Medienkritik damals

Kierkegaard – Kraus – Kautsky

Vor einiger Zeit zitierte und kommentierte ich an dieser Stelle unter dem Titel Lügenpresse 1863 Auszüge einer Rede Ferdinand Lassalles. Darin ging der Gründervater der deutschen Sozialdemokratie mit der Presse seiner Zeit hart ins Gericht. Das hat vielen Leserinnen und Lesern gefallen. Weil es so schön war, will ich heute weitere Beispiele „historischer Medienkritik“ zum Besten geben.

I.

„Wehe, wehe über die Tagespresse! Käme Christus jetzt zur Welt, so nähme er, so wahr ich lebe, nicht Hohepriester aufs Korn, sondern die Journalisten!“

Das schrieb Sören Kierkegaard 1846. Doch der große dänische Philosoph und Theologe, der oft unter Pseudonym veröffentlichte, geht noch weiter:

„Gott im Himmel weiß: Blutdurst ist meiner Seele fremd, und eine Vorstellung von einer Verantwortung vor Gott glaube ich auch in furchtbarem Grade zu haben: aber dennoch, dennoch wollte ich im Namen Gottes die Verantwortung auf mich nehmen, Feuer zu kommandieren, wenn ich mich nur zuvor mit der ängstlichsten, gewissenhaftesten Sorgfalt vergewissert hätte, dass sich vor den Gewehrläufen kein einziger anderer Mensch, ja auch kein einziges anderes lebendes Wesen befände als – Journalisten.“

Karl Kraus hat dieses Kierkegaard-Zitat – wie gesagt: von 1846 – in seiner Zeitschrift Die Fackel sowie in seinen öffentlichen Lesungen oft  verwendet. Erstmals tat er es 1916, also genau 70 Jahre später, mitten im Ersten Weltkrieg. Damals kommentierte Kraus die Kierkegaard’sche Invektive wie folgt:

„Und nach siebzig Jahren, wo es um so viel siebzigmal wünschenswerter wäre, als es siebzigmal mehr Gewehrläufe und Journalisten gibt, stehen sie nicht vor ihnen, sondern dahinter, haben sie laden geholfen und sehen zu, man zeigt ihnen, wie es schießt und fließt, und wartet, bis sie kommen, es zu beschreiben. Welche Verantwortung nimmt die Erde, die solches will und erträgt, im Namen Gottes auf sich!“

II.

Von Interesse dürfte auch dieses Zitat aus dem Jahr 1891 sein. Autor ist Karl Kautsky, zu Zeiten des Kaiserreichs theoretischer Kopf der deutschen Sozialdemokratie und der Sozialistischen Internationale (die Rechtschreibung habe ich heutigen Gepflogenheiten angepasst).

„Es wäre zu weit gegangen, wollte man sagen, dass jeder einzelne Journalist persönlich die Korruption praktiziere. Aber auch die anständigen unter ihnen leben inmitten der allgemeinen Korruption, so dass sie ihnen schließlich als etwas Selbstverständliches, Natürliches und der Kampf dagegen als ‚Skandalmacherei‘ erscheint. Und die Korruption ist zu einer Lebensbedingung für die bürgerliche Presse geworden. Eine Zeitung, die sich nicht verkauft, findet nur schwer die Mittel, deren ein ‚großes‘ Journal heute bedarf, um den Ansprüchen seines blasierten Publikums genügen zu können. Insofern leben auch die anständigen Journalisten von der Korruption, und wer da nicht mittun will, nun, dem geht es eben wie dem Dr. Mehring: er wird exkommuniziert, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und in die Acht erklärt, das heißt, dem Verhungern preisgegeben.“

Bei dem von Kautsky erwähnten „Dr. Mehring“ handelt es sich um den großen sozialdemokratischen Publizisten und Historiker Franz Mehring. Bevor Mehring zur Sozialdemokratie stieß, war er viele Jahre für bürgerliche Blätter tätig, u.a. (seit 1884) für die liberale Volks-Zeitung – Organ für Jedermann aus dem Volke, deren Chefredakteur er 1889 wurde.

Mehring übte Kritik an Bismarcks Sozialistengesetzen, was mehrfach zum kurzzeitigen Verbot der Volks-Zeitung führte. Das Fass zum Überlaufen brachten aber seine Angriffe auf den renommierten Autor und Theatermann Paul Lindau. Der hatte eine Affäre mit einer bekannten Schauspielerin, und als die Beziehung in die Brüche ging, machte Lindau seinen Einfluss geltend und tat sein Möglichstes, um der Akteurin die Karriere zu vermasseln. Mehring ergriff Partei für das Opfer, zum Missfallen seiner Verleger Emil Cohn und Rudolf Mosse. 1890 wurde er fristlos gekündigt.

2 Kommentare zu „Medienkritik damals

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