Popel-Rotz

Von der Leyen, Grüffelo und Mainstream-Sound

Der nationalkonservative Schriftsteller Rudolf Binding hat im Laufe seines Lebens viel haarsträubenden Unsinn geschrieben. Aber er hatte auch lichte Momente. Tief geprägt von seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, sagte er einmal: „Wenn ein König Krieg führen will, soll eine Mutter hingehen und es ihm verbieten.“

Ursula von der Leyen ist siebenfache Mutter. Und Bundesministerin der Verteidigung. Sie hat schwer an diesem Kreuz zu tragen. Denn den Männern, den harten Jungs, kann sie es einfach nicht recht machen. Martialische Reden, wie jüngst auf der Münchner Sicherheitskonferenz, nimmt man ihr nicht mehr ab. Sollte die Ansprache, die sie zur Eröffnung der traditionsreichen Tagung hielt, als Anmache gedacht gewesen sein, ging sie jedenfalls gründlich daneben. Kein Wunder! Das in München versammelte Publikum ist längst übersättigt. Die Jungs brauchen es einfach härter – und vor allem schneller.

Da kann sich von der Leyen abstrampeln, wie sie will. Ihre Nummer zieht nicht mehr. Denn es ist ja immer nur Die alte Leier, so die Schlagzeile in der FAZ.

Überzeugen wir uns selbst!

„Deutschland muss mehr Verantwortung tragen in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik.“

Hatte sie das nicht schon 2014 verkündet?

„Es geht um ein Europa, das auch militärisch mehr Gewicht in die Waagschale werfen kann.“

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube…

„Der Anfang ist gemacht: Wir haben die europäische Verteidigungsunion aus der Taufe gehoben. Wir haben uns politisch aufgemacht, eine ‚Armee der Europäer‘ zu schaffen!“

Siehe oben!

„Der Aufbau von Fähigkeiten und Strukturen ist das eine. Das andere ist der gemeinsame Wille, das militärische Gewicht auch tatsächlich einzusetzen, wenn es die Umstände erfordern.“

„…wenn es die Umstände erfordern“. Soll das etwa Entschlossenheit signalisieren?

„Es gibt … Fälle, da müssen wir zunächst einen Schwerpunkt auf harte militärische Mittel setzen.“

„…zunächst…“, „…Schwerpunkt…“ – Putin lacht sich eins…

„Wir sind einen neuen, einzigartigen Schritt gegangen. Wir haben festgelegt, dass in den kommenden vier Jahren zusätzliche Haushaltsmittel prioritär in zwei Bereiche fließen: den Verteidigungsbereich und die Entwicklungspolitik…“

Ach Gott, bloße Absichtserklärungen im Koalitionsvertrag! Erst mal abwarten, ob es überhaupt zu dieser Koalition kommt…Und dann der Quatsch mit der Entwicklungspolitik! Haben wir sonst noch Sorgen?

„Mit diesen Vereinbarungen hat Deutschland zum ersten Mal einen konkreten ‚Pakt für vernetzte Sicherheit‘ in harter Währung verbindlich verabredet.“

„Vernetzte Sicherheit“ – dieser nervtötende Euphemismus ist einfach nicht totzukriegen!

„Die Diskussionen der vergangenen Monate haben auch gezeigt, dass es keine transatlantische Arbeitsteilung geben darf, die da lautet: Die Einen [gemeint sind die USA, UT] sind zuständig für das scharfe Ende – die Anderen [Deutschland, die Europäer] kümmern sich um die humanitären Folgefragen und den Wiederaufbau.“

„…das scharfe Ende“! Ist sie nicht verräterisch, diese bildhafte Sprache? Warum redet sie nicht Klartext? Wie Lorenz Hemicker in der FAZ? „das scharfe Ende“, übersetzt er, heißt „töten“.

„Ganz klar: Wir Europäer müssen uns gewaltig anstrengen, um diesem Anspruch an uns selbst gerecht zu werden. Aber auch unsere amerikanischen Freunde haben eine kostbare Verpflichtung jenseits des Militärischen.“

„…eine kostbare Verpflichtung jenseits des Militärischen“? Was um alles in der Welt soll das jetzt wieder heißen?

„Weil es das Leben uns ja ins Stammbuch schreibt: Was hilft es der Familie in Mossul, wenn sie vom Terror befreit ist – dann aber verhungert? Was hilft es, wenn wir mit dem Bauern in Mali eine Bewässerungsanlage installieren, er dann aber von Al Qaida abgeschlachtet wird? Was hilft es in Afghanistan der jungen Frau, das Jurastudium abzuschließen, wenn sie dann vor einer Wand aus Korruption verzweifelt? Was bedeutet es denn, dass das Durchschnittsalter in Europa 43 und in den USA 38 Jahre beträgt, in Niger aber 14 Jahre?“

Du lieber Himmel! Dieses Zeug mag von der Leyen auf dem Evangelischen Kirchentag erzählen, aber doch bitte nicht auf der Münchner Sicherheitskonferenz!

Man kann, mehr noch: man muss verstehen, dass dem Publikum, insbesondere einigen journalistischen Beobachtern, der Geduldsfaden gerissen ist.

Da wäre zum Beispiel der schon erwähnte FAZ-ler Lorenz Hemicker. Er muss Qualen gelitten haben, zumal er einschlägig vorbelastet ist. Wie seiner Biografie zu entnehmen ist, absolvierte er „erste Schreibübungen auf Auslandsmanövern der Nato“. Bevor es ihn zur FAZ verschlug, war er sechs lange Jahre „Chef vom Dienst des sicherheitspolitischen Magazins ‚loyal‘“.

Dass selbst seine Loyalität nicht beliebig strapazierbar ist, macht er schon im ersten Satz seines Berichts über die von der Leyen-Rede deutlich. Er vergleicht sie mit einer Gute-Nacht-Geschichte für Kinder. Wie von der Leyen mehrfache Mutter, so ist Hemicker offenkundig Vater, also Kinder-Experte:

„Es gibt sie, diese Lieblingsgeschichten, die kleine Kinder ihren Eltern so gerne abringen, wenn sie ins Bett gebracht werden. ‚Nochmal, nochmal!‘ Häufig sind es wirklich schöne Märchen. Klassiker wie Schneewittchen. Comics mit kleinen Mädchen und großen Bären. Oder lustigen Monstern wie dem Grüffelo. Doch die schönste Geschichte verliert an Glanz, wenn die Kleinen sie zum hundertsten, tausendsten Mal hören. Irgendwann halten sie sich die Ohren zu. Oder sie schreien: ‚Nicht schon wieder!‘ Das ist der Fluch der alten Leier.“

„Nie wieder“, hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg. „Nicht schon wieder!“, schreit jetzt der kleine Hemicker. Doch er meint es anders. Wobei er, wie es sich für ein wohlerzogenes Kind gehört, nicht ganz ungerecht ist. Er gibt zu, dass sich Deutschland „bei der Stärkung der Nato-Ostflanke“ tatsächlich „engagiert“ hat. Nur – das reicht ihm eben nicht:

„Wie herausfordernd diese noch relativ bescheidenen Herausforderungen für die Bundeswehr derzeit sind, musste sie [von der Leyen, UT] nicht sagen.“

Immerhin sagt Hemicker hier in wünschenswerter Klarheit, dass Herausforderungen herausfordernd sind. Und er sagt es, obwohl es sich doch um „noch relativ bescheidene Herausforderungen“ handelt.

Welche weniger bescheidenen Herausforderungen mögen da noch auf uns zukommen? Woran denkt Hemicker? Weiß er etwas, was wir noch nicht wissen? Will er gar etwas, was wir nicht wollen? Hält er womöglich so etwas wie einen neuerlichen Verteidigungskrieg gegen die russische Aggression für erforderlich?

Aber nein, derlei können wir getrost ausschließen. Hemicker ist, wie gesagt, FAZ-Redakteur, zudem einer, der sich mit Grüffelos und großen Bären auskennt. Mit solchen Leuten geht zwar manchmal die Fantasie durch, aber wenn’s drauf ankommt, also ernst wird, ziehen sie den Schwanz ganz schnell wieder ein und mahnen zur Vernunft. Und wenn der Volksmund sagt „aller guten Dinge sind drei“ (Napoleon, Hitler, N.N.), werden die Hemickers darauf verweisen, dass es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit keineswegs ausgemacht ist, dass beim dritten Mal klappt, was schon beim ersten und zweiten Mal nicht geklappt hat.

Carsten Luther von der ZEIT tickt ganz ähnlich wie Kollege Hemicker.

„Was will und kann Deutschland zur Verteidigungsfähigkeit der Nato beitragen? Auf der Münchner Sicherheitskonferenz findet die Ministerin darauf keine rechte Antwort.“

Die „rechte Antwort“ wäre natürlich die Antwort der Rechten gewesen. Doch obwohl rechts – so rechts wie einige andere Rechte ist von der Leyen nun auch wieder nicht. Ganz zum Leidwesen Luthers. Wo Hemicker mit Kindermärchen argumentiert, macht der ZEIT-Mann einen Ausflug in die Welt der Musik:

„Für Ursula von der Leyen ist die Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr so eine Art sicherheitspolitischer Luftgitarrenwettbewerb: Aus den Lautsprechern kommen die alten Hits, es rockt auch irgendwie, aber richtige Instrumente wären schon besser…“

Ohne die richtigen Instrumente kann es natürlich mit dem Tschingderassabum nichts werden. Eine fatale Sache, soll von der Leyens Truppe doch „weltweit gebucht werden“. Den anspruchsvollen Musikkennern im Publikum, unter ihnen Luther, kann die Ministerin nichts vormachen. Sie hören die Misstöne und sind verstimmt. Der Koalitionsvertrag gibt zwar einen ansprechenden „Sound“ vor, aber die „kritischen Fans“ sind nicht zu beruhigen: „Das Equipment ist kaputt oder fehlt, die ganze Band weiß nicht recht, wohin es gehen soll und ob sie dafür gut genug ist.“

Ja ist es denn zu glauben? Luther fällt vom Glauben ab! Er bezweifelt doch tatsächlich, dass aus den Abmachungen im Koalitionsvertrag „noch ein Hit werden kann“. Denn: „An der Regierung, auf die alle warten, wird ja sehr wahrscheinlich auch die SPD beteiligt sein – und die legt gegen das Zwei-Prozent-Ziel der Nato sehr laut ihren Schlager von der bösen Aufrüstung auf.“

Doch die SPD ist es nicht allein – wir alle haben unser Scherflein zur Misere beigetragen: „…ein Grund für die mangelnde militärische Einsatzbereitschaft der Bundesrepublik ist ja das – trotz aller aktueller Bedrohungen – fehlende gesellschaftliche Verständnis hierzulande, dass so etwas wie eine einsatzbereite Armee in Deutschland überhaupt nötig ist.“

Ach, man möchte Mitleid mit ihnen haben. Mit Hemicker, mit Luther, mit von der Leyen sowieso. Ihre Nerven liegen blank. Vor einiger Zeit beklagte sich Luther bitterlich und völlig zu Recht über die bösartigen, beleidigenden Briefe, mit denen seine Leserinnen und Lesern ihn immer wieder traktieren. Doch Luther zahlt ihnen heim. Er will, schreibt er ihnen, sich „diesen Popel-Rotz“ nicht mehr antun.

„Popel-Rotz“!?

Eins steht fest: Solange solch tiefen Gräben durchs Land gehen, wird das nichts mit Deutschlands Rolle in der Welt.

Ein Kommentar zu „Popel-Rotz

  1. vdL ist symptomatisch für Berlin. Ihre beiden Kernkompetenzen sind das heftige Klappern mit den Augenlidern und der souveräne Umgang mit der Haarspraydose – das war’s.

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