Bad Vlad ist nicht zu fassen

Schon wieder hat er den Westen reingelegt

Udo Lielischkies, Leiter der SOKO Moskau, hat den Fall Skripal aufgeklärt. In der letzten „Maischberger“-Runde enthüllte er das alles entscheidende Motiv für den Mordversuch. Die Tat von Salisbury war aus seiner Sicht so etwas wie der Höhepunkt des russischen Präsidentschaftswahlkampfs und das ultimative Mittel, die für den Kreml-Herrn so eminent wichtige Wahlbeteiligung nach oben zu schrauben.

Bekanntlich manipuliert Putin Wahlen und Volksabstimmungen auf der ganzen Welt. Was wunder, dass er es auch im eigenen Land tut. Nicht etwa, um die Wahl zu gewinnen – denn sein Sieg stand, wie in jeder totalitären Diktatur, von vornherein fest –, sondern um eine möglichst hohe Wahlbeteiligung und eine entsprechend hohe Legitimation zu erreichen.

Lielischkies verwies auf die Leiterin der Zentralen russischen Wahlkommission, die sich ironisch bei den Briten für die Wahlkampfhilfe bedankt hatte. Auch fast alle russischen Fernsehkommentatoren seien sich einig gewesen, dass die britischen Reaktionen auf den Fall Skripal eine höhere Wahlbeteiligung gebracht hätten. Genau das, so Lielischkies, sei Putins Absicht gewesen:

„Er braucht den Konflikt mit dem Westen, weil er der tapfere Präsident ist, der sich dem aggressiven Westen entgegenstellt. Das ist seine Hauptstory. Damit punktet er. Damit ist er so populär.“

Sosehr man den kriminalistischen Scharfsinn Lielischkies‘ bewundern muss – die volle Tragweite seiner Äußerung war ihm vermutlich nicht bewusst. Denn der Umkehrschluss liegt nahe: Der ganze perfide Plan Putins wäre gescheitert, wenn die Briten nicht mitgespielt und wie normale Menschen, also vorsichtig und zurückhaltend, reagiert hätten. Dann wäre Putins Doppelmordversuch zum Rohrkrepierer geworden. Stattdessen liefen sie ihm blindlings ins Messer.

Allzu groß war Putins Risiko freilich nicht. Wer es mit Leuten wie Theresa May oder Boris Johnson zu tun hat, kann die Reflexe mit ziemlicher Sicherheit vorausberechnen.

Selbstverständlich streiten die Russen jetzt alles ab und gefallen sich in ihrer Opferrolle. Das ist typisch für sie, wie Alice Bota in ihrer ZEIT-Kolumne erläutert. Sie, die Russen, machen ständig irgendwelche Schweinereien. Aber dann entziehen sie sich der Verantwortung und inszenieren sich als Opfer westlicher Kampagnen oder Verschwörungen:

„Die Taktik kennen die Europäer schon. So war es bei der Annexion der Krim (das sind nicht unsere Soldaten, sondern grüne Männchen), so ist es bei dem Krieg in der Ostukraine (da kämpfen nicht unsere Militärs, sondern Freiwillige auf Urlaub), so war es beim Abschuss der MH17 (das waren die Ukrainer), und selbst als ein Untersuchungsbericht der Niederländer die Verantwortung nach dem Abschuss zweifellos beantwortete, warfen russische Medien und Politiker weiterhin Nebelkerzen, bis heute. Und so war es bei den Dopingvorwürfen, hinter denen die russischen Offiziellen eine westliche Verschwörung vermuten. Nie ist die russische Elite bereit, politische Verantwortung zu übernehmen.“

Nun könnte man sagen: Mit der gerade beschlossenen konzertierten Ausweisung russischer Diplomaten hat der Westen Russland endlich gezeigt, wo der Hammer hängt. Damit wurde eine Duftmarke gesetzt, die dem Kreml zu schaffen machen wird.

Tatsächlich?

Ausgerechnet „Die Welt“ sieht das anders. Und sie macht sich große Sorgen um die EU. Denn nur 16 EU-Länder haben sich an der Ausweisungsaktion beteiligt. Was ist mit den anderen? Und warum verkündet ausgerechnet Ratspräsident Tusk „den verblüfften Journalisten“ diese Entscheidung, obwohl sie doch gar nicht von der EU als Ganzer getragen wird? „Tusk“, schreibt „Die Welt“, „hat nicht nur einen diplomatischen Fauxpas begangen, sondern auch einen schweren strategischen Fehler.“

Doch es kommt noch schlimmer! Denn auch mit dieser scheinbar harten Entscheidung ist man den Russen offenkundig abermals auf den Leim gegangen.

„Sollte Präsident Wladimir Putin wirklich verantwortlich sein“

– woran nach den Enthüllungen Lielischkies‘ keine Zweifel mehr bestehen –

„ist es ihm mit einem simplen Giftangriff gelungen, die EU zu spalten und einen Streit darüber zu entfachen, wie die Europäer mit Moskau umgehen sollten. Und genau das war immer sein strategisches Ziel. Denn Spaltung bedeutet aus Sicht des ehemaligen KGB-Agenten Putin auch Schwächung.“

„Voller Sarkasmus“, schreibt „Die Welt“, habe das russische Außenministerium festgestellt, dass hier bloß noch eine „Ländergruppe“ handele, nicht mehr die ganze EU. In Moskau herrsche „Schadenfreude“.

Wir sehen: Schon wieder eine Falle Putins – und schon wieder ist der tumbe Westen reingetappt.

Doch damit immer noch nicht genug! „Die Welt“ denkt über den Tag hinaus und befürchtet, dass uns noch viel ernstere Herausforderungen erwarten. Denn, so ihre bange Frage: Wird sich Moskau durch die jetzt vom Westen verkündeten Maßnahmen wirklich davon abhalten lassen, weitere Giftangriffe zu initiieren? Und falls nicht – was dann?

„… wie reagieren die ausweisenden Staaten erst, wenn sich ein solcher Angriff wiederholt? Und was passiert, wenn sich der Angriff zu einem Zeitpunkt ereignet, an dem Großbritannien gar nicht mehr EU-Mitglied ist? Dies alles sind Fragen, die die EU noch unter Hochspannung setzen und sich zu einem gefährlichen Spaltpilz entwickeln könnten.“

Mit anderen Worten: Noch zwei, drei Giftangriffe, dann ist die EU erledigt – und Putin am Ziel.

Selbstverständlich werden die Russen auf die Ausweisung ihrer Diplomaten nun mit adäquaten Maßnahmen antworten. Auch das kann Putin nur zum Vorteil gereichen. Seinen Landsleuten wird er sich – siehe Lielischkies – wieder mal als starker Mann präsentieren, der sich nichts gefallen lässt. Und selbst im Westen wird er Verständnis ernten, weil er ja mit der ganzen Ausweiserei nicht angefangen hat, sondern sich bloß schadlos hält.

Wie man es auch dreht und wendet: Putin gewinnt immer. Er macht mit dem Westen, was er will. Und der Westen macht alles, was er will: macht Männchen, holt Stöckchen… Einem ausgefuchsten, skrupellosen Schachspieler wie ihm sind wir nicht gewachsen.

Was aber, wie man ehrlich zugeben muss, nicht nur am teuflischen Intellekt Putins liegt, sondern auch daran, dass wir uns Außenminister wie Boris Johnson oder Heiko Maas leisten, die allenfalls für eine „Mensch ärgere dich nicht“-Partie taugen.

15 Kommentare zu „Bad Vlad ist nicht zu fassen

    1. Herrliche Satire auf den Zustand unserer westlichen Wertegemeinschaft. Heiko Maas stellte sich im BT nach seiner Rede den Fragen der Bundestagsmitglieder. Auffallend war, dass er sich auf die Beantwortung gar nicht erst eingelassen hatte, sondern wich einfach aus und erklärte hastig zwinkernd, dass die Bundesregierung gute Gründe habe anzunehmen, dass RU hinter den Giftgasanschlägen stecke, weil das Gift in Russland hergestellt wurde (glatte Lüge) und Russland sich der Aufklärung verweigert, also nicht zugibt, es getan zu haben. In der Bundespressekonferenz war die Bundesregierung nicht bereit, die angeblich vorhandenen Beweise zu benennen und die kritischen Fragen der Journalisten wären ihrer Meinung nach nicht konstruktiv. Es sieht so aus, dass die Wertegemeinschaft sich gar keine Mühe mehr macht, mit gefälschten Beweisen (Irakkrieg) zu arbeiten, oder wie im Fall Libyens, Horrorgeschichten durch PR-Bilder zu untermauern (weinende Mütter), sondern Russland betreffend, alle internationalen Regeln missachtend, haltlose Anschuldigungen unverschämt zu verbreitet. Der Westen kümmert sich einen Dreck um die Wahrheit und es ist höchste Zeit, dass RU dies versteht und nicht versucht, die Differenzen immer wieder mit diplomatischen Mitteln lösen zu wollen. RU hätte sofort nach den Anschuldigungen ultimativ Beweise fordern müssen und nach der Weigerung GB, RU an den Ermittlungen teilnehmen zu lassen, die Wahnsinnigen links liegen lassen. Warum das ganze Theater vor den Wahlen und der WM? Putins Wahlsieg war nicht zu verhindern, aber solche Typen, wie Lielieschkis bekamen die Gelegenheit, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Wahrscheinlich ist es ein Versuch der USA und GB, die Europäer hinsichtlich Nord Stream 2 zu beeinflussen und als Nebenprodukt die Fußball-WM zu torpedieren und letztendlich Russland komplett zu isolieren.

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  1. Haha…herrlich :-). Danke Herr Teusch, dass man in all dem Wahnsinn auch mal lachen kann.
    Lehrreich sind diese Zeiten allemal – man bekommt Verständnis für die Generatioen vor uns. Man kann erkennen, wie man Menschen in Hass und in Kriege treiben kann. Damals gab es kein Internet, hoffen wir, dass die „Weisheit der Vielen“ ihre Lügen schneller aufdeckt, als „sie“ den großen Krieg anfangen können.

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  2. Da hat er aber wirklich recht. Je mehr sich die russische Gesellschaft bedroht fühlt von den USA und ihren europäischen Hinterherläufern, um so enger rückt sie mit ihrer Staatsführung zusammen. Und jetzt habe ich echt den Eindruck, dass die westlichen Politiker, die NATO und die EG-Bonzen ein Heer von Putin-Trollen sind.

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  3. „… dass wir uns Außenminister wie Boris Johnson oder Heiko Maas leisten, die allenfalls für eine „Mensch ärgere dich nicht“-Partie taugen.“
    Das mit der „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Partie würde ich noch einmal überdenken!!!

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  4. Empfehle hier auch die amüsanten Gespräche Putins mit Oliver Stone zu lesen.
    Übrigens sind die WELT Kommentare teils recht weltoffen und gescheit, ich meine die der Welt-Leser,
    nicht die der Rudeljournalisten…

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  5. Hey , wie werden von totalen Irrläufern der Evolution geführt, nun grenzt es schon an den Irreseins. Habe gerade auf info Sperber (Schweiz) einen guten Kommentar gelesen über den Totalen Irrsinn. Da faseln unsere Ö-R gestern Abend, nun haben sich 28zig Länder geeinigt, auch die Nato beginnt mit der Ausweisung. Wir leben in einem Irrenhaus. MfG

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