Nicht in unserem Namen!

Ein fulminantes Interview mit Antje Vollmer

Im Dezember 2014 – vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts – hatte die Grünen-Politikerin und langjährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, einen Aufruf mitinitiiert, den mehr als 60 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien unterzeichneten: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“

Vor wenigen Tagen, am 12. April 2018, warnte sie in einem Gastbeitrag für die FAZ zusammen mit Günter Verheugen, Edmund Stoiber, Horst Teltschik und Helmut Schäfer vor der Gefahr „eines dritten und letzten Weltkriegs“.

Beide Initiativen fanden kaum Resonanz in Politik und Medien.

Jetzt hat Antje Vollmer auf den NachDenkSeiten (NDS) ihre Position nochmals verdeutlicht. Ihr Gespräch mit NDS-Mitarbeiter Marcus Klöckner verdient größte Beachtung und weite Verbreitung.

Hier einige markante Zitate:

„Wir stehen vor einer extrem zugespitzten Situation zwischen dem Westen und Russland. In dieser Situation können kleinere Ereignisse oder Fehlinterpretationen von Ereignissen zu einer weiteren Eskalation führen, die dann – und das ist die große Gefahr – keiner mehr kontrollieren kann. Ich bin der Ansicht, dass eine falsche Bedrohungsanalyse genauso gefährlich sein kann wie eine echte Bedrohung.“

„Meine These ist, dass es um die Jahrtausendwende, spätestens aber im Jahr 2005, eine grundsätzliche Veränderung der deutschen Außenpolitik gegeben hat.“

„[Der Aufruf von 2014] war eine kollektive öffentliche Warnung von Vertretern der alten Bundesrepublik und ihrer Zivilgesellschaft davor, die Grundkoordinaten der deutschen Außenpolitik, die einmal parteiübergreifend von Willy Brandt bis zu Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher Geltung gehabt hatten, leichtfertig zu verändern. Wir sahen, dass die Grundpfeiler dieser alten Außenpolitik Stück für Stück eingerissen wurden …“

„Dieser Aufruf von damals war … ein Aufstand der alten Bundesrepublik gegen die Elite der Nachwendezeit und ihre neue Agenda in der Außenpolitik – eine Außenpolitik, die sich zwar ‚menschenrechtsgestützt‘ nennt und hohe Werte propagiert, aber mit ziemlich aggressiven Methoden daherkommt: mit Sanktionen, Regime-Change-Versuchen, doppelten Standards in der Frage von Völkerrechtsverletzungen etc.“

„Ich beobachte einen starken monokulturellen Einheitsdruck aufseiten der politisch Verantwortlichen, insbesondere in Deutschland. Angela Merkel ist … eine Meisterin, wenn es darum geht, eine Einheitsfront zu bilden.“

„Es gibt … einen enormen Binnendruck, der Dissens sehr schwer macht. Und immer gibt es zur Abschreckung einen Bösewicht, der außen stehen muss … Ich beobachte in der Berichterstattung … eine extreme Feindbildprojektion auf Putin und Russland, die irrationale Züge trägt und weit über die notwendige und berechtigte Kritik hinausgeht.“

„Man interessiert sich [in der Berichterstattung] kaum ernsthaft für Russland. In manchen Medien scheint das Bild vorzuherrschen, das heutige Russland sei die gradlinige Fortsetzung der Sowjetunion, ja geradezu die Fortsetzung des Stalinismus. Stereotype Denkmuster und Vorurteile werden nicht mehr überprüft. Es gibt keinerlei offene Neugier auf das heutige real existierende Russland.“

„Wir brauchen wieder Journalisten, die in der Lage sind, ihre eigenen Emotionen zu hinterfragen und sich selbst in ihrer Aktivistenrolle zu bremsen.“

„Das Etikett ‚Russland-Versteher‘ ist längst ein Grund geworden, nicht hinzuhören. Die Leute, die diese Rolle übernehmen, also bereit sind, öffentlich Russland zu verstehen, können Sie an einer Hand abzählen.“

„…wer sich für Mäßigung im Umgang mit Russland einsetzt, wer gar Fehler auf der eigenen Seite, im eigenen Lager, offen anspricht, muss sich warm anziehen.“

„Die Funktionsträger der alten Bundesrepublik waren sich sehr bewusst, dass zwischen uns und Russland kein Ozean liegt. Deswegen haben sie immer auf eine Ausgleichspolitik zwischen dem Westen und dem potentiellen Gegner im Osten gesetzt.“

„[Heiko] Maas zählt sich definitiv zu den neuen Eliten der Bundesrepublik, die anders denken und handeln als ihre Vorgänger. Es ist besonders traurig zu sehen, dass ausgerechnet ein neuer SPD-Außenminister das entspannungspolitische Konzept seiner eigenen Partei als überholt betrachtet.“

„Er [Maas] hat vor Journalisten angekündigt, er würde gegenüber Russland einen viel härteren Kurs fahren als seine Vorgänger Steinmeier und Gabriel. Heiko Maas hat damit der gesamten Entspannungspolitik, deren Erfinder die Sozialdemokraten waren, eine klare Absage erteilt.“

„Ich frage mich schon die ganze Zeit, wann gibt es bei den Sozialdemokraten eine Rebellion gegen diesen Strategiewechsel und Bruch mit den besten eigenen Traditionen?“

„Was mir aber Hoffnung gibt, ist: Trotz dieser einheitlichen politisch-medialen Front positioniert sich die Bevölkerung in Umfragen anders. 70 bis 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sagen, dass sie eine Verständigung mit Russland wünschen.“

„Die Entspannungspolitik ist in der Bevölkerung sehr viel stärker verankert als bei den Politikern und Journalisten.“

„Das Netz rebelliert. Im Internet finden sich auch die Zweifel, die eigentlich von Journalisten in den Medien vorgetragen werden sollten.“

„Als Pazifistin und Befürworterin einer modernen Entspannungspolitik sind Sie innerhalb der Grünen heute ein Alien von einem fernen Stern.“

4 Kommentare zu „Nicht in unserem Namen!

  1. Eine kluge und differenzierte Analyse, die Antje Vollmer in diesem Gespräch offen legt.
    Sie stellt auch etwas sehr Wichtiges fest: „Was wirklich fehlt, ist die Kraft auf der Straße.“
    Darüber gilt es sich weiter Gedanken zu machen, wie es gelingen kann, dass wieder Millionen Menschen
    auf die Straße gehen um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren und zu zeigen, dass sie mit der
    herrschenden Politik nicht einverstanden ist.

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  2. Hallo,
    Leider wird ja jede Antikriegs- Bewegung oft in die rechte Ecke gestellt , grosse Teile der Bevölkerung sind ja auch schon durch die permanente Propaganda gehirngewaschen , den meisten geht das Thema Frieden am Ar*** vorbei, bald ist ja Fussball WM, das ist wichtiger..
    Persönlich habe ich keine Hoffnung mehr, würde aber mich trotzdem gerne für den Frieden engagieren, bin jetzt in Rente und hätte Zeit!
    LG
    Christine Reichelt

    Gefällt 2 Personen

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