Vietnam auf ARTE

Einige Hinweise zum Dokumentarfilm von Ken Burns und Lynn Novick

Vergangene Woche zeigte ARTE die mehrteilige (allerdings etwa um die Hälfte gekürzte) Vietnamkriegs-Dokumentation von Ken Burns und  Lynn Novick. Zeitgleich lief die PBS-Produktion in den USA, dort allerdings in voller Länge: 18 Stunden. Angesichts einer solch umfassenden Aufarbeitung des jahrzehntelangen Krieges in Südostasien ist man versucht, mit superlativischen Begriffen wie „monumental“ und „überwältigend“ zu hantieren. Vor der großen Leistung der beiden renommierten Dokumentarfilmer, könnte man meinen, verstummt jede Kritik. Und sieht man sich die bisherigen Reaktionen deutscher Medien an, findet sich dieser Eindruck bestätigt.

Ich habe mir die Dokumentation bislang zu großen Teilen, aber noch nicht vollständig anschauen können, enthalte mich folglich eines abschließenden Urteils. Aufgefallen ist mir allerdings, dass sich in den USA einige kritische Autoren zu Wort gemeldet haben, die vor der unbestritten großen Arbeitsleistung der beiden Filmemacher nicht unvermittelt in die Knie gegangen sind. Da diese Einwürfe auch die deutsche Diskussion (so sie denn überhaupt stattfindet) befruchten könnten, möchte ich kurz auf sie hinweisen:

Schon Wochen vor der Ausstrahlung des Films waren in Vanity Fair und in der Mekong Review „previews“ des Films erschienen. Sie markierten frühzeitig, wie Michael Uhl schreibt,  die beiden Pole, an denen sich die inneramerikanische Debatte nun ausrichtet.

Während bzw. nach der Ausstrahlung der Doku stieß ich dann auf einen Beitrag von James M. Williamson. Er thematisiert die offenkundig irreführende (und dem längst erreichten historischen Kenntnisstand widersprechende) Darstellung des „Zwischenfalls“ im Golf von Tonkin.

Sodann fand ich einen Text von Chuck O‘Connell, der sich auf die kritische Historiografie des Krieges (etwa von Gabriel Kolko) bezieht und den Autoren vorwirft, die sozialrevolutionäre Dimension des Konflikts komplett ausgeblendet und ein „liberales Narrativ“ des Krieges konstruiert zu haben.

„What is that liberal narrative? It is a bundle of intertwined claims: Vietnamese opposition to the French and then the Americans was motivated by a nationalist desire for independence, the Saigon government of the South was a legitimate government, the rebellion of the National Liberation Front in South Vietnam against the U.S. supported Saigon regime was directed by the communist Hanoi government of the north, the military conflict in Vietnam was thus a civil war, and U.S. military involvement in support of the South was the result of a series of mistakes by American political leaders. It’s a narrative that has a certain plausibility not least because it has been repeated over and over for fifty years.”

Auch zwei journalistische Augenzeugen, Veteranen der Kriegsberichterstattung, mischten sich in die Diskussion ein. Don Norths Urteil fällt – ungeachtet kleinerer Einwände – alles in allem positiv aus.

„In my view, the PBS series … represents the most honest and thorough account available to the general public. …

I think that all Americans and Vietnamese who experienced the years of that war will find watching the series at least an educational experience, at best an inspiring one, and for some of us – who witnessed, fought or protested the war – a profoundly emotional experience as well. …”

Auch North entdeckt allerdings in der Doku ein klares „Narrativ”, das ihm wenig behagt, weil ihm zu viele Tatsachen entgegenstehen. Das ist auch die Auffassung von John Pilger, der mit dem Film hart ins Gericht geht:

„I watched the first episode in New York. It leaves you in no doubt of its intentions right from the start. The narrator says the war ‘was begun in good faith by decent people out of fateful misunderstandings, American overconfidence and Cold War misunderstandings’. …

There was no good faith. The faith was rotten and cancerous. For me – as it must be for many Americans – it is difficult to watch the film’s jumble of ‘red peril’ maps, unexplained interviewees, ineptly cut archive and maudlin American battlefield sequences. In the series’ press release in Britain — the BBC will show it — there is no mention of Vietnamese dead, only Americans.

‘We are all searching for some meaning in this terrible tragedy’, Novick is quoted as saying. How very post-modern.“

Schließlich sei noch auf einen fulminanten Text von Paul Street verwiesen. Er gibt unumwunden zu, dass er sich die Doku noch nicht angesehen hat. Zum einen habe ihm bislang schlicht die Zeit gefehlt, schreibt Street, zum anderen sei seine Verweigerung ein Akt des „Selbstschutzes“ gewesen:

„I just can’t hear any more laments about America’s ‘mistakes’ in Vietnam. It drives me up the wall. It’s like hearing people weep because the Nazis screwed up by attacking the Soviet Union before taking out England. Not my cup of moral tea.“

Paul Street schreibt also über eine Doku, der er gar nicht kennt. Ist das nicht gewagt? Unseriös? Street selbst spricht von einem journalistischen „Experiment“. Da er die beiden Filmemacher und ihre früheren Arbeiten kennt, glaubt er zu wissen, wie sie nun das Thema „Vietnamkrieg“ angegangen sind. Und siehe da, das Experiment glückt! Es gelingt Street tatsächlich, eine treffsichere Analyse des Films zu schreiben, ohne diesen bislang gesehen zu haben…

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