Lügenpresse 1863

Ferdinand Lassalle als Medienkritiker

Im Folgenden dokumentiere und erläutere ich Auszüge einer Rede, die Ferdinand Lassalle im September 1863 vor Tausenden von Zuhörern in Barmen, Solingen und Düsseldorf gehalten hat. Die Rede erschien auch als Broschüre, wurde aber sogleich konfisziert. Zudem machte man Lassalle wegen Verstoßes gegen die §§ 100 und 101 des preußischen Strafgesetzbuches (die beiden Hass- und Verachtungsparagraphen) den Prozess. Im Frühjahr 1864 verurteilte ihn das Düsseldorfer Landgericht zu einem Jahr Gefängnis. In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe auf ein halbes Jahr herabgesetzt. Wenige Tage nach dem Prozess ging Lassalle in die Schweiz, wo er zwei Monate später an den Folgen eines Duells verstarb.

Ferdinand Lassalle, ein sozialdemokratischer Theoretiker und Agitator, war der erste Präsident des 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), der organisatorischen Keimzelle der späteren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

***

Im ersten Teil seiner Rede beschäftigt sich Lassalle mit der Entwicklung der deutschen Presse, insbesondere der liberalen Zeitungen. Einleitend schärft er seinem wohl überwiegend proletarischen Publikum Folgendes ein:

„Eines müssen Sie ohne Unterlaß festhalten, ohne Unterlaß verbreiten: Unser Hauptfeind, der Hauptfeind aller gesunden Entwicklung des deutschen Geistes und des deutschen Volkstums, das ist heutzutage die Presse! Die Presse ist in dem Entwicklungsstadium, auf welchem sie angelangt ist, der gefährlichste, der wahre Feind des Volkes, ein um so gefährlicherer, als er verkappt auftritt. Ihre Lügenhaftigkeit, ihre Verkommenheit, ihre Unsittlichkeit werden von nichts anderem überboten als vielleicht von ihrer Unwissenheit.“

Lassalle spricht tatsächlich von der „Lügenhaftigkeit“ der Presse – und weiter:

„Täglich Lügen, Lügen in reinen puren Tatsachen, Tatsachen erfunden, Tatsachen in ihr Gegenteil entstellt – das waren die Waffen, mit denen man uns bekämpfte! Und was der Schamlosigkeit die Krone aufsetzte, war, daß man sich in den allermeisten Fällen weigerte, auch nur eine Berichtigung zu bringen.“

Im Jahr der Rede, 1863, hatte die Regierung Otto von Bismarcks ein neues Pressegesetz erlassen, das den Verwaltungsbehörden fast unbegrenzte Zensurrechte einräumte. Und wie reagierte die derart geknebelte liberale Presse?

„[…] statt gegen diese Vergewaltigung nur um so intensiveren Widerstand zu üben, warfen sich alle liberalen Blätter platt auf den Bauch. […] Kein Wort des Angriffs mehr über die inneren Zustände; ja die meisten von ihnen […] erklärten ausdrücklich, daß sie unter diesen Umständen sich genötigt sähen, über die innere Politik zu schweigen. Sie schwiegen, diese Elenden, jetzt, wo ihnen ein um so stärkerer Grund zum Angriff gegeben war, sie schwiegen jetzt, wo ihnen Sprechen dreimal Pflicht war!“

Aber warum gaben die liberalen Blätter so widerstandslos klein bei? Warum warfen sie sich auf den Bauch? Aus Angst vor Bismarck?

„Der Gipfel der Schamlosigkeit […] ist der, daß die Zeitungen selbst mit der ungeniertesten Offenheit ihr Geldinteresse als den Grund ihres Schweigens eingestanden. […] Freilich! was ist heiliger als das Verlegerkapital! Ja, mit jener schamlosen Verdreherei aller Begriffe, die unseren Zeitungen schon seit lange geläufig ist, konstruierte man es jetzt geradezu als die Pflicht der Zeitungen, um Gottes Willen nicht durch ein männliches Wort das heilige Verlegerkapital zu gefährden!

[…]

So kam es, daß unsere liberalen Zeitungen, diese modernen Falstaffs, die aber nur so feige und verlumpt sind, wie Falstaff, nicht seinen Humor besitzen, noch alle glücklich am Leben sind! So kam es aber freilich auch, daß damals zum ersten Male offen eingestanden wurde, daß […] unsere Zeitungen, statt Soldaten und Vorkämpfer der Freiheit zu sein, nichts sind, als eine industrielle Kapitalanlage und Geldspekulation!

Soll man sich, fragt Lassalle, mit einer derart korrumpierten und rückgratlosen Presse solidarisch zeigen?

„Man kann […] nicht einmal das geringste Bedauern für diese Presse empfinden trotz aller Gewaltmaßregeln der Regierung, und zwar würde man selbst dann nicht die geringste Sympathie für sie fühlen können, wenn sie sogar wirklich die hohen und reinen Ziele verfolgte, die sie zu verfolgen vorgibt, was, wie ihr wißt, nicht der Fall ist. Wir könnten, sage ich, keine Sympathie für sie empfinden, und sogar dann nicht, wenn sie unsere eigenen Ziele verfolgte, wovon, wie ihr wißt, das Gegenteil stattfindet. Denn gleichviel, welche Ziele sie auch verfolgte – welches Interesse soll man für Männer empfinden, welche bei jedem Angriffe davon laufen, für Kämpfer, welche jeden Hieb statt mit der Brust nur mit dem Hintern parieren?“

Lassalle hält inne und fasst zusammen:

„Ich habe zuerst die vollkommene Lügenhaftigkeit, dann die namenlose Feigheit und Unsittlichkeit unserer großen liberalen Presse betrachtet; soll ich jetzt noch drittens die absolute Unfähigkeit, die staunenswerte und alle eure Vorstellungen überschreitende Unwissenheit unserer Zeitungsschreiber, dieser geistigen Vorkämpfer, nachweisen?“

Der Redner entschließt sich, den Nachweis zu erbringen. Er beginnt mit der Feststellung…

„Je schlechter heute ein Blatt, desto größer ist sein Abonnentenkreis.“

…um dann fortzufahren:

„Das sind ernste, sehr ernste Erscheinungen, und ich nehme, die Seele voll Trauer, keinen Anstand zu sagen: Wenn nicht eine totale Umwandlung unserer Presse eintritt, wenn diese Zeitungspest noch fünfzig Jahre so fortwütet [und ja, sie wütete fort, 50 Jahre später begann der Erste Weltkrieg, UT], so muß dann unser Volksgeist verderbt und zugrunde gerichtet sein bis in seine Tiefen! Denn ihr begreift: Wenn Tausende von Zeitungsschreibern, dieser heutigen Lehrer des Volkes, mit hunderttausend Stimmen täglich ihre stupide Unwissenheit, ihre Gewissenlosigkeit, ihren Eunuchenhaß gegen alles Wahre und Große in Politik, Kunst und Wissenschaft dem Volke einhauchen, das gläubig und vertrauend nach diesem Gifte greift, weil es geistige Stärkung aus demselben zu schöpfen glaubt, nun, so muß dieser Volksgeist zugrunde gehen und wäre er noch dreimal so herrlich! Nicht das begabteste Volk der Welt, nicht die Griechen, hätten eine solche Presse überdauert!“

Schon 1863 stand die Frage an: War früher alles besser? Und wenn ja, warum ist es heute schlechter?

„Ich kann euch hier nicht die Geschichte der europäischen Presse geben. Genug, einst war sie wirklich der Vorkämpfer für die geistigen Interessen in Politik, Kunst und Wissenschaft, der Bildner, Lehrer und geistige Erzieher des großen Publikums. Sie stritt für Ideen und suchte zu diesen die große Masse empor zu heben. Allmählich aber begann die Gewohnheit der bezahlten Anzeigen, der sogenannten Annoncen und Inserate […]. Es zeigte sich, daß diese Annoncen ein sehr ergiebiges Mittel seien, um Reichtümer zusammenzuschlagen, um immense jährliche Revenüen aus den Zeitungen zu schöpfen. […] Von Stund‘ an […] wurden die Zeitungen, immer unter Beibehaltung des Scheines, Vorkämpfer für geistige Interessen zu sein, aus Bildnern und Lehrern des Volkes zu schnöden Augendienern der geldbesitzenden und also abonnierenden Bourgeoisie und ihres Geschmackes […].

Von Stund‘ an wurden also die Zeitungen nicht nur zu einem ganz gemeinen, ordinären Geldgeschäfte, wie jedes andere auch, sondern zu einem viel schlimmeren, zu einem durch und durch heuchlerischen Geschäfte, welches unter dem Scheine des Kampfes für große Ideen und für das Wohl des Volkes betrieben wird.“

Und dann:

„Wenn jemand Geld verdienen will, so mag er Cotton fabrizieren oder Tuche oder auf der Börse spielen. Aber daß man um des schnöden Gewinnstes willen alle Brunnen des Volksgeistes vergifte und dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenze – – es ist das höchste Verbrechen, das ich fassen kann! (Lang anhaltendes, sich immer wieder erneuerndes Bravo.)

Was aber ist mit den Verlegern und Journalisten selbst? Welche Spuren hinterlässt dort die „täglich fortgesetzte Heuchelei“, die „tägliche Gewohnheit der Selbsterniedrigung“? Lassalle spricht von einer „depravierenden Wirkung“, von „entsittlichenden Folgen“, von „frivole[r] Verachtung gegen sich selbst“.

„Das lukrative Annoncengeschäft hat den Zeitungseigentümern die Mittel gegeben, ein geistiges Proletariat, ein stehendes Heer von Zeitungsschreibern zu unterhalten, durch welches sie konkurrierend ihren Betrieb zu vergrößern und ihre Annonceneinnahmen zu vermehren streben. Aber wer soll unter dieses Heer gehen, wer, der sich selber achtet, wer, der nur irgend welche Befähigung zu reellen Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft, des Gedankens oder des bürgerlichen Lebens in sich fühlt?

Ihr, Proletarier, verkauft euren Arbeitsherrn doch nur eure Zeit und materielle Arbeit. Jene aber verkaufen ihre Seele! Denn der Korrespondent muß schreiben, wie der Redakteur und Eigentümer will; der Redakteur und Eigentümer aber, was die Abonnenten wollen und die Regierung erlaubt! Wer aber, der ein Mann ist, würde sich zu einer solchen Prostitution des Geistes hergeben?

Ferner bedenkt die zerrüttenden Folgen, welche diese metiermäßige Beschäftigung noch in anderer Hinsicht nach sich zieht. Ihr, Proletarier, verkauft euch doch nur zu einem Geschäft, das ihr kennt und versteht, jene aber, die geistigen Proletarier, müssen täglich lange Spalten füllen über tausend Dinge, über Politik, Recht, Ökonomie, Wissenschaft, über alle Fächer der Gesetzgebung, über diplomatische und geschichtliche Verhältnisse der Völker. Ob man das Hinreichende, ob man das Geringste davon verstehe oder nicht – die Sache muß behandelt, die Zeitung gefüllt sein, das Geschäft bringt es mit sich!

Dazu der Mangel an Zeit, die Dinge näher zu studieren, in Quellen und Büchern nachzuforschen, ja selbst nur sich einigermaßen zu sammeln und nachzudenken. Der Artikel muß fertig sein, das Geschäft bringt es so mit sich! Alle Unwissenheit, alle Unbekanntschaft mit den Dingen, alles, alles muß möglichst versteckt werden unter der abgefeimten routinierten Phrase.

Daher kommt es, daß, wer heute mit einer halben Bildung in die Zeitungsschreiberkarriere eintritt, in zwei oder drei Jahren auch das wenige noch verlernt hat, was er wußte, sich geistig und sittlich zugrunde gerichtet hat und zu einem blasierten, ernstlosen, an nichts Großes mehr glaubenden, noch erstrebenden und nur auf die Macht der Klique schwörenden Menschen geworden ist!“

Lassalle behauptet, „das stehende Heer der Zeitungsschreiber“ habe dem Volk tiefere Wunden geschlagen als das stehende Heer der Soldaten: Während dieses doch nur durch äußere Gewalt das Volk zu Boden drücke, bringe jenes ihm die innere Fäulnis, vergifte ihm Blut und Säfte. „Daher auch die Entfernung, in welcher sich bei uns alle Männer des wirklichen Wissens wie in heiliger Scheu von den Zeitungen halten.“ Bevor er seine Rede für zehn Minuten unterbricht und sich und dem Publikum eine Pause gönnt, um dann im zweiten Teil zu einem anderen Thema zu wechseln, fasst Lassalle das Ergebnis seiner Betrachtungen in einem Appell zusammen:

„Halten Sie fest, mit glühender Seele fest an dem Losungswort, das ich Ihnen zuschleudere: Haß und Verachtung, Tod und Untergang der heutigen Presse! Es ist das eine kühne Losung, ausgegeben von einem Manne gegen das tausendarmige Institut der Zeitungen, mit welchem schon Könige vergeblich kämpften! Aber so wahr Sie leidenschaftlich und gierig an meinen Lippen hängen, und so wahr meine Seele in reinster Begeisterung erzittert, indem sie in die Ihrige überströmt, so wahr durchzuckt mich die Gewißheit: Der Augenblick wird kommen, wo wir den Blitz werfen, der diese Presse in ewige Nacht begräbt!!!

***

Die zitierte Rede findet sich in: Ferdinand Lassalle, Gesammelte Reden und Schriften. Vollständige Ausgabe in zwölf Bänden. Herausgegeben und eingeleitet von Eduard Bernstein, Berlin: Paul Cassirer 1919, Band 3, S. 333-400 (alle Hervorhebungen im Original)

5 Kommentare zu „Lügenpresse 1863

  1. Respekt und Dank für diese Ausgrabung. Die von ihnen aufgeworfene Frage -Welche Spuren hinterlässt dort die „täglich fortgesetzte Heuchelei“-, wird von den Autoren der deutschen Serie „Berlin Babylon“ (spielt im Berlin der 1920er Jahre) in seiner atmosphärischen Bedeutung aufgegriffen. (Die Serie, aktuell ausgestrahlt bei Sky, wird erst gegen Ende 2018 in der ARD zu sehen sein)

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  2. Tatsachen selektieren, unterdrücken und verdrehen sind ein Teil dessen, was man der Pressen anlasten kann und muß. Es geht aber auch noch perfider:
    Einerseits hört man ein großes Geheul, sobald die im Grundgesetz garantierte Pressefreiheit auch nur angekratzt wird.
    Andererseits handelt die Presse aber selber und massiv mit Meinungsunterdrückung bei Leserbriefen.
    Passierte mir selber schon, und ich sprach darüber mit Bekannten (die das dann veröffentlichten, siehe z.B.
    http://www.polpro.de/mm17.html#macht oder
    http://www.polpro.de/mm17.html#meinung oder . . . ).
    Aber wieviel andere Leserbriefe werden von den Mainstreammedien unerkannt unterdrückt?
    Und aus welchen Gründen?
    Die Gründe sind einfach: Sie sind eine Säule von Merkels Macht.
    Über welche Kanäle das gesteuert wird, ist mir unklar, – aber es wird bewußt gesteuert.
    So die Ausladung von Astrid Pasin siehe http://www.polpro.de/mm17.html#duell oder
    die Kaltstellung von Dieter Wonka, siehe http://www.polpro.de/mm17.html#macht-02

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