniert? „Tut uns leid, Jungs“, sagte die Nato, „war halt nur so ne Idee von uns.“ Vielleicht wäre es eine gute Idee, auch Deutschland oder Iran (und noch einige andere) mit Atomwaffen auszurüsten – eine nachhaltige Stabilisierung der Sicherheitslage!

Aber lassen wir die Logik beiseite und fragen uns, wie das mit der Kriegsverhinderung in den vergangenen 70 Jahren tatsächlich gewesen ist. Es war so: Kriege wurden „bei uns“ verhindert, nicht „bei denen“. Und auch gegenwärtig kann sich niemand über einen Mangel an Kriegen beklagen. Was man also bestenfalls – und rein hypothetisch! – sagen könnte, ist dies: Nuklearwaffen haben nicht den Krieg, sondern allenfalls den Nuklearkrieg verhindert. Und auch das nur mit viel Glück. Es gab einige Momente, da hätte nicht viel gefehlt.

70 Jahre – und kein Ende der Apokalypse-Blindheit. Obwohl doch „Der Spiegel“ schon 1960 wusste, dass kein Hund den Atomkrieg überleben würde. Nicht einmal ein Blindenhund.

 

PS Aufschlussreiche Informationen zu den UNO-Verhandlungen über ein Atomwaffenverbot bietet das Interview von Marcus Klöckner mit Dieter Deiseroth (Bundesverwaltungsrichter a.D.).

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