Lügen lesen

Über einen Essay von Bettina Stangneth

Die Philosophin Bettina Stangneth hat mit ihrer Studie über den NS-Verbrecher Adolf Eichmann sowie dem nachfolgenden Essay über „Böses Denken“ große Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. In ihrem neuen Buch bleibt sie ihrem Thema treu: Sie beschäftigt sich mit dem Phänomen der Lüge, jener eigentümlichen Kommunikationsform, die wir zwar missbilligen, wenn wir von ihr betroffen sind, der wir uns aber selbst immer wieder wie selbstverständlich bedienen.

Wer über die Lüge philosophiert, verstrickt sich allzu leicht und schnell in einen Moraldiskurs. Er tut damit den zweiten Schritt vor dem ersten. Zunächst einmal, so Bettina Stangneth, müsse es um Erkenntnistheorie gehen, also um die Frage, was die Lüge eigentlich ist: Was tun wir, wenn wir lügen? Warum tun wir es, wann tun wir es und in welchen Zusammenhängen?

In jedem der kurzen, essayistisch gehaltenen Kapitel des Buches wirft die Autorin ein Schlaglicht auf das schillernde Phänomen der Lüge, stets wohldurchdacht und in filigraner Sprache. Ihre intellektuellen Bezugspunkte sind die Großen der Philosophie, von Platon bis Derrida. Vieles von dem, was sie ausführt, ist denn auch nicht unbedingt neu, eher eine notwendige Erinnerung an das, was von anderen schon gedacht wurde.

Von Hannah Arendt erfahren wir, dass die Fähigkeit des Menschen zur Lüge eine Bedingung seiner Freiheit sei; oder wir lernen, dass die Lüge nur im Dialog stattfinden kann, zu ihrem Gelingen also notwendig derjenige gehört, der sich belügen lässt; dass Lügen immer auch ein Können und Wissen ist, jedenfalls hohe Anforderungen an den Lügner stellt; dass die Lüge nur als Metamorphose Lüge sein kann, als etwas also, das wir nicht als das erkennen, was es ist.

So anregend und bereichernd diese Art des Diskurses zweifelsohne ist, sie führt notwendigerweise zu Abstraktionen. Selbstverständlich kennt Stangneth sämtliche Argumente, die sich die Lobredner und Verharmloser der Lüge im Lauf der Zeit haben einfallen lassen. Auch sie weiß, dass die Lüge in den unterschiedlichsten Formen auftreten kann und benennt einige von ihnen, auch sie weiß, dass die Motive oder Interessen des Lügenden ganz verschieden sein können. Doch was folgt daraus?

Natürlich gibt es da die eindeutigen und verwerflichen Lügen, etwa wenn ein Politiker behauptet, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen, oder ein anderer, dass seit 5 Uhr 45 zurückgeschossen werde. Doch nirgends im Buch wird der schier unendliche Phänomenbereich der Lüge aufgefächert. Das führt immer wieder zu apodiktischen Aussagen, die sich bei näherer Betrachtung als fragwürdig erweisen.

Auf der einen Seite konzediert die Autorin zum Beispiel, dass jeder von uns schon gelogen hat oder belogen wurde, mehr noch: dass wir in einer zutiefst verlogenen Welt leben. Auf der anderen behauptet sie aber, dass uns nichts so sehr überrasche, so unvorbereitet treffe wie eine Lüge. Doch ist das wirklich so? Gehen wir nicht, im Gegenteil, davon aus, dass Lügen zum Alltagsgeschäft gehört?

Nehmen wir ein Vorstellungsgespräch: Beide Parteien, Personalchef und Bewerber, zeigen sich von ihrer besten Seite, übertreiben die jeweiligen Vorzüge, verschweigen die Nachteile – und beide wissen es. Ebenso im privaten Bereich: Selbstverständlich weiß die Gastgeberin, dass das überschwängliche Kompliment eines Besuchers nicht so ganz aufrichtig ist – darüber freuen wird sie sich dennoch. Eltern loben die Zeichnung ihres kleinen Kindes aus guten Gründen auch dann, wenn das Ergebnis noch arg zu wünschen übrig lässt. Und wer mir eine allzu indiskrete, ungehörige Frage stellt, muss damit rechnen, dass ich meine Privatsphäre schütze und die Antwort unehrlich ausfällt.

Anders gesagt: Wenn wir lügen, ist die Lüge nicht immer und unbedingt das Wesentliche. Wer in einer Diktatur einem unschuldig Verfolgten hilft, indem er die Verfolger in die Irre führt, also lügt, vollbringt einen Akt des Widerstands; würde er anders handeln und die Wahrheit sagen, machte er sich schuldig, würde zum Denunzianten oder Verräter.

Gegen Ende ihres Buches wechselt Stangneth dann doch auf die moralische Ebene. Sie schlägt uns vor, die Masken fallen zu lassen, ermutigt uns zur Aufrichtigkeit in zweckrationalen Beziehungen, also etwa am Arbeitsplatz, und zur rückhaltlosen Offenheit im Privaten. Und sie verurteilt die Lüge – Immanuel Kant folgend – als „Anti-Aufklärung“, weil sie einen Menschen daran hindere, sein Denkvermögen vernünftig einzusetzen.

Dass die Lüge dies, also Anti-Aufklärung, tatsächlich sein kann, ist unbestreitbar. Doch sie kann auch weniger, mehr oder anderes sein. Sie ist eine menschliche Kommunikationsform in einer Grauzone. Darüber lässt sich Vieles sagen, aber nur wenig Allgemeingültiges.

Bettina Stangneth: Lügen lesen. Rowohlt Verlag, 202 Seiten, € 19,95

Beitrag für die SWR 2-Sendung Lesenswert Kritik, 24.01.2018

3 Kommentare zu „Lügen lesen

  1. „Dass die Lüge dies, also Anti-Aufklärung, tatsächlich sein kann, ist unbestreitbar. Doch sie kann auch weniger, mehr oder anderes sein. Sie ist eine menschliche Kommunikationsform in einer Grauzone. Darüber lässt sich Vieles sagen, aber nur wenig Allgemeingültiges.“

    Trägt die Autorin diesem klugen Fazit Rechnung, sprich zeigt sie anhand von Lügen auf, wer sie mit welcher Absicht praktiziert(e)?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s