Am Pranger

Ute Frevert über die „Politik der Demütigung“

Ob im Militär, in der Kindererziehung, im Strafrecht oder in der Politik – Demütigung und Beschämung haben im Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft oder zwischen rivalisierenden gesellschaftlichen Gruppen einen festen Platz. Die Demütigung, sagt die Historikerin Ute Frevert, ist immer eine „Inszenierung von Macht“. In ihrem neuen Buch mit dem Titel „Die Politik der Demütigung“ lässt sie die vergangen 250 Jahre Revue passieren. Frevert erzählt eine Geschichte, die zivilisatorische Fortschritte, aber auch neue Gefahren sichtbar macht.

Im Jahr 1702 veröffentlichte der damals schon bekannte, später berühmte Londoner Autor Daniel Defoe ein satirisches Pamphlet. Die anglikanische Kirche wie auch das Unterhaus fühlten sich angegriffen. Ein Gericht beließ es nicht bei einer empfindlichen Geld- und Gefängnisstrafe für Defoe, sondern glaubte, ihn zusätzlich öffentlich beschämen und demütigen zu müssen. Drei Tage lang sollte er am Pranger stehen. Doch die Öffentlichkeit, dazu ausersehen, ihn mit faulen Eiern, Kot oder Steinen zu bewerfen, hegte Sympathie für den Verurteilten. Defoes Anhängern gelang es, die Stimmung zu drehen. Der Schandpfahl wurde für den Autor zum Triumph. Die Anwesenden tranken auf seine Gesundheit und schmückten den Pranger mit Blumen.

Schon diese kleine Episode aus Ute Freverts Buch verdeutlicht drei Aspekte des Themas, die der Autorin besonders wichtig sind. Zunächst: Demütigung ist immer Ausdruck von Machtbeziehungen – der Mächtige demütigt, der Ohnmächtige ist das Opfer. Sodann waren Demütigungen, historisch betrachtet, oft eine Zusatzstrafe; ergänzend zu dem, was vor Gericht oder im Gefängnis vonstattenging, trat die öffentliche Zurschaustellung. Sie wiederum konnte nur funktionieren, wenn sich die Öffentlichkeit vom Staat zum Komplizen machen ließ; wenn sie jedoch, wie im Fall Defoes, nicht mitspielte oder gar die Seiten wechselte, scheiterte die Demütigung.

Ute Frevert spannt in ihrem Buch einen weiten Bogen, von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, und die vorgeführten Beispiele stammen nicht allein aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern, sondern auch aus Nordamerika, China oder Indien. Sie reichen vom Pranger oder der öffentlich verabreichten Prügel über Demütigungen beim Militär, in öffentlichen Schulen, Internaten oder Erziehungsheimen bis hin zu Peer Gruppen, zum Mobbing oder zur Selbst-Demütigung in fragwürdigen TV-Formaten.

Weil sie sich einem nur schwer fassbaren, schier endlosen Untersuchungsfeld widmet, nimmt Freverts Darstellung zuweilen und notgedrungen einen eher schlaglichtartigen Charakter an. Dieses Manko wird allerdings aufgewogen durch das Bemühen der Autorin, wichtige begriffliche Klärungen vorzunehmen, immer wieder systematisierend innezuhalten und die großen Linien nicht aus dem Blick zu verlieren.

Will man ihre Argumentation ein wenig vereinfachen, kann man sagen: Die Geschichte der Demütigung lässt durchaus zivilisatorische Fortschritte erkennen. Manches von dem, was im Buch verhandelt wird, kennen wir heute nur noch vom Hörensagen. Viele Staaten, insbesondere die liberalen Demokratien des Westens, haben seit der Aufklärung ihren repressiven Zugriff auf die Gesellschaft sukzessive gemildert oder sich in Teilbereichen ganz zurückgezogen. Umso alarmierender erscheinen Frevert neuere Entwicklungen, die sich nicht länger im Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene selbst abspielen, etwa der Internet-Pranger oder die Machenschaften skandalsüchtiger Medien.

Kritikwürdig am Buch ist zweierlei: Freverts Beobachtung, dass Demütigung immer eine Machtbeziehung sei, ist zwar richtig, doch unvollständig. Sie unterschätzt den prozessualen Charakter des Phänomens. Denn wer demütigt, ist in nicht seltenen Fällen vorher selbst das Opfer von Demütigung gewesen, rächt sich also oder übt Vergeltung.

Besonders gut sichtbar wird dies auf dem Feld der internationalen Politik. Frevert widmet diesem Bereich ein eigenes Kapitel, befasst sich aber unverständlicherweise fast ausschließlich mit Demütigungen auf dem diplomatischen Parkett. Vieles andere, was in diesem Zusammenhang relevant wäre, bleibt außen vor: Man denke an die demütigenden Friedensdiktate am Ende des Ersten Weltkriegs – also die Verträge von Versailles und Brest-Litowsk –, man denke an koloniale Ausbeutung, an Sanktionsregime, an Besatzungspolitiken, an Übergriffe auf die Zivilbevölkerungen. Zudem und entgegen einer Kernthese Freverts finden solche Demütigungen, etwa Folterexzesse oder Vergewaltigung, gerade nicht im Beisein der Öffentlichkeit statt, sondern werden vor dieser geheim gehalten. Es sind in der Regel investigative Medien, die sie ans Licht bringen – zur Beschämung der Täter.

Ute Frevert: Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht. S. Fischer, 326 Seiten, € 25.-

Beitrag für SWR 2 „Lesenswert Kritik“, 22.12.2017

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