Sorge um Robert Parry

Gestern meldete sich der große US-amerikanische Journalist Robert Parry in eigener Sache. Auf seinem Informationsportal Consortiumnews teilte er mit, dass er an Weihnachten einen Schlaganfall erlitten hat. Seither ist seine Sehfähigkeit eingeschränkt. Lesen und Schreiben sind für ihn beschwerlich. Alles wird länger dauern. Und aus Rücksicht auf seine Gesundheit wird Parry, für den bislang jeder Tag ein Arbeitstag war, in Zukunft kürzer treten müssen.

Wer guten, integren, professionellen Journalismus zu schätzen weiß, wird diese Nachricht mit Betrübnis und Sorge aufnehmen. In der heutigen, weithin degenerierten Medienwelt ist Robert Parry eine journalistische Lichtgestalt, ein Vorbild, einer der letzten Mohikaner, der nicht müde wird, mit bewundernswerter Geduld und Beharrlichkeit professionelle Standards hochzuhalten und zu verteidigen.

Lange Jahre für die Agentur Associated Press und das Magazin Newsweek arbeitend, verabschiedete sich Parry Mitte der 1990er Jahre frustriert aus dem Mainstream-Journalismus und rief das Portal Consortiumnews ins Leben.

Consortiumnews unterscheidet sich von vielen anderen sogenannten Alternativmedien dadurch, dass es nicht lediglich Lücken füllt, die der Mainstream hinterlässt. Die Autoren der Seite versuchen vielmehr – Tag für Tag und in immer neuen Anläufen – ein der Komplexität dieser Welt gerecht werdendes Bild zu zeichnen.

Parry und Consortiumnews verfolgen kein politisches Programm, sind nicht Partei im allgegenwärtigen „Informationskrieg“. Sie tun das, was eigentlich jeder Journalist tun sollte, was aber längst aus der Mode gekommen ist: Sie verstehen ihre Arbeit als Dienst an der Öffentlichkeit, an der Demokratie. Sie sind bemüht, ihren Leserinnen und Lesern eine Informationsgrundlage zur Verfügung zu stellen, auf der rationale, begründete Entscheidungen möglich sind.

„Do they care what the facts are?“, wurde Robert Parry einst von seinem großen Kollegen Seymour Hersh gefragt. Hersh bezog sich dabei auf Mainstreammedien wie CNN, die New York Times oder die Washington Post, die immer öfter einst selbstverständliche journalistische Prinzipien verletzen und wie Karikaturen ihrer selbst erscheinen: meinungsstark und faktenschwach.

Gerade die viel beschworenen Fakten („Tatsachenwahrheiten“ im Sinne Hannah Arendts) stehen für Parry und Consortiumnews obenan. Die Autoren der Seite zeichnen sich durch einen in Fleisch und Blut übergegangenen Skeptizismus aus, folgen dem Grundsatz „audiatur et altera pars“, arbeiten konsequent multi-perspektivisch. Kaum verwunderlich, dass sie der heruntergekommenen Zunft als „outcasts and pariahs“ gelten.

Auch Parry weiß selbstverständlich, dass journalistische Objektivität ein unerreichbares Ziel ist; das heißt aber noch lange nicht, dass man die Zügel schleifen lassen dürfte, dass man nicht immer wieder eben diese Objektivität anstreben müsste.

Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass Robert Parrys gesundheitliche Probleme ihn in seiner verdienstvollen und unverzichtbaren Arbeit nicht allzu sehr einschränken werden. Gerade in unheilschwangeren Zeiten wie diesen brauchen wir unbestechliche journalistische Analytiker wie ihn.

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