Rumble in the Jungle (samt Updates)

Die Politclowns Ihrer Majestät

Seit Tagen möchte ich etwas zum „Fall Skripal“ schreiben. Doch es will mir nicht gelingen. Ich bin einfach sprachlos.

Was folgt, ist der Versuch, meine Sprachlosigkeit in Worte zu kleiden.

Zunächst die Frage: Wer war’s?

Antwort: Keine Ahnung.

Ein Geheimdienst vermutlich nicht, andernfalls hätten die Opfer kaum überlebt.

Wie agiert(e) die Regierung Ihrer Majestät?

„Reckless“, wie man im Englischen sagen würde.

Unbekümmert um Fundamentalprinzipien des Rechtsstaats (Unschuldsvermutung) polterte man munter drauf los. Völkerrechtliche Verpflichtungen, diplomatische Gepflogenheiten – so what!?

Gleich nach Bekanntwerden des Attentats legte man die Spur nach Moskau, um einige Tage später – surprise, surprise – den Anfangsverdacht bestätigt zu finden und erste Strafmaßnahmen in die Wege zu leiten.

Die führenden Verschwörungstheoretiker des Vereinigten Königreichs, Boris Johnson und Theresa May, liefen zur Hochform auf, allenfalls getoppt von einigen Medien. Statt der feinen englischen Art erlebten wir feinstes internationales Mobbing. Alles war und ist auf Krawall, auf Konfrontation gebürstet.

Kenner der Szene hat das nicht überrascht. Auf der Insel zeigt man sich schon seit längerem in Sachen Russophobie von einer besonders robusten Seite. Am 1. Februar, also Wochen vor dem Skripal-Attentat, wunderte sich die kluge und bedächtige Russland-Expertin des liberalen Independent, Mary Dejevsky, über den harschen, russlandfeindlichen Ton im Land –

„If you had spent the past few weeks in the United Kingdom as a visitor from outer space, you could have been forgiven for thinking that Russian barbarians were at the gates.”

– und grübelte über der Frage, was das alles wohl bedeuten mag.

Ja, was mag es bedeuten?

Was mag es bedeuten, dass der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson (laut Daily Telegraph vom 26. Januar 2018) verkündet: „Russia is ready to kill us by the thousands“.

„Russia“, so heißt es weiter, „could cause ‚thousands and thousands and thousands‘ of deaths with an attack that could cripple the UK’s energy supply, the Defence Secretary warned today.”

Noch’n Verschwörungstheoretiker Ihrer Majestät – der dritte im Bunde (oder in der Bande).

Damals wie heute übt sich die russische Seite in Ironie und Sarkasmus. Willamsons „krankhafte Angst“ erinnere an eine Episode aus Monthy Pythons Flying Circus, hieß es im Januar aus Moskau.

Was soll die russische Regierung denn auch anderes tun? Die Infantilisierung britischer „Außenpolitik“ nimmt  immer groteskere Züge an. Einer wie Boris Johnson – Karl Kraus hätte ihn als „verfolgende Unschuld“ bezeichnet – ist nicht satisfaktionsfähig. Mit Verschwörungstheoretikern kann man nicht diskutieren. Jeder Versuch Putins oder Lawrows, der britischen Hysterie mit Argumenten beizukommen, wäre vergeblich und würde nur Öl ins Feuer gießen.

Was Michael Butter in seinem gerade erschienenen Buch zum Thema Verschwörungstheorie schreibt, bezieht sich zwar eher auf Leute, die an Chemtrails oder Freimaurer-Komplotte glauben, aber es passt auch sehr schön auf 10 Downing Street  oder das Foreign Office:

„Empirische Studien haben gezeigt, dass Verschwörungstheoretiker in ihrem Glauben sogar noch bestärkt werden, wenn man sie mit schlüssigen Gegenargumenten konfrontiert. Das liegt daran, dass Verschwörungstheorien […] eine enorm wichtige Funktion für die Identität ihrer Anhänger erfüllen. Wenn man die Verschwörungstheorie hinterfragt, erschüttert man das Selbstbild der Gesprächspartner.“

Also lassen wir lieber die Finger davon. Bumm-Bumm-Boris wird sich schon wieder beruhigen.

Übrigens: Wer nicht bloß an Meinungen oder Propaganda, sondern an echter Aufklärung interessiert ist, lese den erhellenden Artikel des britischen Investigativ-Journalisten Nafeez Ahmed. Er fasst nicht nur sehr konzise zusammen, was sachkundige Autoren wie Craig Murray in den vergangenen Tagen zur „Wer war’s“-Frage sagten, sondern präsentiert eine Reihe weiterführender Erkenntnisse – tut also genau das, was Journalisten in der aktuellen Situation eigentlich leisten sollten.

 

Update 1

Polly Boiko ist die RT-Korrespondentin in Großbritannien. Sie arbeitet notgedrungen für „Putins Propagandasender“, weil die BBC eine wie sie nicht gebrauchen kann (und die ARD hat ja schon Hanni Hüsch…). Neuerdings betätigt sich Polly auch als Kabarettistin. Ihr neuestes Stück heißt: Whatever goes wrong – you can ALWAYS blame a Russian!

 

Update 2

Die im obigen Beitrag zitierte Mary Dejevsky hat im Independent einen vorzüglichen Kommentar zur Skripal-Affäre und zur desaströsen Politik der britischen Regierung veröffentlicht. Darin macht die sonst so zurückhaltende Journalistin aus ihrem Unmut keinen Hehl:

„You find me in rebellious mood. How many wrong lessons can the UK draw from its recent history? How many of our own supposedly cherished ‚values‘ do we have to traduce before our post-imperial bluff is finally called? Was the Iraq debacle, with its Libyan post-script, not enough to convince us that a little modesty, some respect for the international rules we so laud when it suits us, might be in order?“

Noch ein Hinweis: Für alle, die nach soliden Informationen zum Fall Skripal und seinen Hintergründen suchen, ist das Informationsportal Moon of Alabama derzeit sicher eine der besten Adressen.

 

6 Kommentare zu „Rumble in the Jungle (samt Updates)

  1. Danke für den Kommentar. Annähernd 100 Jahre nach Kriegsende 1918 hat man den Eindruck, als wäre ein neuer Krieg gewollt und Russland das perfekte „Opfer“. Lernt diese Menschheit eigentlich mal irgend etwas aus Ihrer Vergangenheit? Als Historiker komme ich mir dieser Tage vor wie Kassandra oder wahlweise wie in einem schlechten Film, dessen Ausgang nach fünf Minuten eigentlich schon klar ist. Es ist zum Verzweifeln. Als „linker Gutmensch“ hoffe ich auf den Verstand meiner Mitmenschen, denn bei unseren Politikern der neoliberalen Einheitspartei vermisse ich diesen schmerzlich. Oder wie ist angesichts über 20 Anschläge auf Moscheen in unserem Land noch zu erklären, dass ein frisch gewählter Innenminister davon faselt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland?

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  2. Wer nicht voreingenommen ist, erkennt sofort, dass alles exakt dem Irak-Muster entspricht. Ein an sich belanglioser Fall wird medial hochgepusht. Dient zunächst der Ablenkung von heimatlichem innenpolitischem Ungemach. Ablenkungsmittel ist die bequemste Propagandawaffe: Putin war’s
    So weit noch verständlich. Aber dann kommt eine Hysterie- und Bechuldigungslawine, die offensichtlich vorbereitet wurde, und zu offensichtlich ist der zeitliche Zusammenhang mit den Wahlen in Russland, dem Zusammenfall der Militanten in Ost-Ghouta und die türkische Belagerung von Afrin.
    Alles in einer erkennbaren Eskalationssteigerungsspirale, die Sonntag ihren Höhepunkt haben dürfte.
    Also ein Zusammenspiel mehrerer Interessen an (a) Vertuschung und (b) Ablenkung und (c) Machtdemonstration.
    Dazu passen auch die Sanktionen der USA und Englands, die man auch aus innenpolitischen Gründen macht, und dabei mal wieder eine Ausrede braucht.
    Gefährlich ist, dass man mittlerweile einen Hysterielevel erreicht hat, der medial nur noch schwer zurückzufahren ist, ohne Gesichtsverlust. d.h., die Wahrscheilnichkeit für eine (versuchte) Kraftdemonstration von britischer und/oder US-Seite, wie voriges Jahr bei dem Tomahawkangriff, steigt drastisch. Doppel gefährlich, weil nun Russland sich so was nicht mehr gefallen lassen muss, wie noch vor 1 Jahr. Ensprechende Worte stehen ja auch im Raum. Also US-/GB-Gesichtsverlust mit Ansage oder Selbtmord.

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  3. Wenn man diese Geschichte auf Tagesschau oder Heute Journal verfolgt (nicht ganz regelmäßig, muss ich zugeben), dann erfährt man gar nichts über die kritischen Stimmen (Craig Murray, Nafeez Ahmed oder auf Deutsch die Nachdenkseiten). Nun gibt es zahlreiche gut arbeitende Kollegen im „Staatsfunk“ (obwohl man meistens auf Dokus nach 23 Uhr warten muss, um das Gefühl zu haben, die Gebühren lohnen sich doch). Auch Magazine wie Monitor informieren kritisch. Dürfen speziell Redakteure von Tagesschau oder Heute Journal nur nach strikten Anweisungen arbeiten? Gibt es da Zensur? Oder sind sie schon so transatlantisch verblendet, dass sie tatsächlich nur noch die eine „westliche“ Sicht der Welt im Auge haben? Ist keinem dort die gefährliche Kriegs-hetze bewußt, die gegenwärtig abläuft? Oder ist es etwa die Angst, als „Verschwörungstheoretiker abgestempelt zu werden und die Karriere aufs Spiel zu setzen? Ein trauriges Spektakel ist es allemal.

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  4. Gut dass Craig Murray erwähnt wird in diesem Zirkus der Schuldzuschreibungen. Der von Blair geschasste Ex-Botschafter in Usbekistan („Murder in Samarkand“) während des Irak-Genozids hat dieser Tage mehrfach auf diese false flag ops hingewiesen. Ich empfehle auch dringend die Lektüre der Kommentare auf seiner Website, unter denen sich bemerkenswerte Stimmen aus dem UK-Establishment befinden. Etwa „Giftspezialisten“ zu Porton Down. Und offenbar Ex-Geheimdienstler und vermutlich pensionierte mandarins, natürlich anonym.
    Auch die alte Dame BBC kam nicht umhin, den ruhelosen Schotten zu interviewen. Sogar ohne die sonst nicht unüblichen Unterbrechungen, wenn Tacheles geredet wird. Murray wurde nämlich in UK von den Hofmedien Ihrer Majestät schon seit Jahren wie ein Aussätziger behandelt.
    Interessant auch die Stimmen von John Pilger und Peter Hitchens zu diesem giftigen Tatort.
    Wie immer: CUI BONO?

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  5. Zur kurzweiligen Erheiterung inmitten dieses erneuten medialen und politischen Desasters und auch als kleinen Dank an Sie, Herr Teusch, für Ihre unermüdliche Arbeit möchte ich gern eine kurze Passage aus Craig Murrays Blog hier referieren. Dieser hatte ja über den Kampf der britischen Regierung mit ihren eigenen Chemiewaffenexperten berichtet, die die Behauptungen der Regierung nicht mittragen wollten. Herausgekommen ist das jetzt schon legendäre „a nerve agent of a type developed in Russia“ („ein Nervengift eines von Russland entwickelten Typs“), das man wenn man darauf achtet mittlerweile in allen Erklärungen des Westens wortwörtlich so finden kann.

    Die britische Regierung fühlte sich genötigt, Murrays Bericht über die Unwilligkeit der eigenen Experten und der Existenz einer genau festgelegten Formulierung öffentlich zu dementieren, aber wie sie das tut ist, in Murrays Worten, der „vielleicht witzigste Fail in der Geschichte des Dementis“:

    “We have no idea what Mr Murray is referring to. The Prime Minister told MP’s on Monday that world leading experts at Porton Down had positively identified this chemical agent. It is clear that it is a military grade nerve agent of a type developed by Russia. None of that is in any doubt”.

    😉

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