Pflichtlektüre

William Perry über die Gefahr eines Nuklearkriegs

Es dürfte gegenwärtig kaum einen Menschen geben, der mehr Sachkenntnis über Nuklearwaffen und die Gefahren eines Nuklearkrieges besitzt als der frühere US-Verteidigungsminister William J. Perry. Er ist ein „defense intellectual“, ein Mann, der über Jahrzehnte auf beiden Seiten des US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes gearbeitet hat: als Wissenschaftler, als Unternehmer, als Politiker. Während der Kuba-Krise gehörte er zu den Beratern von Präsident Kennedy, unter Jimmy Carter trat er ins Verteidigungsministerium ein, in der ersten Amtszeit von Bill Clinton war er Pentagon-Chef.

Perry weiß also wie kaum ein anderer, wovon er redet, wenn er seit vielen Jahren unermüdlich vor den Gefahren einer atomaren Eskalation warnt. Er vergleicht uns, insbesondere unsere führenden Politiker, mit Schlafwandlern, die dabei seien, in eine globale nukleare Katastrophe zu schlittern.

Ende 2015 veröffentlichte William Perry ein eindringliches Buch unter dem Titel My Journey at the Nuclear Brink. Wer im Zweifel ist, ob die Lektüre dieses Buches wirklich lohnt, dem sei als Einstieg die nicht minder eindringliche Rezension empfohlen, die der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, für die New York Review of Books geschrieben hat.

William Perry ist gerade gegenwärtig, da der Präsident seines Landes vor der Generalversammlung der UNO und an anderen Stellen martialische Drohungen ausstößt, ein gefragter Autor und Gesprächspartner. Aus seinen vielen öffentlichen Interventionen der vergangenen Monate möchte ich eine herausgreifen: Anlässlich des 72. Jahrestags der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki führte Perry ein gut halbstündiges Gespräch mit dem auch hierzulande bekannten Journalisten Robert Scheer, der die alternative Website Truthdig verantwortet (Audio und Transkription des Gespräches finden sich hier).

Einige Gedanken aus diesem bemerkenswerten Gespräch:

  1. Perry ist überzeugt, dass die Gefahr eines Nuklearkriegs heute deutlich größer ist als zu Zeiten des Ost-West-Konflikts, also des „ersten Kalten Krieges“. In den 1960er, 70er oder 80er Jahren hatten wir, sagt er, ein wesentlich stärker ausgeprägtes Gefahrenbewusstsein und größere Sachkenntnis. Und wir hatten eine ernsthafte Abrüstungs- und Rüstungskontrolldebatte; es ist gelungen, beachtliche praktische Schritte zur Reduktion und Kontrolle zu tun. Inzwischen aber, so Perry, sei das Thema in den Hintergrund gedrängt worden und ein tieferes Verständnis der Problematik abhandengekommen; das gelte insbesondere für die jüngere Generation, die den ersten Kalten Krieg nicht bewusst miterlebt hat.
  2. Perry ist seit jeher ein entschiedener Gegner der Vorstellung, dass man Nuklearwaffen in irgendeiner Form zielgerichtet „einsetzen“ oder sich gar wirksam gegen sie verteidigen könne. Er hält die Idee eines Abwehrschirms für eine pure Illusion.
  3. Perry spricht einzelne aktuelle Gefahrenherde an, wie das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan oder die Entwicklung in Nordkorea. Doch die größte Gefahr droht für ihn aus dem zerrütteten Verhältnis zwischen den USA und Russland.
  4. Perry betreibt Ursachenanalyse und gibt dem Westen die Hauptschuld an dieser gefährlichen Zuspitzung. Insbesondere die NATO-Osterweiterung hält er für einen schwerwiegenden Fehler. Diese Entscheidung habe die Beziehungen zu Russland nachhaltig beschädigt. Er erinnert an die vielen positiven Entwicklungen im Verhältnis zu Russland, die es unter Bush sen. und in der ersten Amtszeit Bill Clintons gegeben hatte. Als in der zweiten Amtszeit Clintons die Osterweiterung in Gang gesetzt wurde, hatten sich renommierte amerikanische Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler in einer gemeinsamen Erklärung zu Wort gemeldet und schwerste Einwände geltend gemacht. Das Vorhaben, so sagten sie, sei „a policy error of historic proportions“. Perry teilte und teilt diese Einschätzung und versuchte als Verteidigungsminister, Clinton von diesem Vorhaben abzubringen. Er scheiterte – wohl ein wesentlicher Grund für sein Ausscheiden aus der Regierung. (Perry war übrigens nicht grundsätzlich gegen jegliche Osterweiterung. Doch er bestand darauf, zunächst Russland an Bord zu holen und in eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur einzubinden, bevor man mittel- und osteuropäische Länder aufnimmt.)
  5. Perry missbilligt zudem den Aufbau eines Raketenabwehrsystems in Osteuropa. Dies sei der zweite verhängnisvolle Schritt des Westens gewesen. Auf die berechtigten russischen Einwände habe der Westen arrogant reagiert: „What can you do about it? You’re an insignificant power today.”
  6. Perry äußert sich abschließend zu Nordkorea – und verfügt auch hier über eminente Erfahrungen und profundes Hintergrundwissen. Jeder Versuch einer militärischen Lösung des Konflikts, so mahnt er, müsse unbedingt verhindert werden; es gebe zur Diplomatie keinerlei Alternative. Er erinnert daran, dass in den 1990er Jahren eine Regelung des Konflikts zwischen Nordkorea und den USA bereits auf den Weg gebracht worden war. Als gegen Ende des Jahrzehnts neue Probleme auftraten, wurde Perry, der schon sein Amt als Verteidigungsminister abgegeben hatte, von Clinton nochmal für ein paar Monate nach Washington zurückgerufen und mit einer speziellen Nordkorea-Mission betraut. Perrys Verhandlungen (mit Nord- und Südkorea sowie Japan) liefen erfolgreich und standen unmittelbar vor dem Durchbruch. Ein alle Seiten zufriedenstellender Vertrag schien greifbar nahe; selbst ein Besuch Clintons in Pjöngjang war schon vorgesehen. Jedoch: „… before Clinton could finally get that treaty signed and negotiated, the election came and we changed presidents. And President Bush cut off all discussion with North Korea; for two years we didn’t talk with them at all. So that whole negotiation just went down the drain, which I think was a terrible loss.”

Seit seinem Ausscheiden aus der Politik ist William Perry nicht müde geworden, die wachsende Atomkriegsgefahr ins Bewusstsein zu bringen. So hat er das William J. Perry Project ins Leben gerufen, mit dem er versucht, möglichst viele Menschen mit einer Problematik, die sein eigenes Leben seit Jahrzehnten bestimmt, vertraut zu machen. Ein Besuch der Projekt-Website ist lohnend. Dort findet man aktuell auch Informationen zu dem von der UNO am 7. Juli mit großer Mehrheit beschlossenen Vertrag über ein Atomwaffenverbot. Der Vertrag, von dem die neun Atomwaffenstaaten und sämtliche NATO-Mitgliedsländer nichts wissen wollen, liegt in diesen Tagen zur Ratifizierung aus. Viele unserer Politiker und Medien haben sich über die UNO-Initiative despektierlich geäußert. Sie halten die Idee eines Atomwaffenverbots für „unrealistisch“ oder gar „schädlich“. William Perry ist nicht der einzige Kenner der Materie, der das völlig anders beurteilt. Wir sollten auf ihn und seine Argumente hören.

Ein Kommentar zu „Pflichtlektüre

  1. Danke für diese Pflichtlektüre.

    „Im NATO-Bündnisfall ist vorgesehen, dass die ca. zwanzig B61-Atombomben in Büchel von der US-Armee an die deutsche Luftwaffe übergeben wird. Deren Piloten sollen diese Massenvernichtungswaffen dann über gegnerischen Städten abwerfen. Solche Einsätze werden in Büchel regelmäßig trainiert, obwohl sich Deutschland als Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrags verpflichtet hat, keine Atomwaffen zu besitzen oder einzusetzen und obwohl klar ist, dass der Einsatz von Atomwaffen die massenhafte Ermordung der Zivilbevölkerung zur Folge hat und damit ein Kriegsverbrechen im Sinne der Genfer Konventionen darstellt. Dass die US-Atomwaffen aus Deutschland abgezogen werden sollen, hatte der Bundestag bereits im Jahr 2010 fraktionsübergreifend beschlossen. Die deutsche Bundesregierung ignoriert diesen Beschluss jedoch kontinuierlich.“
    Zitiert aus: https://www.ippnw.de/startseite/artikel/de/atomwaffen-sind-nicht-mit-unseren-we.html

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