Am Anfang war Gewalt

Mark Jones über die Geburt der Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg kommt es in Deutschland zum politischen Umbruch: Novemberrevolution, verfassunggebende Versammlung, freie Wahlen. Aus dem Kaiserreich wird die demokratische „Weimarer Republik“. Diesem verbreiteten Bild eines weitgehend friedlichen Übergangs setzt der 1981 geborene Historiker Mark Jones eine ganz andere Erzählung entgegen. In seinem Buch Am Anfang war Gewalt beschreibt er die heftigen militanten Auseinandersetzungen in der Geburtsphase der Weimarer Republik.

Auf den ersten Blick könnte man glauben, Mark Jones‘ Buch sei die zeitlich und thematisch stark eingegrenzte Spezialstudie eines Fachhistorikers. Doch sie verdient die Aufmerksamkeit eines breiten, historisch interessierten Publikums. Sie beschreibt mit größter Intensität einen fundamentalen Bruch in der neueren deutschen Geschichte. Was sich in den Monaten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und der weitgehend unblutigen Novemberrevolution auf Deutschlands Straßen abspielte, war ein Novum. So etwas hatte es zuvor, im 19. Jahrhundert und in den Jahren vor dem Weltkrieg, nicht gegeben. Ab Dezember 1918 galt: Gewalt war Politik und Politik war Gewalt.

Die sozialdemokratisch dominierte Führung des Landes um Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Gustav Noske wehrte sich gegen die Versuche weiter links stehender Kräfte, die Revolution in eine sozialistische oder kommunistische Richtung zu treiben. Sie schloss ein Bündnis mit der alten Militärführung und setzte rechtsnationalistische Freikorps-Verbände gegen ihre Gegner ein.

Die Folgen waren dramatisch. Als es im März 1919 in Berlin zu einem Generalstreik kam, den die Ordnungsmächte sogleich zum „Märzaufstand“ überhöhten, wurden innerhalb von nur zehn Tagen etwa 1200 Menschen getötet. In den blutigen Straßenkämpfen ließ die Regierung Artilleriegeschütze, Mörser, Maschinengewehre, Handgranaten, sogar Jagdflugzeuge einsetzen. Es galten Belagerungszustand, Standrecht, Schießbefehl. Schon drei Monate zuvor, am 6. Dezember 1918, war in Berlin ein Pulk von Demonstranten unter Maschinengewehrfeuer genommen worden. Ähnliches geschah am Heiligabend und dann wieder – in großem Stil – während der Januarunruhen, denen auch die Spartakistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Opfer fielen.

Nie zuvor wurden die bürgerkriegsähnlichen Ereignisse jener Tage so eindringlich, so akribisch, detailliert und systematisch dargestellt wie in der imponierenden Untersuchung von Mark Jones. Seine große Frage lautet: Warum gingen die Regierenden mit solch bis dato ungekannter Härte und Rücksichtslosigkeit auf ihre Gegner los? Denn in der Sache, so Jones, waren diese Gewaltexzesse, zu denen auch schockierende Gräueltaten einer außer Kontrolle geratenen Soldateska gehörten, nicht zu rechtfertigen.

Seine Antwort: Die Ordnungsmächte verfolgten eine Kommunikationsstrategie. Sie wollten ein für allemal klarmachen, wer im Land das Sagen hat, wo die Souveränität verankert ist. Der entschiedene Wille, sich durchzusetzen, sich jeder Verständigung, jedem Gespräch, jedem Kompromiss zu verweigern, ging einher mit einer innerstaatlichen Feinderklärung, mit einer ungezügelten Dämonisierung des Gegners.

Die nervöse, aufgeheizte Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung tat ein Übriges. Wilde Gerüchte machten die Runde, Imaginationen, Autosuggestionen. Die Massenmedien des Landes – statt aufzuklären, zu informieren, zu versachlichen – leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Eskalation. Mit der Wahrheit nahmen sie es dabei nur selten genau; schon bald zu Beginn von Jones‘ Untersuchung fällt der heute so modische Begriff „fake news“.

Waren die Gewaltexzesse in der Gründungsphase der Republik ein Menetekel? Wiesen sie voraus auf die frühen dreißiger Jahre und auf die Brutalität, mit der die Nationalsozialsozialisten nach der Machtübernahme ihre Gegner ausschalteten und ihre Herrschaft stabilisierten?

Mark Jones bejaht diese Fragen, aber er weiß selbstverständlich, dass seiner weitreichenden These etwas Spekulatives anhaftet und dass sein Versuch, sie im Epilog des Buches plausibel zu machen, Skeptiker schwerlich überzeugen dürfte. Ein anderes Manko betrifft die Frage, warum es im November 1918 noch relativ friedlich zuging, im Dezember dann aber plötzlich der Sturm losbrach. Hatte dieser zivilisatorische Bruch etwas mit den vorangegangenen Gewalterfahrungen des Ersten Weltkriegs zu tun? Jones streift diese Möglichkeit nur hier und da, geht ihr aber leider nicht systematisch nach.

Aufs Ganze gesehen ändern diese beiden Defizite nichts daran, dass Mark Jones mit seinem Buch ein großer Wurf gelungen ist. Eine vom ersten bis zum letzten Satz packende, provozierende, verstörende Lektüre.

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Übersetzt von Karl Heinz Siber. Propyläen Verlag, 432 Seiten, € 26.-

(Beitrag für die SWR 2-Sendung Lesenswert Kritik, 24. Oktober 2017)

Mehr zu Mark Jones‘ Buch findet sich in einem Text, den ich am 29. Juni 2017 auf dieser Seite veröffentlicht habe.

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