Putin zeigt die Instrumente

Keine guten Nachrichten für Schlafwandler

Die Rede Wladimir Putins am 1. März 2018 vor der Föderalen Versammlung seines Landes verdient weit mehr Aufmerksamkeit, als ihr in den westlichen Medien bislang zuteil geworden ist. Vor allem verdient sie erheblich größere analytische Anstrengungen, als besagte Medien offenbar zu leisten imstande (oder zu leisten gewillt) sind. Man muss sich – wie so oft – anderswo umschauen, um zu begreifen, was die Ankündigungen des russischen Präsidenten bedeuten.

Worum geht es? Sagen wir es so einfach wie möglich:

Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts standen sich in einem bipolaren globalen System die nuklear hochgerüsteten USA und die ebenfalls nuklear hochgerüstete UdSSR gegenüber. Man sprach von einem „Gleichgewicht des Schreckens“. Der Satz „Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter“ war an der Tagesordnung. Jedermann war klar: Sollte es zu einem Nuklearkrieg kommen – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt –, würde er nur Verlierer hinterlassen. Er würde zur beiderseitigen Vernichtung führen. Im Englischen sprach man von „Mutally Assured Destruction“, abgekürzt MAD.

„Mad“ heißt verrückt. Doch so verrückt diese nukleare Parität gewesen sein mag, sie wirkte zügelnd, abschreckend und sorgte für eine prekäre Stabilität des Systems. Um diese Stabilität auch zukünftig zu garantieren, handelten die beiden führenden Nuklearmächte den ABM-Vertrag aus. Er verbot die Produktion von Abwehrsystemen, durch die die Zweitschlagsfähigkeit der anderen Seite in Frage gestellt werden könnte. MAD setzte die wechselseitige Verwundbarkeit voraus, und so sollte es bleiben. Alles andere würde die Balance gefährden, also ein Ungleichgewicht des Schreckens heraufbeschwören.

In seiner Rede erinnerte Putin daran, dass es die USA waren, die diese Geschäftsgrundlage des Nuklearzeitalters aufkündigten, als sie 2002 den ABM-Vertrag verließen und sich anschickten, Raketenabwehrsysteme zu entwickeln und zu installieren. Alle russischen Proteste seien ignoriert, alle russischen Vorschläge seien zurückgewiesen worden. Die USA, so Putin, hätten nukleare Überlegenheit angestrebt. Sie hätten das Ziel verfolgt, sich selbst unverwundbar zu machen. Hätte die russische Seite dieser Entwicklung tatenlos zugesehen, wäre ihr Nuklearpotential auf Dauer nutzlos, also im Ernstfall wirkungslos geworden.

Die von Putin in seiner Rede publikumswirksam vorgestellten neuen russischen Waffensysteme verfolgen das Ziel, die ursprüngliche nukleare Parität wiederherzustellen. Denn sie ermöglichen es, sämtliche von den USA ersonnenen Abwehrmaßnahmen zu umgehen. Es handelt sich demzufolge um eine Reaktion auf die beschriebenen US-Aktivitäten. Die Systeme sind aus russischer Sicht eine Verteidigungsmaßnahme. Sie sollen niemanden bedrohen.

Putin koppelte seine Ankündigungen mit einem Verhandlungsangebot. Lange, sagte er, habe man Russland nicht zuhören wollen. Jetzt werde man zuhören. Lange habe man sich Verhandlungen verweigert. Nun werde man, so hoffe er, sich zu Verhandlungen bereitfinden.

Ob Putin tatsächlich an eine solche Entwicklung glaubt, kann ich nicht beurteilen. Eher nicht, wäre meine Vermutung. Denn es steht zu befürchten, dass seine Rede von amerikanischer Seite als Bestätigung für die behauptete russische Aggression und als Legitimation für einen verschärften Rüstungswettlauf genommen wird. Die längerfristigen Folgen einer solchen Eskalation mag man sich nicht ausmalen.

Eine westliche Deutungsrichtung der Rede Putins besagt, dass es sich bei seinen Ankündigungen um einen Bluff, um Angeberei handele. Darauf sollte man sich nicht verlassen. Allerdings ist zweierlei zu bedenken: Zum einen kann man beruhigend darauf hinweisen, dass Putin die Sicherheitslage seines Landes dramatischer darstellt, als sie tatsächlich ist. Denn es ist keineswegs ausgemacht (es wird sogar von Experten grundsätzlich bezweifelt), ob eine zuverlässige westliche Raketenabwehr technisch überhaupt realisierbar ist. Was im Umkehrschluss bedeuten würde, dass das russische Nuklearpotential – anders als Putin behauptet – keineswegs in Gefahr steht, obsolet zu werden. Sodann sind die jetzt vorgestellten neuen Waffensysteme ganz überwiegend noch nicht einsatzbereit. Es bleibt abzuwarten, ob und wann sich die Lage ändert.

Nun einige Literaturhinweise für diejenigen, die sich vertieft mit dem Thema beschäftigten möchten.

Zur Frage, wie ernst Putins Ankündigungen zu nehmen sind, ist es reizvoll, den geradezu euphorischen Kommentar von Andrei Martyanov mit den eher skeptischen Überlegungen Jonathan Marshalls zu vergleichen.

Marshall schreibt:

„Be afraid. Be very afraid of Russian President Vladimir Putin’s latest boast to his Federal Assembly that Russian scientists have come up with ‚a breakthrough in developing new models of strategic weapons’ aimed at the United States.

Don’t be afraid that he has any intention of using them. Don’t even be afraid that most of the weapons he demonstrated through animated simulations are operational.

Be afraid, rather, that armchair Cold Warriors in the United States will shamelessly exploit Putin’s speech to justify billions—no, trillions—of dollars in needless spending on a pointless nuclear arms race.“

Bei Martyanov heißt es:

„The overall impression today, a day after Putin’s presentation, can be described in simple terms as such: the missile gap is real and, in fact, it is not a gap but a technological abyss.”

„…today it is patently clear that Russia holds an overwhelming military-technological advantage in cruise and aero-ballistic missiles and leads the US by decades in this crucial field.“

„This is a complete game changer geopolitically, strategically, operationally, tactically and psychologically.“

Des Weiteren sei auf drei größere Texte von Alexander Mercouris hingewiesen. Er ist Herausgeber der pro-russischen, aber an ein westliches Publikum gerichteten Website The Duran. In seinem ersten Beitrag, unmittelbar nach der Rede Putins, hat er die neuen waffentechnischen Entwicklungen umfassend dokumentiert und sachkundig erläutert. In einem zweiten Beitrag geht er auf die politischen Implikationen ein, die Putins Ausführungen für das amerikanisch-russische Verhältnis haben könnten, in einem dritten betrachtet er die Entwicklung im globalen Maßstab.

Nicht minder lesenswert ist die Analyse Gilbert Doctorows. Der in Brüssel ansässige Analytiker widmet seine Arbeit einem Ausgleich zwischen Russland und dem Westen. Weshalb es ihm wichtig erscheint, jegliche Vermutung, dass es sich bei Putins Ankündigungen um einen bloßen Bluff handeln könnte, zurückzuweisen.

„Yesterday’s speech suggested not the onset of a new arms race, but its conclusion, with outright Russian victory and US defeat.

Putin’s address was a ‚shock and awe’ event.  […] Whether short range or unlimited range, whether ground launched or air launched, whether ballistic missiles or cruise missiles, whether flying through the atmosphere or navigating silently and at high speed the very depths of the oceans, these various systems are said to be invincible to any known or prospective air defense such as the United States has invested in heavily since it unilaterally left the ABM Treaty and set out on a course that would upend strategic parity.“

„These systems are not a wish list, they are hard facts.”

„It is a national scandal for the country [gemeint sind die USA, U.T.] to lose an arms race it was not even aware was occurring.”

Nachdrücklich zu empfehlen ist sodann die Analyse von Scott Ritter, dem ehemaligen Waffeninspekteur der Vereinten Nationen, der zu den weltweit besten Kennern der Materie gehört. Sein Beitrag legt den Akzent auf die eminente und in den kommenden Jahren weiter wachsende Nuklearkriegsgefahr. Und auch Ritter ist es wichtig, die Bluff-These zu entkräften.

„The anti-Russian rhetoric of American politicians in Congress […] only plays into the hands of those who treat the ongoing face-off between the U.S. and Russia as nothing more than a bluff. Nothing could be further from the truth.“

„This refusal to accept the fact that there exists today a new reality carries with it the potential for catastrophic miscalculation.”

Ritter verweist in diesem Zusammenhang auf den Krieg in Syrien, aber auch auf andere Konfliktherde, wo sich die USA und Russland unmittelbar gegenüberstehen:

„So far, clashes have been limited to proxies, but it is only a question of when, not if, American and Russian forces engage in force-on-force combat.”

Nicht weniger eindringlich formuliert der langjährige, renommierte Russland-Korrespondent John Helmer. Schon der erste Satz seines Artikels, der sich ansonsten stark auf die innenpolitischen Aspekte von Putins Rede konzentriert, lässt aufhorchen:

„Vladimir Putin has declared that for his last term in office, Russia is at war with the United States.”

Am Ende seines Beitrags erklärt Helmer, was aus Putins strategischen Ausführungen für die Machtverhältnisse innerhalb Russlands zu entnehmen ist – und wie es in Putins letzter Amtszeit und danach weitergehen könnte:

„As a statement of Russian strategy, Putin is turning the US theory of Russian regime change on its head, reinforcing the president instead of isolating and toppling him. In practice, Russian sources in a position to know believe his performance reveals the new power of the military-industrial complex and the General Staff to fight the business oligarchs for influence over Putin, and for winning the succession. They predict Putin’s successor will be more military-minded, more anti-American than Putin thought safe for himself until now.”

Das ist übrigens auch die Einschätzung des schon erwähnten Alexander Mercouris:

„The US should not assume that once President Putin is gone whoever succeeds him will be more accommodating to the US than he is.  On the contrary my experience is that the opposite is more likely to be true.

However a small window of opportunity for a rapprochement remains.  Given Russia’s growing power, the only rational course is to use such time as is left to make the best use of it before it finally closes.”

7 Kommentare zu „Putin zeigt die Instrumente

  1. Meine Analyse auf Rubikon.News beginnt ähnlich, endet aber anders.
    https://www.rubikon.news/artikel/putins-neue-wunderwaffen
    Putin machte den vermutlich größten Betrugsfall in der Menschengeschichte offenbar. Nämlich die Behauptung, dass ein Raketenschutzschirm auf Dauer Schutz gewähren könnte.

    „Keiner der Kommentatoren aber kommt auf die Idee, dass Putin mit seinen Ankündigungen in erster Linie aufzeigen will, dass der Raketenschirm überflüssig ist und es sich um einen riesigen Betrug der Rüstungsindustrie handelt, der lediglich das Geld der Steuerzahler des Westens absaugen soll, aber wegen neuer Waffensysteme schon überholt sein wird, wenn er denn voll einsatzbereit ist.“

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    1. jeder mit etwas gemischtem Informationsinput wusste, dass dieser „Schutzschild“ (A) so nicht funktionieren konnte und (B) ein System für Dual Use ist und auf Russland gerichtet.

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  2. Auch diese Analyse hat den Inhalt und die Tragweite nicht voll dargelegt (oder nicht erkannt):
    Es geht um mehr als nur darum, dass nun alle Raketenabwehrschirme und deren Kosten obsolet und verbranntes Geld sind, das ist nur die vordergründige Sicht. Richtig, aber unvollständig.
    Die viel dramatischere (für USA und NATO) Nachricht ist eine andere, viel weiter gehendere: „Listen me Now“ sagte Putin, nicht ohne Grund und dramaturgisch gewollten Effekt.
    1) JEDER Angriff (also auch mit Mini-Nukes) mit Nuklearwaffen wird SOFORT beantwortet
    2) mit den neuen Systemen können nicht nur die Abwehrschilde umgangen werden, sondern (Achtung !!!) JEDER PUNKT IN DEN USA OHNE JEDE ABWEHRMÖGLICHKEIT, und zwar nicht nur nuklaer, sondern auch punktuell und mit konventionellen Sprengköpfen.
    Das bedeuetet im Klartext: Wenn wir wollen, können wir, ohne einen Atomkrieg loszutreten, Euch überall im eigenen Land massiv beschädigen.
    Das ist was absolut Neues für die USA. Hat es noch nie gegeben. Totale Verwundbarkeit im eigenen Land, ohne Chance einer Gegenwehr (unterhalb von Atomwaffeneinsatz)
    DAS WAR DIE WIRKLICHE NACHRICHT ! Ende der US-Dominanz ist NOW.
    und dann ein (letztmaliges?) Angebot, zu reden. Wobei nun Russland nich tmehr, wie zuvor, als Bittsteller erscheint, sondern sich die Rollen ungekehrt haben: die USA sind nun die Bittsteller.
    Die USA werden einige Zeit brauchen, um das zu verdauen und die Tragweite zu begreifen. (Hoffentlich brauchen sie dafür nicht erst eine Demonstration durch realen Einsatz, ich befürchte aber, vor einer Demonstration werden sie nicht umdenken können. Ein Herrscher über die Welt versteht erst seinen Niedergang, wenn er fällt, nicht vorher)

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  3. Dieser Satz lässt 2erlei Interpretation zu. Eine davon machtmir Angst:
    „…However a small window of opportunity for a rapprochement remains. Given Russia’s growing power, the only rational course is to use such time as is left to make the best use of it before it finally closes.”“
    kann man auch so verstehen, dass zu einem Präventivschlag aufgerufen wird, bevor das Fenster dazu schlieest, d.h., bevor Russland alles Systeme fertig stationiert hat (was für etwa 2023 erwarete wird)
    Angesichts der Erfahrung der letzten 100 Jahre mit den USA befrüchte ich eine reale Gefahr für Umsetzung dieser Interpretation.

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  4. Danke für die Erläuterung. Würde mir wünschen, dass unsere Mainstream-Medien mal zu einem ähnlichen Ergebnis kommen würden, aber außer Russland-Bashing ist da derzeit nicht mehr drin. Sehr bedauerlich.

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