Fürs Protokoll

Wenn zwei das Gleiche tun…

Zugegeben – es ist nur eine Kleinigkeit. Dennoch sollten wir sie festhalten und darauf bestehen, dass sie ins Protokoll aufgenommen wird.

In der Berichterstattung über die russischen Präsidentschaftswahlen wurde immer wieder moniert, dass sich Wladimir Putin keiner Fernsehdebatte mit seinen Herausforderern gestellt hat. Die Gegenkandidaten durften zwar im „russischen Staatsfernsehen“ diskutieren, aber sie blieben unter sich. Der Hecht im Karpfenteich sah sich das Ganze von außen an.

Ist das nicht mal wieder typisch für Putin? Für seinen autokratischen Führungsstil? Für die Arroganz der Macht? Für die Angst vor der direkten Konfrontation?

Dass Amtsinhaber nicht unbedingt erpicht darauf sind, mit Herausforderern zu diskutieren, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Man erinnere sich an die „Schmidtchen Kneifer“-Kampagne der Union (1976), nachdem sich Kanzler Schmidt einem Duell mit Helmut Kohl verweigert hatte.

Was Putin angeht: Als radikaler Demokrat bin ich der Überzeugung, dass er sich der Auseinandersetzung mit seinen Kontrahenten hätte stellen sollen. Durchaus möglich sogar, dass sein Wahlsieg noch höher ausgefallen wäre, wenn er sich dem „direkten Vergleich“ ausgesetzt hätte. Denn die Fernsehdebatte „der anderen“ war alles, nur kein Ruhmesblatt: Sie uferte zeitweise aus, man pöbelte sich an, bespritzte sich sogar mit Wasser. Wer weiß, vielleicht hätte die Anwesenheit des Präsidenten eine disziplinierende Wirkung entfaltet…

Nun aber der Hinweis fürs Protokoll: Ich kann mich nicht erinnern, dass es unseren Medien übel aufgestoßen wäre, dass die Fernsehdebatten während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs 2016 ausschließlich von Clinton und Trump bestritten wurden. Die anderen Präsidentschaftskandidaten – ja, die gab es! – blieben wie selbstverständlich außen vor. Nicht einmal „unter sich“ ließen die US-Konzernmedien sie diskutieren.

In Deutschland wird kaum jemand auch nur die Namen dieser „anderen Kandidaten“ kennen, geschweige denn ihre Wahlresultate. Gary Johnson von der Libertarian Party erhielt fast 4,5 Millionen Stimmen, Jill Stein von den Grünen circa 1,5 Millionen, der unabhängige Evan McMullin 730.000. Dazu kamen noch weitere Bewerber, die es zusammen auf 1,15 Millionen Stimmen brachten.

Ich bezweifle, dass Alexei Nawalny, hätte er denn kandidieren dürfen, in Russland ein ähnlich gutes Ergebnis erzielt hätte wie Gary Johnson in den USA. Merkwürdig nur, dass den Namen Nawalny bei uns inzwischen die Spatzen von den Dächern pfeifen, aber kein Spatz den Namen Gary Johnson kennt.

Weil „die anderen“ von den US-Medien weitestgehend ignoriert wurden, hatte sich RT America (wie schon 2012) erlaubt, die Lücke zu füllen und die Außenseiter zu einer Debatte einzuladen. Aus Sicht des Polit-Establishments war das natürlich eine Frechheit sondergleichen. Später wurde dieser unerhörte Vorgang von US-Geheimdiensten allen Ernstes als einer der Belege für die angebliche russische Wahleinmischung präsentiert.

Die Libertarian Party Gary Johnsons veröffentlichte dazu auf ihrer Website einen spöttischen Kommentar:

„There has of course been long-standing annoyance among many in the US that the ‘mainstream’ US media’s debates consistently exclude all but the Democratic and Republican candidates. US spy agencies, however, see this exclusion as such a core aspect of US democracy that they are presenting more inclusive debates as inherently anti-American.“

Ein Kommentar zu „Fürs Protokoll

  1. Man muss nicht erst in die USA schauen. Merkel hat vor der Wahl auch nur mit dem Kandidaten von Ihrem Koalitionspartner SPD geredet. Die andern Spitzenkandidaten hatten ein Gespräch ohne sie.

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