Toyota-Journalismus

0,3 Prozent – oder waren es doch 0,4?

Genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Es ist einfach schon zu lange her, mehr als 30 Jahre. Damals, in den 1980er Jahren, zeigte das ZDF, das inzwischen zur Abspielstätte für Krimis und Herzkino degeneriert ist, mit einer gewissen Regelmäßigkeit noch richtig gute Fernsehspiele. Mit „gut“ meine ich: politisch-aufklärerisch.

Eines dieser Fernsehspiele hieß Das Wahlergebnis. Ich konnte nicht ermitteln, ob es je wiederholt wurde (eher nicht). Produziert wurde es jedenfalls 1986. Das Drehbuch schrieb Hanno Lunin, Regie führte Joachim Roering. Vor der Kamera standen viele bekannte Schauspieler: Gerd Baltus, Michael Degen, Rosemarie Fendel, Uwe Friedrichsen, Volkert Kraeft, Jörg Pleva, Peter Striebeck, Beatrice Richter…

Der Inhalt ist schnell erzählt: In der Sendung wurde so getan, als wäre Bundestagswahl gewesen. Man sah das ZDF-Wahlstudio, scheinbar live und definitiv in Farbe. Im Hintergrund werkelte die Forschungsgruppe Wahlen an den Hochrechnungen. Vorne turnten die Moderatoren mit ihren Interviewgästen, also den Politikern.

Mit Spannung wartete man auf die ersten verlässlichen Zahlen. Als sie einliefen und sich das Ergebnis stabilisierte, bedankten sich die Politiker artig bei ihren Wählern und den vielen freiwilligen Helfern im Land. Sie deuteten die jeweiligen Gewinne und Verluste, spekulierten über Koalitionsoptionen, kündigten eine sorgfältige Analyse an – nicht jetzt natürlich, sondern morgen in den dafür zuständigen Parteigremien.

Wie schon gesagt, ich kann mich an viele Einzelheiten nicht mehr erinnern. Aber da das Ergebnis nicht wesentlich von den allgemeinen Erwartungen abwich, lobte man sicherlich auch die Stabilität unserer Demokratie und sinnierte gewiss über die Frage, was uns der Wähler damit sagen wollte.

Ab und zu kam eine Wahlforscherin zu Wort oder lief hektisch durchs Bild, die gewisse Ähnlichkeit mit Elisabeth Noelle-Neumann, der „Pythia vom Bodensee“, hatte.

Kurzum, es war das Übliche. Und es war täuschend echt. Weshalb man während der Sendung mehrfach den Hinweis einblendete, dass es sich nicht um einen wirklichen Wahlabend, sondern nur um ein Spiel handele.

Das alles war sehr lustig, weil parodistisch. Es brachte die ganze Sache sozusagen auf eine Meta-Ebene. Wir sahen das, was wir sehen, wenn wirklich Wahlabend ist. Doch irgendwann wäre das Spiel ein bisschen langweilig geworden, wäre es da nicht, wie in jedem guten Drama, zu einem Höhe- und Wendepunkt gekommen.

Es geschah etwa in der Mitte der Sendung: Da fragte der Moderator eher beiläufig den Mann, der die Hochrechnungen zelebrierte, wie denn eigentlich die Wahlbeteiligung gewesen sei. Der Mannheimer kramte dann einen Moment in seinen Unterlagen, wurde fündig und gab (sinngemäß) bekannt: „Ja, die Wahlbeteiligung – äh, also die Wahlbeteiligung, ja, ich sehe hier gerade, die Wahlbeteiligung lag – bei 0,3 Prozent.“

Ab diesem Moment war das Fernsehspiel nicht länger Parodie, sondern mutierte zur handfesten Satire. Alles lief aus dem Ruder. 0,3 Prozent! Ein Einbruch bei der Wahlbeteiligung um 70 bis 80 Prozentpunkte! Unfassbar! Wie konnte das geschehen? Wie ist das zu erklären? Was jetzt?

Ich weiß wirklich nicht mehr, wie das Ganze ausging, welchen Reim man sich also auf die Katastrophe machte. Aber ich erinnere mich noch sehr gut, dass mir damals zum ersten Mal die Bedeutung alternativer Fakten klar wurde – obwohl es den Begriff, der heute ein Unwort ist und mit Lüge gleichgesetzt wird, noch gar nicht gab.

Schlagartig waren alle „Fakten“, die man im ersten Teil des Sendung präsentiert hatte, Makulatur. Die Stimmenanteile, die Sitzverteilung, die Botschaft des Wählers, die Stabilität der Demokratie – bloßer Mumpitz. Ein alternatives Faktum, die Wahlbeteiligung, hatte alles auf den Kopf gestellt. Eine halbe oder dreiviertel Stunde hatte man des Kaisers schöne neue Kleider bewundert, doch dann gab der Mann von der Forschungsgruppe Wahlen bekannt, dass der Kaiser nackt ist. Herrlich.

Ja, mit solchen alternativen Fakten muss man immer rechnen. Und man muss sich rechtzeitig überlegen, wie man mit ihnen umgehen will. Damals, 1986, wurde man noch kalt erwischt. Aber inzwischen hat sich die Welt weitergedreht. Was würde man heute tun?

Würde man von vornherein sagen: „Ach, die Wahlbeteiligung tut nichts zur Sache, die ist keine Meldung wert. Sollen die Leute doch im Internet recherchieren, wenn sie’s wissen wollen.“ Oder würde man mit offenen Karten spielen und dem Ganzen einen Spin geben? „0,3 Prozent!!! Ist das nicht überwältigend! Ist das nicht ein Vertrauensbeweis sondergleichen!?“

Nun wird mancher sagen: Unmöglich, ausgeschlossen. So etwas könnten die niemals bringen.

Aber so sicher wäre ich mir da nicht. In den USA, die uns immer ein Stück voraus sind, geschieht zurzeit nämlich genau das. Da wurden gerade 13 Russen – die Wilden Dreizehn, wie Mathias Bröckers sie nennt – vom Sonderermittler Robert Mueller angeklagt, einen regelrechten Informationskrieg, einen unglaublichen Cyberwar vom Zaun gebrochen zu haben. Unter falschen Namen hätten sie doch tatsächlich Facebook- und Twitter-Accounts eröffnet und sich zugunsten von Trump und Sanders und gegen Clinton in den US-Wahlkampf eingemischt.

Die Wirkung dieses offenbar ziemlich dilettantischen Unterfangens liegt zwar im nicht messbaren Bereich, also weit unter 0,3 Prozent, dennoch weiß Der Spiegel (nebst vielen anderen) zu berichten, dass es sich bei Muellers Anklageschrift um „ein einmaliges Dokument [handelt]: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“

Es geht also doch, wie man sieht. Man kann ein Nullkommanix ohne Weiteres zu einer Haupt- und Staatsaktion aufblasen. Durchaus vorstellbar, dass dieser Art von Journalismus – nennen wir sie „Toyota-Journalismus“ – die Zukunft gehört. Jedenfalls arbeiten wir dran. „Nichts ist unmöglich!“

2 Kommentare zu „Toyota-Journalismus

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