Gerettet!

Von MerkelSchulz zu Georg Solti

Ganze 15 Minuten habe ich durchgehalten. Dann rettete mich die Fernbedienung. Vielleicht hätte ich mir das Ganze noch länger angetan, wäre da nicht meine sechsjährige Tochter gewesen. Als Martin Schulz erstmals ins Bild kam, fing sie unvermittelt an zu weinen. Herzzerreißend. Sie war ganz außer sich. Zwei-, dreimal konnte ich sie beruhigen, aber es ging immer wieder von vorne los, sobald sich die Kamera auf den Kandidaten richtete. Die Kleine regte sich derart auf, dass in ihrem Gesicht die alarmierenden roten Flecken auftraten.

Dabei hegt sie keine grundsätzliche Abneigung gegen Sozialdemokraten. Auch der ein wenig ungepflegt wirkende Bart des Herrn Schulz kann es nicht gewesen sein. Sie hat einfach ein untrügliches, kindliches Gespür für Gut und Böse. Wenn wir einen Spaziergang unternehmen und einem Hund begegnen, merkt sie sofort, ob der irgendwie gefährlich ist, oder ob man sich ihm unbefangen nähern und ihn streicheln kann.

Meine Frau war vom „Duell“ ebenso irritiert wie von den beängstigenden Reaktionen ihrer Tochter. „Guck Du nur weiter, ich bring sie ins Bett.“ Eine gute halbe Stunde dauerte das: Zähneputzen, Kuscheln, dann noch ein Kapitel aus „Ronja Räubertochter“. Ich saß derweil mit meinem Sohn (9) allein vor der Glotze. Er gähnte. Erstmals seit vielen Wochen ging er aus eigenem Antrieb, vollkommen freiwillig ins Bett. „Schlaf gut, Papa.“

Jetzt war ich allein. Mein eigener Programmdirektor. Ausschalten oder umschalten, das war hier die Frage. Ich versuchte es mit Letzterem und geriet ins Programm von ARD-alpha. Und der Abend, der so trübselig begonnen hatte, geriet doch noch zum Fest.

Alpha zeigte zwei Produktionen aus den Schwarz-Weiß-Zeiten des Fernsehens. Der große Dirigent Georg Solti probte mit dem damaligen Südfunk-Sinfonieorchester Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre und Hector Berlioz‘ „Rakoczy-Marsch“. Ich bedauerte, nicht schon früher die Initiative ergriffen zu haben. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich vermuten, dass das „Duell“ zwischen Merkel und Schulz nur deshalb ins Programm genommen wurde, um die Menschen von Soltis Orchesterproben abzulenken.

Es war enthusiasmierend – oder, wie mein Sohn gesagt hätte, es war cool, es war geil, es war der Wahnsinn. Dirigieren als Hochleistungssport. Soltis Augen, Soltis Mund, sein Kopf, seine Hände, seine Arme, sein ganzer Körper – permanent in Bewegung. Und das nie zufällig, sondern immer ziel- und ergebnisorientiert. Mehrfach wischt er sich mit der bloßen Hand den Schweiß von der Stirn. Die totale Motivation, das totale Engagement. Der Dirigent als Visionär, als überragende Führungspersönlichkeit.

Und doch: Eine Autorität, die nie autoritär ist, sondern mit unbezweifelbarer Kompetenz überzeugt. Dazu ein großer Kommunikator: Keine strikten Anweisungen ans Orchester, sondern immer die „herzliche Bitte“, „ich würde vorschlagen“, „tun Sie mir den Gefallen…“. Und das Orchester folgt ihm mit sichtlicher Begeisterung, setzt meist schon im ersten, spätestens im zweiten Versuch seine Anregungen eins zu eins um. Nein, hier ist nichts „alternativlos“ – es geht immer noch besser und noch besser. Für jedermann hörbar.

Sir Georg Solti ist vor zwanzig Jahren verstorben. Man stelle sich vor, dieser Mann wäre nicht Dirigent geworden, sondern in die Politik gegangen. Welch ein Verlust für die Musik!

Ein Kommentar zu „Gerettet!

  1. Sehr angemessene Reaktion der Kinder 🙂
    Und sehr schön der Vergleich MerkelSchulz / Solti, der zeigt, wie das Wahre, Schöne, Gute
    im begeisternden Zusammenspiel ins Leben kommen kann.

    Mit dem gegeneinander Konkurrieren in Politik und Wirtschaft wird das *gute Leben für alle*
    nicht gelingen.

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