The Doomsday Machine

Ein neues Buch von Daniel Ellsberg

Dieser Tage ist das Buch The Doomsday Machine – Confessions of a Nuclear War Planner erschienen. Sein Autor, Daniel Ellsberg, gilt als „elder statesman of whistleblowing“. Henry Kissinger bezeichnete ihn einst als „the most dangerous man in America“. 1971 hatte Ellsberg für weltweites Aufsehen gesorgt, als er verschiedenen US-Medien die „Pentagon Papers“ zuspielte. Sie belegten, dass die Regierung ihre eigene Bevölkerung über den Krieg in Vietnam jahrelang belogen und hinters Licht geführt hatte.

Ellsberg, der zunächst durchaus die Dogmen des Kalten Krieges und die antisowjetische Ideologie internalisiert hatte, war lange Zeit ein allseits hoch geschätzter und analytisch brillanter Mitarbeiter des Weißen Hauses, des Pentagon und der ihm eng verbundenen Denkfabrik RAND Corporation. In seinem neuen Buch erzählt er nun eine schier atemberaubende Geschichte.

Nachdem er vom rechten Glauben abgefallen war und sich entschlossen hatte, nicht länger dem Präsidenten, sondern der amerikanischen Öffentlichkeit (und der Verfassung) zu dienen, fertigte er nicht nur tausende Kopien geheimer Vietnam-Dokumente an. Nicht minder wichtig, vielleicht wichtiger noch war ein anderes Kopien-Konvolut. Es betraf sein eigentliches Arbeitsgebiet: die amerikanische Nuklearkriegsplanung.

Dieses brisante Material wollte Ellsberg bald nach den Vietnam-Dokumenten der Öffentlichkeit zugänglich machen. Doch es ging auf geradezu abenteuerliche Weise verloren. Wie genau, sei hier nicht verraten. Allein diese Episode lohnt die Anschaffung des Buches…

In den Folgejahren konnten viele der abhanden gekommenen Unterlagen durch Anträge im Rahmen des „Freedom of Information Act“ ersetzt worden. Aufgrund dieser und anderer Materialien – und seiner Erinnerungen – führt Ellsberg seine Leser in die Geheimnisse der amerikanischen Nuklearkriegsplanung ein. Auch wenn sich die Erörterungen primär auf die Amtszeiten der Präsidenten Eisenhower und Kennedy beziehen, hat sich, wie Ellsberg versichert, an den Grundlinien bis heute wenig geändert.

So erfahren wir zum Beispiel, dass amerikanische Präsidenten (wie vermutlich auch die Führer anderer Nuklearmächte) die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen an untere Ebenen, etwa Generäle, delegieren können, dass von US-Seite immer wieder mit Atomwaffen gedroht wurde oder ihr Einsatz sogar (etwa unter Nixon) unmittelbar auf der Tagesordnung stand.

Wie einige andere heikle Unternehmungen (Ellsberg nennt beispielhaft „verdeckte Operationen“ oder „assassination plots“) seien nukleare Kriegspläne und –drohungen in der öffentlichen Diskussion nach wie vor tabuisiert, seien eingehüllt in einen Nebel aus „systematic official secrecy, lying and obfuscation“.

Ellsberg ist überzeugt, dass es eher unserem Glück als unserem Verstand zu verdanken ist, dass die Menschheit das Nuklearzeitalter bislang überlebt hat. Und wie viele andere Experten, etwa der frühere US-Verteidigungsminister William Perry, glaubt er, dass die Gefahr einer nuklearen Katastrophe noch nie so groß war wie gegenwärtig (und das entsprechende Gefahrenbewusstsein noch nie so unterentwickelt).

Ich werde Ellsbergs beunruhigendes Buch zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle ausführlicher besprechen. Es wäre zu wünschen, dass sich bald ein deutscher Verlag findet, der eine Übersetzung dieses eminent wichtigen Werks in Auftrag gibt.

Wer sich vertieft informieren möchte, sei auf Ellsbergs Website verwiesen, wo auch die bislang eingelaufenen Rezensionen greifbar sind. Besonders aufschlussreich und empfehlenswert ist ein längeres Interview, das Amy Goodman und Juan Gonzalez für Democracy Now! mit dem (inzwischen 86-jährigen) Autor geführt haben.

Daniel Ellsberg: The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planner. Bloomsbury Publishing, 421 S.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s